jkl In vielen Branchen herrscht Flaute, Firmen sorgen sich um ihre Existenz. Umso schlimmer, dass Aufträge sich verzögern, weil Behörden noch wie zu Zeiten des Shutdowns arbeiten, kritisiert die Kammer. Von Julia Kling

Die Hochphase der vergangenen Jahre ist vorbei. Im baden-württembergischen Handwerk hat sich im Verlauf der Corona-Krise die Stimmung eingetrübt. Nur noch knapp die Hälfte der gut 135 000 Betriebe im Land beurteilt „die Lage als gut, jeder dritte empfindet sie gar als schlecht“. Der Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), Rainer Reichhold zeichnete am Montag in Stuttgart ein gedämpftes Stimmungsbild. Die Auftragseingänge und Umsätze seien bei rund der Hälfte der Kammermitglieder gesunken. Allerdings gebe es große Unterschiede zwischen den einzelnen Handwerksgruppen.

„Im Bau- und im Ausbaugewerbe bewertet eine überwiegende Mehrheit die Lage noch als gut“, erklärte der vor einer Woche wiedergewählte Präsident. Dagegen sei die Lage etwa im KFZ-Gewerbe und im Nahrungsmittelhandwerk deutlich schlechter, ebenso bei den persönlichen Dienstleistern und im Gesundheitsgewerbe. Hier sanken die Umsätze um bis zu 84 Prozent in einigen Betrieben. Die Entwicklung im Frühjahr sei dramatisch gewesen, aber ein Drittel der Handwerksbetriebe rechne im dritten Quartal mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation.

Die Arbeitsweise mancher Baubehörden und Landratsämter im Südwesten erschwere seit Beginn der Corona-Krise zahlreichen Handwerkern zusätzlich die Arbeit. Die Behörden tauchen richtiggehend ab – das ist zumindest die Erfahrung der Mitglieder des BWHT. „Kommunale Behörden müssen wieder auf Normalbetrieb hochfahren“, forderte Reichhold. Das Handwerk habe gearbeitet, Geschäfte seien wieder offen – das müsse auch für Ämter gelten.

Das Handwerk werde ausgebremst, weil Ämter weder Bau-Abnahmen noch Ausschreibungen durchführten. BWHT-Geschäftsführer Oskar Vogel vermutet, dass das auch an massiven Defiziten bei der Digitalisierung liegt. „Die Mitarbeiter sind im Homeoffice und sagen uns, sie können Abnahmen nicht einmal vorbereiten, weil sie keinen Zugriff auf die vollständigen Unterlagen haben“, sagte Vogel. Für das Handwerk sei dieser Zustand besorgniserregend. Wenn es keine Baugenehmigungen gebe, gebe es auch weniger Aufträge. Damit werde es für das Handwerk, das  knapp 800 000 Beschäftigte im Land zählt und zuletzt einen Umsatz von 105 Milliarden Euro auswies, umso schwerer, die Krise zu überstehen.

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) reagierte auf die Vorwürfe. Sie sei sich dieser Situation bewusst, dass „die digitalen Angebote gerade für Unternehmen noch lückenhaft sind. Wir setzen uns dafür ein, dass hier Verbesserungen stattfinden.“ Gleichwohl habe es in der Krise erhebliche Anstrengungen aller Verwaltungsebenen gegeben, auch Unternehmen kurzfristig einen digitalen Zugang zu wichtigen Verwaltungsleistungen zu ermöglichen.

Reichhold forderte zudem Erleichterungen für die Betriebe damit „die zarte Zuversicht auf wirtschaftliche Erholung“ nicht zunichte gemacht werde. „Sonst droht im Herbst eine verzögerte zweite Krisenwelle, die gar zu Insolvenzen führen kann.“ Dabei gehe es etwa um eine Lösung für die Tilgung der gestundeten Steuern oder auch Eigenkapitalanforderungen für Kredite. Hoffmeister-Kraut geht davon aus, dass  die Finanzverwaltung bei der Frage der Gewährung und eventuellen Verlängerung von Steuerstundungen weiterhin die Notlage der Betriebe im Blick habe, die Corona-bedingt in Schwierigkeiten geraten sind. (mit dpa)

Hoffen auf späte Vertragsabschlüsse

Einen Rückgang um 13 Prozent verzeichnet der Baden-Württembergische Handwerkstag bislang bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr. In den Nahrungsmittel- sowie Gesundheits- und Körperpflegeberufen liegt das Minus derzeit sogar bei 23 Prozent. BWHT-Präsident Rainer Reichhold setzt auf den Trend, dass im Handwerk Ausbildungsverträge in der Regel erst kurz vor Ausbildungsbeginn abgeschlossen werden. Zuletzt machten knapp 48 700 Azubis eine Lehre in Handwerksbetrieben im Land.