Frankfurt/Main / Rolf Obertreis Die Corona-Krise zwingt Firmen, ihre Hauptversammlungen in diesem Jahr virtuell abzuhalten. Das hat Vor- und Nachteile. Eine Zwischenbilanz. Von Rolf Obertreis.

Nichts ist mit Würstchen und Kartoffelsalat, mit Saft, Bier und Kaffee in diesem Jahr. Kleinaktionäre sitzen auf dem Trockenen, ob bei Deutscher Bank, bei der Deutschen Börse, bei Lufthansa, an diesem Mittwoch bei Daimler und bei dutzenden anderen Unternehmen. Die klassische Hauptversammlung muss wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Stattdessen treffen sich die Eigentümer ihrer Unternehmen, das sind die Aktionäre, im Internet.

Sie müssen an ihrem PC oder Tablet anschauen, was ihnen der Vorstand zu erzählen hat. Fragen und Anträge müssen spätestens zwei Tage vor der Hauptversammlung vorliegen. Sie während des Treffens zu stellen, ist nicht möglich. Nach drei Monaten fällt das Fazit überwiegend negativ aus, zumindest bei Aktionärsschützern und Fondsmanagern. Virtuelle Hauptversammlungen seien nur eine Notlösung, in jedem Fall dann, wenn sich Aktionäre nicht live an der Generalaussprache beteiligen können. Das Deutsche Aktieninstitut DAI sieht dagegen Vorteile.

Das gilt auch für die Unternehmen selbst: Sie sparen Geld, können den Ablauf selbst strukturieren, Fragen bündeln oder gar nicht beantworten und müssen sich nicht auf Debatten mit manchmal nervigen Aktionären einlassen.

Das wird allein schon bei der Deutschen Bank deutlich: Normalerweise mietet sie für die Hauptversammlung die gesamte Festhalle in Frankfurt am Main für einen einstelligen Millionenbetrag. Rund 6000 Aktionäre kommen. Ähnliches gilt für Daimler. Der Autokonzern mietet normalerweise eine große Halle auf der Messe in Berlin. Jetzt fällt das aus.

Die Argumentation der Unternehmen stützt das – von den Konzernen, den Börsen und Fondsgesellschaften finanzierte – DAI. „Ein großer Pluspunkt von Online-Hauptversammlungen ist, dass der Zugang für Investoren aus aller Welt erleichtert wird“, sagt Sven Hemeling, Leiter Primärmarktrecht beim DAI. Die Präsenz des Grundkapitals könne verbessert werden, die Transparenz sei größer. Auch werde die direkte Kommunikation gefördert.

Was den Konzernen entgegenkommt und das DAI prinzipiell positiv bewertet, sehen Aktionärsvereinigungen und Fondsmanager kritisch. Manche sprechen davon, dass sei wie TV-Sendungen mit dem Vorstands- und Aufsichtsrat gewesen. Oder wie „Tagesschau“ ansehen. Tatsächlich las etwa bei der Deutschen Bank eine Journalistin die Fragen der Anteilseigener vor. Bei Lufthansa übernahmen diese Rolle Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter.

Virtuelle Hauptversammlung müssten die Ausnahme bleiben, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Government bei der Fondsgesellschaft Deka. „Eine Präsenzhauptversammlung ist immer noch erste Wahl. Mit einer virtuellen Hauptversammlung sind massive Einschränkungen der Aktionärsrechte verbunden.“

Fragen vorab einreichen

Tatsächlich müssen Fragen für die virtuelle Hauptversammlung spätestens zwei Tage vorab eingereicht werden. Auf kurzfristige Entwicklungen können Aktionäre und Fondsmanager nicht reagieren. Und dann bündeln die Unternehmen die Fragen oder sie beantworten diese überhaupt nicht. Die Aktionäre bleiben während der Hauptversammlung außen vor, können auf Antworten nicht reagieren und keine Anträge stellen.

„Das reine Onlinemodell in der derzeitigen Form ist kein Modell für die Zukunft“, sagt auch Christiane Hölz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Es fehlt an Mitsprache- und Mitwirkungsrechten der Aktionäre.“ Auch Vanda Heinen, Expertin bei der Fondsgesellschaft Union Investment kann virtuellen Aktionärstreffen nichts Positives abgewinnen. „Aktionäre wollen nicht nur abstimmen, sie wollen mit dem Vorstand und Aufsichtsrat in Dialog treten.

Wie es weitergeht

„Dieses Jahr hat gezeigt, dass wir eine digitale Hauptversammlung brauchen“, sagt der Leiter Primärmarktrecht beim Deutschen Aktieninstitut (DAI), Sven Hemeling. Sie solle als Option im Aktiengesetz festgeschrieben werden. Allerdings müssten die Erfahrungen sorgfältig ausgewertet werden.

Mindestens bis zum Jahresende dürfte sich an der Praxis nichts ändern, zumal es das Covid-19-Gesetz auch so vorschreibt. Unklar ist, wie es im nächsten Jahr aussieht, auch wenn etwa Allianz oder Beiersdorf angekündigt haben, 2021 das Aktionärstreffen wieder live zu veranstalten. In der Hand haben sie es nicht. Denn es hängt vom Pandemie-Verlauf ab. otr