Berlin / Dieter Keller Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit, rechnet trotz der Corona-Krise nicht mit mehr als drei Millionen Arbeitslosen. Die Erholung von der Pandemie könnte aber bis zu drei Jahre dauern. Von Dieter Keller

Fünf Millionen Arbeitslose – das ist immer noch die Schreckenszahl nicht nur für die Politik. So viele gab es in Deutschland auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009. Doch obwohl die Bundesrepublik durch die Corona-Pandemie in die tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte gerutscht ist, noch tiefer als vor einem Jahrzehnt, dürften es in den nächsten Monaten nicht einmal drei Millionen Arbeitslose geben, ist der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, überzeugt, und Wirtschaftsforscher schätzen die Lage ähnlich ein.

Im Juni waren 2,85 Millionen Menschen ohne Job. Das waren 637 000  mehr als ein Jahr zuvor.  Die Zunahme dürfte ganz überwiegend auf Corona zurückzuführen sein. Für den Sommer rechnet Scheele noch mit einem leichten Anstieg, wie das saisonal üblich ist.

Die Zahl werde aber im Juli und August nach derzeitigen Schätzungen nicht die Grenze von drei Millionen überspringen, sagte er der Deutschen Presseagentur. Die jetzige Krise sei virusbedingt und kaum konjunkturell oder strukturell verursacht. Deswegen sei es möglich, dass eine Erholung eintrete, wenn sich grundlegende Faktoren in die richtige Richtung bewegten.

„Zur Zeit gehen wir von einem Abschwung aus, der vorrangig durch die Auswirkungen der Pandemie begründet ist“, sagt der BA-Chef. „Der Arbeitsmarkt war ja in guter Verfassung.“

Viel Entlastung bringt die Kurzarbeit. Für den April schätzte die BA, dass es 6,83 Millionen Kurzarbeiter gab, für den Mai rechnete Scheele mit 6 Millionen. In der Krise vor einem Jahrzehnt waren es selbst in der Spitze nur 1,5 Millionen, allerdings konzentriert auf die Industrie, während jetzt viele Branchen betroffen sind, insbesondere auch Dienstleister.

Derzeit sieht Scheele keine Anzeichen, dass der Kurzarbeit, die als kurzzeitige Brücke dient, in großem Stil Entlassungen folgen oder gar eine Insolvenzwelle droht. Allerdings bekomme die BA das Sterben kleiner Gaststätten oder Kultureinrichtungen im Zweifel nicht mit. Gleichzeitig gebe es aber weiter Fachkräfteengpässe in vielen Berufszweigen, etwa in der Pflege.

Aus der Wirtschaft haben bisher nur einzelne Unternehmen angekündigt, Stellen zu streichen, etwa in der Autoindustrie oder beim Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags gaben im Juni 26 Prozent der Unternehmen an, sie wollten Personal abbauen. Gleichzeitig wollten acht Prozent zusätzliches einstellen.

452 000 Arbeitslose mehr

Auch Wirtschaftsforscher rechnen derzeit nicht mit einer dramatischen Entwicklung. Die Wirtschaftsweisen gingen in ihrer jüngsten Prognose davon aus, dass es in diesem Jahr im Durchschnitt 2,72 Millionen Arbeitslose gibt. Das wären 452 000 mehr als 2019. Für das nächste Jahr rechnen sie mit einem leichten Rückgang auf 2,7 Millionen.

Ähnlich sehen die Erwartungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-­Böckler-Stiftung zumindest für 2020 aus. Es rechnet damit, dass die Zahl der Arbeitslosen in diesem Jahr im Schnitt um 500 000 steigt.

Für das Jahr 2021 ist das Institut mit einer weiteren Zunahme um 130 000 etwas pessimistischer als die Wirtschaftsweisen. Gleichzeitig soll es noch 650 000 Kurzarbeiter geben nach knapp 2 Millionen im Durchschnitt dieses Jahres.

„Bis wir wieder auf Normalmaß sind, wird sicher bis 2022 oder 2023 dauern“, gibt BA-Chef Scheele eine längerfristige Perspektive. „Aber wir glauben, dass das wieder gelingen wird.“ (mit dpa)

Ohne Dienstreisen geht es nicht

Die Zahl der Dienstreisen dürfte zwar infolge der Corona-Krise zu Gunsten von Videokonferenzen abnehmen, erwartet der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer. Aber sie blieben ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: „Die meisten Firmen lassen sich auf Dauer nicht vom Rechner aus steuern“, ist er überzeugt.

„Neue Geschäftspartner beispielsweise gewinnt man letztlich nicht in Videokonferenzen“, sagte Schweitzer. „Und wenn wir keine Monteure vor Ort schicken, wird keine Maschine aufgestellt und in Betrieb genommen.“ dpa