Er soll der Golf des Elektro-Zeitalters werden – und eigentlich noch viel mehr. Für Volkswagen geht es beim ID.3 um alles oder nichts. Die ersten Kunden erhielten am Freitag offiziell das neue Auto, mit einiger Verzögerung. Zum Start will der Konzern Pioniergeist verströmen, die Frühbucher werden als „first mover“ gepriesen. Kann die vollelektrische Baureihe, deren Auftakt der ID.3 bildet, den Durchbruch der E-Mobilität auf dem Massenmarkt bringen? Gelingt die komplexe Vernetzung zwischen Assistenz-, Online- und Entertainment-Systemen?

Lichtshow und Blumenstrauß

Bei der Übergabe des ersten Exemplars in Dresden sparte VW nicht mit Superlativen. Tenor: „Jetzt beginnt eine neue Ära für klimaneutrale Mobilität.“ Christian Stadler war aus der Nähe von Passau angereist, um einen ID.3 in Empfang zu nehmen mit Lichtshow und Blumenstrauß. „Ich bin schon lange an E-Autos interessiert, habe viele getestet.“ Auch in Wolfsburg, wo schon einige der Wagen auf der Straße gesichtet wurden, begann die Auslieferung. Am Montag folgt der europäische Marktstart. Bisher sind laut VW mehr als 25 000 Stück abgesetzt.

Beim für den weltgrößten Autokonzern absehbar wichtigsten Modell steht auch für die Führung um Vorstandschef Herbert Diess viel auf dem Spiel. Riesige Summen sind bereits in den ID.3, den Kompakt-SUV ID.4 und den Elektro-Bulli ID.Buzz geflossen, konzernweit werden es bis 2024 für die E-Strategie 33 Milliarden Euro. Man will Marktführer werden. Aber noch ist der Rückstand zum US-Rivalen Tesla groß.

Der ID.3 soll E-Mobilität in den Alltag bringen. Er kostet mit einer 58-Kilowattstunden-Batterie  rund 36 000 Euro und soll eine Reichweite von bis zu 420 Kilometern haben. Bei Konzerntöchtern wie Audi, Skoda oder Seat wird dieselbe Plattform eingesetzt: Der Baukasten MEB ist Grundlage zahlreicher künftiger Modelle, von denen bis zum Jahr 2028 bis zu 22 Millionen Stück gefertigt werden sollen.

Doch die Anlaufprobleme des ID.3 sind nicht wegzudiskutieren. Sicher: Er ist ein rundum neu entwickeltes Auto. Aber besonders die Software erwies sich als Achillesferse. Die Kunden haben zunächst nicht auf alle Funktionen Zugriff, im Winter müssen sie Updates nachladen.

Besonders die Vernetzung der Steuergeräte ist ein komplexes Thema. Das Magazin „Auto, Motor und Sport“ sieht bei der ID.3-Elektronik erheblichen Nachbesserungsbedarf. So hätte das Navi-System nur eingeschränkt und weitere Online-Dienste gar nicht funktioniert. Die Verarbeitung hinterließ ebenso keinen besonders guten Eindruck, beim Golf etwa sei sie besser. Hohe Zufriedenheit dagegen bei den Fahreigenschaften: „Antrieb und Fahrwerk funktionieren perfekt.“ Zur Lenkung und Beschleunigung hatte sich auch Tesla-Chef Elon Musk, der das Modell jüngst Probe fahren durfte, anerkennend geäußert.

Die Begeisterung für das Modell ist bei vielen groß. Zum Start der Produktion mit Kanzlerin Angela Merkel im November standen die Mitarbeiter Spalier für das Auto. Zehntausende lassen sich für die E-Mobilität qualifizieren. Werke wie Emden, Hannover sowie Standorte in den USA und China werden umgerüstet. Dazu fährt VW die Verbrennertechnik herunter und streicht Stellen.

2021 Start in Dresden

Von 2021 an kommt der ID.3 zusätzlich aus der „Gläsernen Manufaktur“ in Dresden. Vor allem das Zwickauer Werk spielt eine tragende Rolle beim Wechsel zur E-Mobilität, allein hier betragen die Umbaukosten 1,2 Milliarden Euro. Im nächsten Jahr werden nur noch vollelektrische Fahrzeuge produziert, 300 000 E-Autos sollen dann an dem sächsischen Standort vom Band rollen. Auch die ID.4-Fertigung hat begonnen. Die Nachfrage nach E-Autos war zuletzt durch aufgestockte Kaufprämien gestiegen. Jan Petermann und Christiane Raatz

Schwieriger Wechsel


Die Umstellung auf E-Antrieb und die Anpassung der Kapazitäten ist für Autobauer ein schwieriges Thema. VW etwa musste für die E-Version des Kleinstwagens Up einen Bestellstopp verhängen, weil die Produktion hier nicht mit der großen Nachfrage mithält. Der Marktstart des ID.3 lag nun später als ursprünglich geplant: Mitte September statt im Sommer – so lautete zuerst die Ankündigung, an der man festhielt, bis es fast schon Sommer war. Der Druck auf die Entwickler und Linien ist hoch. Beim angelaufenen Golf 8 gab es ebenfalls Probleme. Die Frage, ob der Anlauf der ID-Reihe klappt, dürfte wesentlich für die Zukunft von VW-Chef Herbert Diess sein. dpa/vt