Wer wird für die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie aufkommen? Wir alle. Aber muss auch jeder gleich viel für die Folgen zahlen? Die Gewerkschaft IG Metall fürchtet eine ungleiche Verteilung. Arbeitsgeberverbände und etliche Mitgliedsunternehmen begriffen die Krise als Möglichkeiten für den Abbau von Stellen und unterliefen dabei Arbeitnehmerrechte und Tarifverträge, sagte der Bezirksleiter von Baden-Württemberg Roman Zitzelsberger am Freitag vor Journalisten. Die Krise dürfe aber nicht auf den Schultern der Beschäftigten abgeladen werden.

Dass Unternehmen ihre Produktion nach Ost-Europa verlagerten, sei „nicht in Ordnung“. So hatte etwa der Autozulieferer Eberspächer angekündigt, den Bau von Standheizungen von Esslingen nach Polen zu verschieben. „Dabei haben wir doch gerade erfahren, dass Lieferketten nicht immer funktionieren und sich Grenzen auch wieder schließen können“, sagte Zitzelsberger.

Corona-Pandemie befeuert Streichungen

Schon im Herbst vergangenen Jahres haben nach Auffassung der IG Metall Betriebe in der Automobilwirtschaft versucht, „unter dem Deckmantel notwendiger Transformation Sparprogramme und Jobabbau durchzusetzen und ihre Rendite zu steigern“. Die Corona-Pandemie befeuere dieses „Streichkonzert“ nun, ein sozialer Kahlschlag drohe 63 Prozent der Betriebe erklärten in einer aktuellen Umfrage, dass sie mit mehr Stellenabbau rechnen.

Ende April waren im Südwesten nach einer Umfrage in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie mehr als 525.000 Beschäftigte in 690 Betrieben in Kurzarbeit oder davon bedroht. Über alle Branchen hinweg – Metall und Elektro, Holz und Kunststoff, Textil und Bekleidung, Edelmetall sowie Kfz-, Metall-, Elektrohandwerk und Technische Gebäudeausrüstung – waren fast 80 Prozent betroffen.

Kostensenkung auf dem Rücken der Beschäftigten

Die Beschäftigten seien durchaus zu Zugeständnissen bereit. Diese müssten aber zeitlich befristet und je nach Fall individuell geregelt sein – und vor allem immer die Sicherung der Beschäftigung im Mittelpunkt haben. Automatismen zur Reduzierung tariflicher Leistungen, wie sie die Arbeitgeber wollten, werde es nicht geben. „Wir sehen auch die betriebswirtschaftliche Herausforderung“, sagte Zitzelsberger. „Aber wenn es kein Miteinander gibt, geht da gar nichts.“ Der Dialog mit den Arbeitgebern über Möglichkeiten zur Bewältigung der Krise kämen nicht voran. „Es sind äußerst schwierige Gespräche“, beklagte der IG-Metall-Bezirkschef. Alles was Südwestmetall zur Lösung einfalle, seien Kostensenkungen auf dem Rücken der Beschäftigten.

Ausbildungsplätze gestrichen

Auch in der Ausbildung und Übernahme von Auszubildenden drohten signifikante Einschnitte. „Dies betrifft nicht das Ausbildungsjahr 2020, aber von 2021 an könnte die Zahl an Stellen für Ausbildung und Duales Studium zurückgehen“, befürchtet Zitzelsberger. Dabei habe die Zeit nach der Krise in den 90er Jahren mit Fachkräftemangel gezeigt, dass dies der falsche Weg sei.

Unter dem Motto „Solidarität gewinnt“ will die IG Metall der Entwicklung entgegenwirken. Kernpunkte der Kampagne sind die Sicherung von Arbeitsplätzen und Einkommen, aber auch der Gesundheitsschutz der Beschäftigten. Mit ihr geht die Gewerkschaft auch in die anstehenden Tarifrunden 2021. Zitzelsberger: „Bisher ging es darum, gesund durch die Krise zu kommen und dafür waren Einschränkungen notwendig und richtig.“ Nun gelte es, in eine neue Normalität zu finden und die Betriebe zukunftssicher zu machen.

Bedauern über nicht umgesetzte Kaufprämie


Das Konjunkturpaket der Bundesregierung setze viele Impulse, lobt die IG Metall Baden-Württemberg. Die Senkung der Mehrwertsteuer sei für Produkte aus der Metall- und Elektroindustrie zu wenig als Kaufanreiz. Es gebe eine zu geringe Lenkungswirkung zur CO2-Reduzierung, da wäre eine Kaufprämie besser gewesen, auch weil sie sofort gewirkt hätte. Von der Landes-SPD habe die IG Metall viel Unterstützung erfahren. Zu den beiden SPD-Bundesvorsitzenden sagte Bezirksleiter Roman Zitzelsberger: „viel gehört, leider falsch reagiert“.