Berlin / Dieter Keller Corona hat massive Auswirkungen auf den Lehrstellenmarkt. Mancher Bewerber könnte länger brauchen, bis er oder sie fündig wird. Von Dieter Keller

Junge Leute, die einen Ausbildungsplatz suchen, haben es in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie besonders schwer: Derzeit ist das Angebot von betrieblichen Ausbildungsplätzen im Schnitt aller Branchen um etwa 7 Prozent geringer als noch im vergangenen Jahr, schätzt Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Doch er macht den Suchenden Mut: „Es bestehen bis Jahresende durchaus noch Chancen auf einen Ausbildungsplatz.“

Zwar beginnt das neue Ausbildungsjahr eigentlich am 1. August oder 1. September. Doch wegen der Corona-Pandemie hat sich alles um zwei bis drei Monate nach hinten verschoben, schließt Dercks aus einer DIHK-Umfrage, an der sich 15 000 Unternehmen beteiligten. Viele hätten noch gar nicht abschließend entschieden, wie viele Ausbildungsplätze sie in diesem Jahr besetzen wollen. Zudem haben der Shutdown und die Arbeit im Homeoffice die Bewerbungen ausgebremst.

Hinzu kommt, dass viele Firmen, die ums Überleben kämpfen, sich zweimal überlegen, ob sie Lehrstellen anbieten. Ausbildung sei zwar „eine Herzensangelegenheit“, sagt Dercks. Es könne aber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch die verantwortliche Entscheidung eines Betriebs sein, in diesem Jahr nicht oder weniger auszubilden, wenn die Existenz des Betriebs auf dem Spiel stehe.

„Bleibt nicht zu Hause sitzen, meldet euch bei den Betrieben!“, appellierte Dercks an die jungen Leute. Wegen Corona konnten sie die Ausbildungsberater der Kammern nicht in den Schulen ansprechen. Ausbildungsmessen, die normalerweise eine beliebte Kontaktbörse sind, mussten ausfallen.

Nur in zwei Branchen ist das Lehrstellenangebot derzeit höher als vor einem Jahr: auf dem Bau sowie im Bereich Gesundheit und Pflege. Nur wenig auf der Bremse stehen Banken und Versicherungen, der Immobilienbereich, IT sowie der Handel. Schwierig ist die Lage dagegen in den Branchen, die besonders stark von Corona betroffen sind: im Gastgewerbe, den Medien, der Industrie sowie bei unternehmensorientierten Dienstleistern.

Da viele Firmen bei der Ausbildung auf Sicht fahren, hält Dercks auch finanzielle Anreize für sinnvoll. Das Bundeskabinett hatte vor einer Woche beschlossen, dass kleinere und mittelständische Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitern eine einmalige Prämie von 2000 Euro für jeden Azubi bekommen sollen, den sie in diesem Jahr einstellen. Bieten sie zusätzliche Ausbildungsplätze an, sollen es sogar 3000 Euro sein. Insgesamt will die Bundesregierung in diesem und im nächsten Jahr 500 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Wie das im Detail abgewickelt werden soll, ist aber noch nicht bekannt.

Relativ gut sind die Aussichten für die jungen Leute, die in diesem Jahr ihre Ausbildung beenden: 62 Prozent der Betriebe übernehmen alle Azubis. Vor einem Jahr waren es 68 Prozent. Angesichts der jetzigen Situation hält das Dercks für ein gutes Ergebnis. In den übrigen Firmen würden sie zumindest zu einem beträchtlichen Teil übernommen.

Besonders gut sind die Aussichten bei Banken und Versicherungen. Dass die Übernahmequote in der Industrie von 80 Prozent vor vier Jahren auf jetzt 64 Prozent zurückgeht, erklärt Dercks mit einer Normalisierung, da sie in den vergangenen Jahren deutlich über ihrem eigenen Bedarf ausgebildet habe.

Die Corona-Krise dürfte auch der Digitalisierung in der Berufsausbildung einen Schub geben. Sie habe aber auch gezeigt, welchen Nachholbedarf es an vielen Stellen bei der zeitgemäßen Ausstattung der Berufsschulen gebe. Die Bundesländer müssten für die nötige Ausstattung sorgen. Drei Viertel der IHK-Ausbildungsbetriebe wünschten sich eine digitale Lernplattform.

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Mehr Lehrstellen als Bewerber

Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) sieht auf dem Ausbildungsmarkt eine Verzögerung von sechs bis acht Wochen. Bis Juni registrierte sie 417 000 Bewerber, rund 9 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Gleichzeitig meldeten die Betriebe 470 000 Ausbildungsstellen, ebenfalls ein Rückgang um 9 Prozent. Im Juni waren noch 229 000 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet. Dem standen 167 100 unversorgte Bewerber gegenüber.  BA-Chef Detlef Scheele will einen „Corona-Jahrgang“ verhindern: „Wir sehen nicht eine massenhafte Abmeldung von Ausbildungsstellen, wir sehen eher ein verzögertes Verhalten von Arbeitgebern und Auszubildenden.“ dik/dpa