Stuttgart / Thomas Veitinger Daimler Die Zahlen sind tiefrot. Große Einschnitte mitsamt umfangreichem Stellenabbau sollen den Stuttgarter Konzern widerstandsfähiger machen. Von Thomas Veitinger

15 000, 20 000, 30 000 – wer bietet mehr? In den vergangenen Wochen gingen die Spekulationen um den Stellenabbau bei Daimler durch die Decke. Ola Källenius will sich daran nicht beteiligen. Der Vorstandschef findet es „nicht sinnvoll, alles zu kommentieren“, sagt er gestern bei der Vorstellung des zweiten Geschäftsquartals. Klar ist: Die im Jahr 2019 einmal genannte Zahl von 10 000 Stellen ist überholt. Im Konzern seien deutlich mehr als 15 000 der insgesamt 300 000 Stellen überflüssig, ließ Personalchef Wilfried Porth jüngst durchblicken.

Daimler müsse „die Kostenbasis des Unternehmens weiter verbessern“, heißt es von Källenius am Donnerstag vage. Die bisherigen Effizienzziele seien nicht auf die derzeitige globale Rezession zugeschnitten. Alle „Kostenpositionen inklusive Kapazitäten und Personalkosten“ in allen Werken würden überprüft und „konsequent gesenkt“.

Was das für die Mitarbeiter bedeutet, ist unklar. Beschlossen ist: Ein Werk im französischen Hambach soll verkauft werden, die dortige Smart-Produktion wandert nach China. Wenn es keinen Interessenten gibt, wird der Standort ganz geschlossen, sagt der Vorstandschef. Ob auch andere Werke auf dem Kippe stehen? Nicht unmöglich, denn die Gewinne sollen auf lange Sicht leichter erreichbar sein. Es sei strategisch wichtig, das Unternehmen „wetterfester“ zu machen, heißt es.

Es gibt zwar eine Beschäftigungsgarantie bis 2029 – aber nicht in solch wirtschaftlich stürmischen Zeiten wie diesen. Betriebsbedingte Kündigungen seien „immer das letzte Mittel“, beschwichtigt Källenius. Man sei in konstruktiven Gesprächen, um sie zu verhindern. Wie? Da will er nicht vorgreifen. Die bereits im vergangenen Herbst angekündigte Kosteneinsparung von 1,4 Milliarden Euro über die Nichtbesetzung freiwerdender Stellen, Vorruhestands- und Abfindungsvereinbarungen werde aber „nachgeschärft“ und bis ins Jahr 2025 ausgedehnt.

Tiefrote Zahlen setzen den Autobauer schwer unter Druck. Absatz, Umsatz und Ertrag gingen drastisch zurück. Mit 541 800 verkauften Autos, Transportern, Lastwagen und Bussen ist der Konzern im zweiten Quartal weit von seinem üblichen Niveau entfernt. Es ist davon auszugehen, dass der Pandamie-bedingte Absatzrückgang im restlichen Jahr nicht mehr aufgeholt werden kann, heißt es. Beim Sorgenkind Lkw-Bau werden die Fixkosten deutlich gesenkt, Werke geschlossen und Personal „signifikant abgebaut“.

Doch es gibt nicht nur negative Nachrichten, betonen die Stuttgarter. Wenn die wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr so weitergehe und es zu keiner erneuten großen Infektionswelle in den wichtigen Absatzmärkten komme, könnte an Silvester zumindest ein Gewinn im niedrigen einstelligen Milliardenbereich übrig bleiben, sagt Finanzvorstand Harald Wilhelm. Bei Autos sei die Nachfrage sogar besser als erwartet – vor allem im wichtigsten Markt China. Das Interesse an Lastwagen hat sich nach seinen Worten in fast allen Kernregionen verbessert.

Die Hoffnungen liegen unter anderem auf dem Herbst, wenn die neue S-Klasse anrollt. Mit dem Dickschiff macht Daimler schon immer hohen Gewinn. Vor allem ist das Modell ein wichtiger Baustein für die Zukunft. Daimler will sich vermehrt auf Luxus konzentrieren. „Unser historischer Kern liegt dort“, argumentiert der 51-jährige Chef. „Das stärkste Wachstum findet sich am oberen Ende der Segmente.“ Was das für die Kompaktklasse bedeutet, will Källenius nicht sagen, ein Einblick in die Strategie folge später.

Gleichzeitig aber hält Daimler an den wichtigsten strategischen Zielen fest und möchte bei der Elektrifizierung und Digitalisierung führend sein. Für Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen ist der Konzern offen. Im kommenden Jahr soll es bereits erste Brennstoffzellen für Nutzfahrzeuge geben, die gemeinsam mit Volvo entwickelt werden. Eine Großserie sei „in vier oder fünf Jahren“ geplant, sagt Vorstandschef der Truck-Sparte Martin Daum. Källenius: „Trotz Covid-19 halten wir an unseren wichtigen Projekten fest.“

1,9 Milliarden Verlust