Berlin / Michael Gabel  Der Großteil der Geschädigten soll rund 2000 Euro pro Fahrzeug erhalten. Vergleichsverhandlungen mit Verbraucherschützern sind aber geplatzt. Von Michael Gabel

Volkswagen hat Dieselkunden angeboten, trotz des geplatzten Vergleichsverfahrens mit Verbraucherschützern eine Entschädigung zu zahlen. Insgesamt 830 Mio. € sollen an Diesel-Geschädigte ausgezahlt werden, die sich im Rahmen eines Musterprozesses vor dem Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig ins Klageregister haben eintragen lassen, teilte der Wolfsburger Konzern am Freitag mit. Das wären für jeden Autobesitzer im Schnitt rund 2000 €.

Zuvor hatte VW Vergleichsverhandlungen mit dem klagenden Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) platzen lassen. Der Autokonzern begründete das mit „unbegründet hohen Forderungen der Prozessanwälte“, die im Rahmen des Musterprozesses „pauschal 50 Mio. € für die Abwicklung der Vergleiche verlangt“ hätten. Den Vorwurf der „Pauschalkosten“ will der vzbv allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Die Kosten seien transparent dargelegt worden. Außerdem habe man VW zu den Abwicklungskosten der Entschädigungszahlungen einen Alternativplan angeboten.

Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer teilt allerdings die Kritik von Volkswagen an den Honorarforderungen. „Mir erscheinen sie völlig überhöht“, sagte der Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen dieser Zeitung. Honorare in solchen Dimensionen hätten das Potenzial, „alle Rechtsanwälte dieser Welt“ dazu zu verleiten, sich an Klagen gegen Automobilkonzerne zu beteiligen. Vom Platzen der Vergleichsverhandlungen sei er überrascht worden. „Denn wer sich in solche Gespräche begibt, versucht normalerweise, sie zum Abschluss zu bringen.“

Volkswagen und vzbv streiten seit Herbst vergangenen Jahres vor dem Oberlandesgericht Braunschweig darüber, wie die vom Dieselskandal betroffenen Autobesitzer entschädigt werden sollen. Die Verbraucherschützer wollen mit dem neuen Instrument der Musterfeststellungsklage stellvertretend für die Autobesitzer feststellen lassen, dass VW „vorsätzlich und sittenwidrig“ die Kunden geschädigt hat, indem die Abgasmessung auf dem Prüfstand manipuliert wurde. Die Vergleichsverhandlungen begannen im Januar.

Offenbar arbeitet Volkswagen nun bereits an einem konkreten Verfahren, wie die an der Musterfeststellungsklage des vzbv beteiligten Besitzer von Diesel-Fahrzeugen entschädigt werden könnten. Bis Ende März will der Konzern eine Internetplattform einrichten, über die die gut 400 000 Kläger „schnell und unkompliziert das auf sie zugeschnittene Angebot einer Einmalzahlung“ erhalten sollen, wie der Konzern mitteilte. Interessierte könnten sich bis dahin in einen E-Mail-Newsletter eintragen, um vom Unternehmen auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Grüne nennen Angebot „absurd“

Die Grünen bezeichneten das Angebot von VW, Dieselfahrer auch ohne Vergleich mit den Verbraucherschützern zu entschädigen, als „absurd“. „Ohne einen Vergleich und damit klaren Rechtsanspruch und einem funktionierenden System der Abwicklung ist es nur heiße Luft, die der Konzern verspricht“, sagte Tabea Rößner, verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Vzbv-Chef Klaus Müller kündigte an, dass sein Verband den Musterprozess in Braunschweig nun „mit voller Kraft fortsetzen“ wolle. Wann es zu einer Entscheidung kommt, ist nicht allerdings abzusehen.

Interessen von rund 400 000 Autobesitzern

In dem Musterverfahren vor dem Oberlandesgericht Braunschweig geht es um Manipulationen von Abgaswerten an Dieselautos. Volkswagen hatte 2015 eingeräumt, weltweit in Millionen Fahrzeugen eine illegale Software eingebaut zu haben. In den USA, wo der Skandal aufgedeckt wurde, zahlte der Automobil­-Konzern Schadenersatz in Milliardenhöhe. In Deutschland gingen die Geschädigten, die einen Wertverlust ihres Autos hinnehmen müssen, bislang leer aus. In dem seit Herbst laufenden Musterverfahren geht es um die Ansprüche von mehr als 400 000 Geschädigten. Der Verbraucherzentrale Bundesverband zog stellvertretend für die Betroffenen vor Gericht.