Zugegeben, im Video sieht alles sehr schick aus. Die am Mittwoch in Betrieb genommene „Factory 56“ von Daimler scheint aus einem Science-Fiction-Film zu stammen. Schmutzige, laute, dunkle Werkhalle? War gestern. Hier schweben Auto-Karosserien auf bis zu 400 selbstständig fahrenden Plattformen mit grünen Positionslichtern daher und werden sanft in die Höhe gehoben. Ein Fließband ist in manchen Bereichen der etwa 30 Fußballfelder umfassenden Fabrik nicht mehr nötig. Grau, Weiß und Blau sind die dominierenden Farben, nur die Schutzfolien leuchten in kräftigem Orange.

In einer der Karosserien sitzt im Video – Ola Källenius. Der Daimler-Chef schwärmt von der neuen Mercedes-S-Klasse, die seit Mittwoch in der Sindelfinger „Factory 56“ gebaut wird. Auch wenn der Name schnöde von einer Hallennummer 56 abstammt: Daimler sieht in dem Werk wenig zurückhaltend die „Zukunft der Produktion“. Der zuständige Netzwerkausrüster Telefonica bezeichnet sie gar als „eine der weltweit modernsten Autoproduktionen“: „Die fünfte Mobilfunkgeneration wird Maschinen und Anlagen intelligent, sicher, kabellos und in Echtzeit miteinander vernetzen.“ Für Testszenarien am Automobil der Zukunft lassen sich etwa über das 5G-Netz enorme Datenmengen verbreiten.

Hier rollt neben der normalen S-Klasse auch die vor allem in China beliebte Langversion vom Band. Später werden die Maybach-Luxusvariante sowie der EQS, das erste vollelektrische Mitglied der S-Klasse, in der gleichen Linie produziert. Auf nur einer Ebene können in der „Factory 56“ sämtliche Montageschritte für Fahrzeuge verschiedener Aufbauformen und Antriebsarten erfolgen – vom konventionellen bis hin zum vollelektrischen Antrieb. Je nach Nachfrage sollen sich alle Modellreihen von Mercedes-Benz in wenigen Tagen integrieren lassen, egal ob Kompaktfahrzeug oder SUV.

Die frei fahrenden Plattformen versorgen auch Mitarbeiter am Band mit speziell für das jeweilige Fahrzeug erstellten Warenkörben. Dank digitaler Ortung eines jeden Fahrzeugs werden die für Mitarbeiter relevanten Daten eines Fahrzeugs auf Endgeräten und Bildschirmen angezeigt. Maschinen und Anlagen sind in der gesamten Halle miteinander vernetzt, der größte Teil davon mit dem Internet verbunden.

Nachhaltig soll „Factory 56“ obendrein sein. Die gesamte Fabrik ist papierlos und spart dadurch jährlich rund 10 Tonnen Papier ein. Der benötigte Energiebedarf wird im Vergleich zu anderen Montagehallen laut Daimler um ein Viertel verringert. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaik-Anlage, die die Halle mit selbst erzeugtem Strom versorgt und rund 30 Prozent des Strombedarfs deckt. Die Fabrik soll CO2-neutral produzieren. Etwa 40 Prozent der Dachfläche werden begrünt.

Für den Autoexperten Stefan Reindl ist der gleichzeitige Start der „Factory 56“ und Vorstellung der neuen S-Klasse „kein Zufall“. Das Konzept mit einem hohen Digitalisierungsgrad sowie mit einer hohen Flexibilität für die Produktion von Verbrenner-, Hybrid- und Elektrofahrzeugen passe in die heutige Zeit. Reindl: „Es kann in der aktuellen Corona-Situation auch als Signal für den Neuanlauf aufgefasst werden.“

Das sieht auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann so: „Die ,Factory 56’ ist nicht nur ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte von Daimler, sondern auch ein wichtiges Bekenntnis zum Mobilitätsstandort Baden-Württemberg.“

Ältere und Jüngere arbeiten Hand in Hand


Die Montagearbeitsschritte wurden für  Mitarbeiter ergonomisch optimiert und die Fahrzeuge in eine bestmögliche Arbeitsposition gebracht. Alle Stationen sind höhenverstellbar, junge und erfahrene Kollgene arbeiten Hand in Hand.  Insgesamt investiert Mercedes-Benz seit 2014 rund 2,1 Mrd. Euro in den Standort Sindelfingen. Davon entfallen rund 730 Mio. Euro auf die „Factory 56“. Der Konzern verspricht sich von der neuen Produktion Effizienzgewinne von rund 25 Prozent im Vergleich zur bisherigen S-Klasse-Montage.