Es war wie eine Vollbremsung des laufenden Geschäfts: „Im Gegensatz zu früheren Wirtschaftskrisen kündigte sich die Corona-Krise nicht über einen längeren Zeitraum an, sondern kam fast unvermittelt“, sagt Wolfgang Grenke, der Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK). Obwohl viele Geschäfte wieder geöffnet hätten, stünden sie wegen Corona-Auflagen vor großen Herausforderungen, manche Betriebe vor existenziellen Bedrohungen.

4,3 Millionen Menschen arbeiten in Baden-Württemberg im Dienstleistungsbereich – das entspricht 67,7 Prozent aller Erwerbstätigen. Eine Kurzexpertise des Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung hat ergeben, dass 25 Prozent aller Beschäftigen im Dienstleistungsbereich von den Einschränkungen und Verboten – zum Beispiel in der Gastronomie – unmittelbar betroffen waren, 20 Prozent galten als systemrelevant und waren ausgenommen. Der Rest „ist von einem allgemeinen Nachfragerückgang betroffen“.

Um die Unternehmen und ihre Mitarbeiter zu unterstützen, haben das Wirtschaftsministerium und der BWIHK gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO ein Positions- und Strategiepapier erarbeitet. Mit mehreren Maßnahmen soll der Branche langfristig geholfen werden.

„Wir haben unseren Unternehmen seit März mit finanziellen Soforthilfen und günstigen Kreditabsicherungen unter die Arme gegriffen“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeis­ter-Kraut. „Doch das allein wird nicht ausreichen, um die Krise zu bewältigen.“ Die Regierung müsse der Dienstleistungswirtschaft weitere Perspektiven geben, wie sie nachhaltig aus dieser Krise kommen und dabei wichtige Weichen für die Zukunft stellen könne.

Grundsätzlich geht es um eine Innovations- und Digitalisierungsinitiative, wobei vorrangig auf vier Maßnahmen gesetzt wird. Zum einen soll vor allem kleinen und mittleren Dienstleistern der Zugang zu Informationen darüber erleichtert werden, wie sich die Auswirkungen der Krise mit Hilfe von Digitalisierung, Geschäftsmodellinnovationen und neuen Dienstleistungsangeboten mildern lassen und ein Neustart gelingen kann. Dafür gibt es Webinare des „Kompetenzzentrums Smart Services“. Weitere Schulungs- und Weiterbildungsangebote sollen aufgebaut werden.

In dem im Herbst startenden Ideenwettbewerb „Smart Services“ werden laut Ministerium außerdem baden-württembergische Unternehmen ausgezeichnet, die erfolgreich Ideen für neue digitale Dienstleistungen in die Praxis umgesetzt haben.

Außerdem können Interessierte in „Erlebnisräumen“ des „Kompetenzzentrums Smart Services“ direkt erfahren, wie etwa Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Smart Glasses und weitere Technologien die Basis für neue Dienstleistungsangebote bilden könnten. Derzeit geht das in Stuttgart und Furtwangen, künftig sollen auch mobile Exponate bei Veranstaltungen im ganzen Land Einblicke geben. Die vierte Maßnahme soll in zwölf Modellprojekten den Austausch zwischen Forschung und Unternehmen in beide Richtungen intensivieren.

„Quasi als Sofortmaßnahme kann die Digitalisierung bisher im persönlichen Kontakt vertriebener wie betriebener Dienstleistungen ein wichtiger Stabilisator und Treiber des eigenen Geschäfts sein“, sagt Grenke. So könne man Kunden auch in Krisenzeiten gut erreichen, sagt Hoffmeister-Kraut. Das Wirtschaftsministerium habe daher seine Maßnahmen über das „Kompetenzzentrum Smart Services“ mit jeweils 800 000 Euro in den Jahren 2020 und 2021 verstärkt.

Video-Sprechstunden und Online-Tracking


Mit dem Begriff „Smart Services“ werden moderne, digital unterstützte Dienstleistungen umschrieben. Diese nutzen insbesondere das zunehmende Datenaufkommen sowie digitale Vertriebs- und Lieferkanäle (zum Beispiel Plattformen oder Apps), um einen zusätzlichen Mehrwert für Kunden zu schaffen.

Als Beispiele für Smart Services nennt das Wirtschaftsministerium das Online-Tracking von Bestellungen und Lieferfahrzeugen, Video-Sprechstunden und Video-Diagnosen bei Ärzten sowie die datenbasierte Optimierung von Reparaturen und Wartungen von Maschinen und Anlagen.