Ulm / Von Vorname Name Die Pandemie kam zu einer extrem ungünstigen Zeit. Der Automobilbau kämpft mit seinem Umbau und einer allgemeine Nachfrageschwäche. Viele Jobs sind gefährdet. Von Thomas Veitinger

Lange gilt sie als Seemannsgarn. Doch heute ist klar: Es gibt Monsterwellen. Sie entstehen, wenn sich Wellen überlagern, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind. So eine Monsterwelle könnte über die Wirtschaft in Baden-Württemberg hereinbrechen. Es überlagern sich dabei die Folgen des anhaltenden Strukturwandels in der dominierenden Autoindustrie im Land, eine schwächere Weltwirtschaft – und natürlich die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Über alle Branchen hinweg arbeiteten Ende April knapp 80 Prozent der Unternehmen hier kurz. Bleibt die Lage so angespannt, haben viele Betriebe keine andere Wahl als einen Jobabbau, teilt der Verband der Automobilindustrie mit.  Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister Kraut erklärt Ende Mai, sie stelle sich „auf eine tiefgreifende Rezession ein“.

Fast zwei Drittel der Betriebe rechnen nach einer IG-Metall-Umfrage von Juni im Land mit Stellenabbau. Der Autozulieferer ZF hat die Streichung von 15 000 Jobs angekündigt, Bosch verkleinert, schließt und verlagert Standorte. Bei Daimler könnten deutlich mehr Stellen wegfallen als sowieso geplant, befürchtet der Betriebsrat. Daimler-Chef Ola Källenius spricht von „Nachschärfen“. Der Druck ist enorm und steigt weiter: Selbst wenn die Kurzarbeit wieder zurückgefahren werde, beabsichtigen Vorstände, die Fixkosten zu reduzieren und Strukturen zu ändern.

Noch gibt es wenige Firmenpleiten im Land. Dies könnte sich aber im Herbst ändern, wenn die befristete Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ausläuft. Die Drei-Wochen-Frist zur Insolvenzanmeldung bei Corona-bedingten Liquiditätslücken ist bis Ende September ausgesetzt, damit Betriebe nicht pleite gehen, weil sie nicht rechtzeitig die beschlossenen Hilfen erhalten. Banken, die nach der Krise 2008/09 vorsichtiger geworden sind, halten auch nicht ewig die Füße still.

Zwar gibt es auch gute Nachrichten. In der größten Industriebranche Metall- und Elektroindustrie sei die Talsohle erreicht, wenn auch noch nicht durchschritten, interpretiert der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall Oliver Zander die Einschätzungen von knapp 1400 Mitgliedsunternehmen in Deutschland. Im Südwesten hält es IG-Metall-Landeschef Roman Zitzelsberger für ein gutes Zeichen, dass zwar hart zwischen Zulieferern und Fahrzeugherstellern verhandelt werde. Rechnungen würden aber bezahlt, es komme kaum ein Unternehmen ins Wanken.

Allerdings gebe es eine regelrechte Karawane nach Ost-Europa, wo die Lohnkosten niedriger sind. Zulieferer im Landkreis Esslingen etwa sind laut Gewerkschaft zunehmend Ableger großer ausländischer Konzerne, vor allem aus den USA und China. Von den deutschen Unternehmen blieben hierzulande oft nur die Zentralen sowie Forschungs- und Entwicklungsbereiche übrig. Wenn diese als nächstes auch noch nach Osten ziehen, wäre es für das Land eine Katastrophe, sagt Zitzelsberger.

Kein Silberstreif am Horizont

Nichts von einem Silberstreifen am Horizont erkennt Dietrich Birk. Der Geschäftsführer des Verbands Maschinen- und Anlagenbau in Baden-Württemberg berichtet von einer Umfrage, in der 80 Prozent der Unternehmen Störungen und weniger Aufträge ausmachen. Ein Fünftel aller Betriebe rechnet damit, dass die Probleme in den kommenden drei Monaten zunehmen. Der Druck von Autobauern und Zulieferern entlang der Wertschöpfungskette habe sich verstärkt. „Die Erwartungen in Bezug auf die Auftragslage in den nächsten drei Monaten sind bei vielen Betrieben eher pessimistisch. Die Situation bleibt erst einmal sehr angespannt“, sagt Birk.

Rettungsschirme von Bund und Ländern können sogar noch die Schulden von Unternehmen vergrößern, wenn sie zurückbezahlt werden müssen. Eine Belastung in der Zukunft. Wenn diese aber pleite gehen würden, gebe es gar nichts mehr zu retten, verteidigt Zitzelsberger die Gelder.

Eine Welle an Problemen bringt die stagnierende Produktion mit sich. So ging Bosch-Chef Volkmar Denner bereits im vergangenen Jahr davon aus, dass „die Automobilproduktion bis 2025 nicht wachsen wird“. Doch so lange dürfte es keine Kurzarbeit geben. Immer mehr Zulieferer geraten damit in Gefahr.

SPD-Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil hält die Staatshilfen für die Autoindustrie für unzureichend und fürchtet in einem Spiegel-Interview, „dass viele Zulieferbetriebe im Herbst in Existenznot geraten werden“. Spätestens dann sei eine neue Diskussion über einen Impuls für die Autokonjunktur wahrscheinlich. Bei der abgelehnten Kaufprämie sei es stärker um Boni und Klimaschutz als um die Rettung von Jobs gegangen.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will im Herbst „eine Wiedervorlage zum Thema Auto“ haben. Im Ergebnis könne er sich auch andere Konzepte als reine Kaufprämien vorstellen. Entscheidend sei, dass in der Industrie ein Transformationsprozess in Gang komme. Zudem gehe er davon aus, dass in Deutschland die bisher noch bis zum Jahresende befristete Kurzarbeit noch verlängert werden müsse.

Das Ifo Institut meldet, dass die deutsche Autobranche auf einen Aufschwung in den kommenden Monaten hofft. Für die Beschäftigten der Branche habe sich die Lage aber verschlechtert. Bundesfinanzminister Olaf Scholz erkennt den Tiefpunkt des durch die Corona-Pandemie ausgelösten Konjunktureinbruchs in Deutschland für überwunden. Gleichzeitig sieht aber jedes fünfte Unternehmen in Deutschland einer Umfrage zufolge sein wirtschaftliches Überleben in der Corona-Krise gefährdet. Wie das Münchner Ifo-Institut nach seiner jüngsten Konjunkturumfrage mitteilte, stuften 21 Prozent der im Juni befragten Firmen die Beeinträchtigungen infolge der Pandemie als existenzbedrohend ein. Eine Insolvenzwelle in den kommenden Monaten sei daher nicht ausgeschlossen.

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die Autoindustrie in Deutschland „von Kurzarbeit in die Entlassungswelle steuern“. Die Krise koste in Deutschland gut 100 000 Arbeitsplätze in der Automobil- und Zulieferindustrie. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung gebe der Branche kaum Impulse, weil es mit Elektroautos nur einen Nischenmarkt fördere.

Die Unternehmensberatung AlixPartners rechnet mit Übernahmen und einer knallharten Auslese. Die Erholung werde Jahre dauern. Die Folge sei „Darwinismus“ in der Branche: „Nur die finanz- und innovationsstarken Hersteller und Zulieferer überstehen die bevorstehende Marktbereinigung.“ Eine Reduzierung auf bis zu zehn größere Autohersteller sei möglich. (mit dpa)

Autoindustrie verdient weniger