Carsten Hoefer Wirtschaftsprüfer EY spricht von aufwendigem und ausgeklügeltem Betrug. Der Bundesrechnungshof schaltet sich ein und prüft die Finanzaufsicht Bafin.

Der Wirecard-Bilanzskandal hat sich längst zu einem der größten deutschen Wirtschaftskrimis entwickelt. Im Mittelpunkt steht Ex-Vorstandsmitglied Jan Marsalek. Er gilt als Schlüsselfigur und möglicher Organisator des mutmaßlichen Milliardenbetrugs bei dem Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München. Der Börsenwert des Dax-Konzerns ist binnen weniger Wochen um mehr als 10 Milliarden Euro geschrumpft. In der Bilanz fehlen 1,9 Milliarden Euro. Die britische „Financial Times“ hat bereits seit 2015 über Unstimmigkeiten in den Bilanzen des Zahldienstleisters berichtet.

Das Handelsblatt zitiert in seiner aktuellen Ausgabe den langjährigen Bilanzprüfer EY, der selbst stark in der Kritik steht, mit den Worten, es gebe viele Anzeichen für einen „aufwendigen und ausgeklügelten Betrug“ unterschiedlichster Parteien „rund um die Welt“. Viele Fäden laufen bei dem Ex-Asienvorstand Marsalek zusammen, der auch für das undurchsichtige Drittpartnergeschäft verantwortlich war, schreibt das Handelsblatt und zitiert aus Chatnachrichten des Österreichers.

Derweil nimmt der Bundesrechnungshof die Finanzaufsicht Bafin und das Bundesfinanzministerium ins Visier. „Wir werden das System der Aufsicht – Struktur und Risikomanagement am Beispiel Wirecard – untersuchen und warum die Bafin offenbar die Anhaltspunkte nicht aufgegriffen hat“, sagte der Bundesrechnungshof-Präsident Kay Scheller dem „Spiegel“. „Wir werden dabei auch prüfen, wie das Bundesfinanzministerium und die Bafin mit den Vorwürfen falscher Bilanzen sowie mit den Berichten der Wirtschaftsprüfer umgegangen sind.“

Für die Bafin ist dies bereits die zweite angekündigte Überprüfung möglicher Mängel und Fehler im Fall Wirecard – zuvor hatte schon die EU-Kommission die europäische Finanzaufsicht Esma auf den Fall angesetzt. „Jahrelang wurden Hinweise gegeben, unter anderem durch journalistische Recherchen, und es stellt sich die Frage, ob die Bafin da ausreichend hingeschaut hat“, sagte Scheller. „Hier sind bedeutende Fragen unbeantwortet – und daher ist auch der Bundesrechnungshof gefordert. Es gibt offensichtlich Lücken im Aufsichtssystem.“

Bundesfinanzminister Olaf­ Scholz (SPD) hat angekündigt, die Aufsicht verbessern zu wollen, nun muss sich sein Ministerium Fragen stellen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt ­gegen ehemalige und aktive Manager, inklusive des vom Aufsichtsrat nachträglich gefeuerten Ex-Vorstandschefs Markus Braun.

Die Bafin selbst hat mehrfach darauf hingewiesen, dass sie nicht die volle Aufsicht über Wirecard hatte, weil lediglich die Tochterbank des Skandalunternehmens aus dem Münchner Vorort Aschheim als Finanzdienstleister eingestuft war, nicht jedoch der gesamte Konzern. Und für die Kontrolle von Unternehmensbilanzen war nach bisheriger Rechtslage in erster Linie auch nicht die Bafin zuständig, sondern die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR).

Nach Schellers Worten war das grundsätzliche Problem, dass Wirecard sowohl ein Fintech-Unternehmen als auch eine Bank sei, „allen bekannt“. „Hierauf hätte man das Aufsichtssystem ausrichten sollen und aus heutiger Sicht auch müssen.“

Ebenfalls in der Kritik ist die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Jahresbilanzen bei Wirecard seit 2009 geprüft und testiert hatte. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Scheinumsätze bereits seit Jahren in die Bilanzen einflossen.

Verbesserungsbedarf bei Aufsicht und Bilanzprüfung sieht auch das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland. Ein Vorschlag des IDW: Unternehmensvorstände sollten gesetzlich verpflichtet werden, ein angemessenes internes Kontrollsystem für die Rechtstreue ihrer Firmen einzurichten. Carsten Hoefer

Lautstarker Streit um Kredit

Ex-Wirecard-Vorstandschef Markus Braun nutzte noch zu Jahresbeginn die konzerneigene Bank, um sich einen Kredit in Höhe von 35 Millionen Euro zu verschaffen, schreibt die Financial Times. Damit wollte Braun einen Zwangsverkauf von Wirecard-Aktien verhindern, die er laut Bericht bei der Deutschen Bank als Sicherheit für einen Kredit von 150 Millionen Euro hinterlegt hatte. Über den Kredit kam es laut FT zum lautstarken Streit zwischen Braun und Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann. Das Darlehen sei aufgenommen worden, „um eine Verwertung von Aktien durch eine (dritte) Bank zu vermeiden“, teilte eine Anwältin von Braun mit. dpa