Supermärkte und Discounter locken mit Sonderangeboten, jedoch müssten Fleisch, Milch und Käse nach einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Augsburg eigentlich viel mehr kosten, als heute verlangt wird. Hackfleisch müsste fast dreimal so teuer sein, Milch und Gouda müssten fast doppelt so viel kosten, haben der Wirtschaftsinformatiker Tobias Gaugler und sein Team errechnet.

„Umweltschäden finden aktuell keinen Eingang in den Lebensmittelpreis“, sagt Gaugler. „Stattdessen fallen sie der Allgemeinheit und künftigen Generationen zur Last.“ Er hat im Auftrag von Penny (Rewe-Gruppe) die „wahren Kosten“ für 16 Eigenmarken-Produkte der Handelskette berechnet und neben den „normalen“ Herstellungskosten auch die Auswirkung der bei der Produktion entstehenden Treibhausgase, die Folgen der Überdüngung sowie den Energiebedarf berücksichtigt.

Die Auswirkungen auf den Preis sind gravierend, vor allem auf den von Fleisch und Tierprodukten. So müsste der Preis für Fleisch aus konventioneller Aufzucht bei Berücksichtigung der versteckten Kosten um 173 Prozent steigen.

Die Rewe-Gruppe will einen neuen Penny-Nachhaltigkeitsmarkt in Berlin eröffnen. Dort soll für je acht konventionell und ökologisch erzeugte Eigenmarken-Produkte neben dem Verkaufspreis auch der „wahre Preis“ ausgewiesen werden. So stehen auf dem Preisschild für die H-Milch neben dem Verkaufspreis von 79 Cent die „wahren Kosten“ von 1,75 Euro und dem für 250 Gramm Bio-Hackfleisch dem Verkaufspreis von 2,25 Euro auch die „wahren Kosten“ von 5,09 Euro.

„Wir sind Teil des Problems“

„Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen“, sagt der Rewe-Topmanager Stefan Magel. Nur so könne der Kunde eine bewusste Kaufentscheidung treffen.

Magel räumt ein: „Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems.“ Er hoffe aber mit dem aktuellen Schritt Teil der Lösung werden zu können. Wenn die Kunden positiv auf die doppelte Preisauszeichnung reagierten, dann könne er sich vorstellen, die Zahl der gekennzeichneten Produkte zu erhöhen und den Test auf weitere Märkte auszuweiten.

Die Augsburger Wissenschaftler hoffen, dass die „doppelte Preisauszeichnung“ das Einkaufsverhalten der Kunden verändert. Es könne ein Beitrag zu ehrlicheren Lebensmittelpreisen sein.

Lieber wäre es ihnen aber, die Umweltfolgekosten würden schrittweise auf die Lebensmittelpreise aufgeschlagen, etwa durch Steuern auf CO2-Emissionen in der Landwirtschaft und mineralischen Stickstoffdünger. „Die Preisanpassungen der Lebensmittelmärkte würden wahrscheinlich zu deutlichen Verschiebungen hin zu mehr pflanzlichen und mehr Bio-Produkten führen“, sagt Amelie Michalke, die Mitverfasserin der Studie. Sie würden „gleichzeitig die Umweltschäden deutlich reduzieren“.

Auch der Bio-Landwirt und Chef des Babynahrung-Herstellers Hipp, Stefan Hipp, betonte kürzlich: „In unser aller Interesse sollten wir darauf drängen, dass sich die wahren Produktkosten bald auf den Preisschildern finden.“ Derzeit trage die Gesellschaft die Kosten für Schäden.

Und Thomas Antkowiak, Vorstandsmitglied beim Hilfswerk Misereor, mahnte: „Wenn wir ehrlich bilanzieren, müssen wir einräumen, dass wir auf Kosten von Mensch und Natur wirtschaften.“

Dabei sind die Berechnungen der Wissenschaftler längst nicht vollständig. Gaugler: „Wir haben bisher nur einen Teil der versteckten Kosten berücksichtigt, aber das zeigt schon, dass die Preise lügen.“ Erich Reimann

Kommentar

So würden die Preise steigen


Die Lebensmittel müssten teils drastisch mehr kosten, wenn der Kaufpreis die Vermeidung von Umweltschäden beinhalten würde. Einige Preise, von Forschern errechnet:

500 Gramm gemischtes Hackfleisch aus konventioneller Herstellung würden nicht 2,79 Euro, sondern 7,62 Euro kosten.

Normale Milch würde sich um 122 Prozent verteuern, Milchprodukte wie Gouda-Käse um 88 Prozent und Mozzarella um 52 Prozent.

Bananen würden um 19 Prozent teurer, Kartoffeln und Tomaten um 12 Prozent und Äpfel um 8 Prozent.

Biofleisch würde bei Berücksichtigung der „wahren Kosten“ noch einmal um 126 Prozent steigen. dpa