Die Elektromobilität in Deutschland steht vor dem Durchbruch. „Die E-Mobilität kommt ins Rollen. Der Boom hat angefangen, die Entwicklung ist phänomenal“, sagt Jürgen Pieper, renommierter Branchenexperte des Bankenhauses Metzler. Bislang stand er der Entwicklung mit Blick auf die deutschen Hersteller zurückhaltend gegenüber, jetzt sieht er sie auf dem richtigen Weg.

Dabei dürften ihn die jüngsten Zulassungszahlen in Deutschland bestärken. Während der Absatzmarkt für herkömmliche Antriebsarten im August weiter schwächelt, sind Elektrofahrzeuge so gefragt wie nie. Mehr als 16 000 rein elektrische Einheiten wurden im vergangenen Monat in Deutschland neu zugelassen – mehr als drei Mal so viele wie im Vorjahresmonat, wie das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) am Donnerstag mitteilte. „Insgesamt wachsen die Elektroneuzulassungen auf 162 666 Fahrzeuge zwischen Januar und August 2020“, teilte dazu Auto-Experte Stefan Bratzel mit, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. „Damit wurden bereits nach acht Monaten mehr als 50 Prozent mehr E-Fahrzeuge zugelassen als im Gesamtjahr 2019.“

Zurückzuführen ist die Nachfrage demnach vor allem auf die  Umweltprämie der Bundesregierung, mit der diese den Kauf unter anderem von Elektroautos fördert. Insgesamt gingen dort im August 12 275 Förderanträge für reine E-Fahrzeuge ein und damit laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle so viele wie seit Bestehen der Prämie noch nicht.

Erstaunlicherweise habe auch die Corona-Pandemie den Trend befördert, sagte Pieper. Offenbar habe die Furcht vor einer möglichen Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch im Flugzeug Verbraucher zum Kauf von E-Autos bewogen.

Pieper zufolge wird die Entwicklung durch die massiver Förderung der E-Mobilität in China und durch den US-Autohersteller Tesla getrieben. „Tesla lässt die deutschen Hersteller alt aussehen.“ Wenig Verständnis hat er dafür, dass etwa Daimler weiter auf Fahrzeuge mit 600 PS und die G-Klasse setzt.

Bei Tesla sieht Pieper gegenüber VW, BMW und Daimler einen wichtigen Vorteil. Hier komme die gesamte Technologie einschließlich der Batterien, der Ladesäulen und vor allem der Software aus einer Hand.

Aber die deutschen Hersteller holen auf, das gilt Pieper zufolge vor allem für VW. „In spätestens zwei Jahren ist VW Weltmarktführer für E-Mobilität“, ist er überzeugt. Dann könnten die Wolfsburger weltweit eine Million E-Autos verkaufen, Tesla käme dann auf 700 000. Profitieren würden auch E-Mobil-Zulieferer wie Hella, Jenoptik und der Batteriehersteller Akasol.

Im Jahresvergleich ist die Zahl der Neuzulassungen von Autos in Deutschland im August wieder deutlich zurückgegangen. Rund 251 100 Fahrzeuge kamen im vergangenen Monat auf die Straßen und damit rund 20 Prozent weniger als im August des Vorjahres, teilte das KBA mit.

Grund dafür ist aus Sicht des Verbands der Automobilindustrie (VDA) vor allem, dass im September vergangenen Jahres eine Verordnung im Zusammenhang mit dem Prüfzyklus WLTP in Kraft getreten ist. Im August 2019 waren demnach deshalb möglichst viele Autos verkauft worden, die davon betroffen gewesen wären. Dieser Vorzieheffekt habe zu einem hohen Zulassungsniveau im vergangenen Jahr geführt, das in diesem Jahr nicht gehalten werden konnte. Zudem habe es in diesem August einen Arbeitstag weniger gegeben.

„Aber auch abgesehen von diesen Faktoren ist der Inlandsmarkt weiterhin schwach“, teilte der Branchenverband mit. In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden demnach 1,8 Millionen Neufahrzeuge zugelassen und damit rund ein Drittel weniger als im  gleichen Vorjahreszeitraum.

Rolf Obertreis und dpa

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Prozent der Neuzulassungen waren in Deutschland im August Elektroautos. Nach acht Monaten wurden bereits über 50 Prozent mehr E-Fahrzeuge zugelassen als 2019.

E-Autos sind weiter teuer


E-Autos belasten die Gewinnmargen der Autobauer. Laut Unternehmensberatung PwC kostet die Herstellung  derzeit rund 4500 Euro mehr als ein Verbrenner. Um EU-Vorgaben zu erfüllen und Strafzahlungen zu vermeiden, müssten Hersteller den Anteil elektrifizierter Autos bis 2030 aber auf 35 bis 45 Prozent erhöhen. dpa