Ronja Gysin Chill Choc Ein Stuttgarter Start-up hat ein Getränk entwickelt. Das soll Stress lindern und Kleinbauern in Sri Lanka und Brasilien helfen. Von Ronja Gysin

Angefangen hat alles mit einem Agrarprojekt in Guatemala“, erinnert sich Dave Tjiok, Geschäftsführer und Mitgründer von Chill Choc. Als Volontär für die Initiative „Dein Stück Erde“ setzte er sich 2016 mit seinem Freund Burkhard von Stackelberg und anderen Umweltschützern für den Erhalt von fruchtbaren Böden ein. Während die Forschungsgruppe die Wirkweise von „Terra Preta“ untersuchte – einer fruchtbaren Schwarzerde, die aus Pflanzenkohle und Kompost entsteht –, probierten die Kakao-Fans Trinkschokolade aus Manufakturen. Tjiok: „Das Geschmackserlebnis hatte wenig mit dem in Deutschland verbreiteten Pulver zu tun.“

Die entscheidende Idee, die Chill Choc von anderen Kakao-Getränken unterscheidet, kommt den beiden aber erst ein Jahr später. „Burkhards Freundin leidet unter der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose“, erzählt der studierte Maschinenbauer und Chemiker Tjiok. „Um ihre Muskelkrämpfe zu lindern, experimentieren wir mit Nutz­­hanf.“

Nur wenig THC

Illegal ist das nicht. Denn anders als die zur Herstellung der weithin bekannten Rauschmittel Marihuana und Haschisch genutzte Cannabis-Art enthält Nutzhanf nur geringste Mengen des Halluzinogens THC. Wohl aber den Wirkstoff Cannabidiol (CBD), der entzündungshemmend, krampflösend und entspannend wirkt. Tjiok: „Perfekt also für den Durchschnittsbürger.“

CBD-Produkte wie Öle, Kapseln, Gummibärchen, Kaugummi und Kosmetik erleben in Deutschland seit Monaten einen Boom. Damit wächst auch die Kritik an den von manchen Anbietern geschürten Heilsversprechen von CBD-Produkten (siehe Infokasten). Eine der offenen Fragen ist, ob CBD-Produkte ohne Zulassung der Europäischen Kommission als neuartiges Lebensmittel verkehrsfähig sind.

Das Gründungsteam von Chill Choc sieht diese Debatte allerdings gelassen: „Wir verwenden natürliche Hanfblätter und keine Extrakte, wie es bei CBD-Ölen der Fall ist“, erläutert Laura Rothgang, die unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Allerdings gehen nach ihren Worten andere Länder deutlich entspannter mit CBD um als Deutschland, zum Beispiel die Schweiz, Österreich, Kanada und die USA. Chill Choc will daher künftig verstärkt Aufklärungsarbeit beim Thema Hanf und CBD leisten.

Bevor die ersten fertig abgefüllten Produkttüten des Antistress-Drinks auf dem Tisch stehen, ist es ein weiter Weg. Neben etlichen Geschmackstests muss das braune Pulver unter anderem auch wissenschaftliche Analysen verschiedener staatlicher Labore bestehen und die Freigabe der Bundesopiumstelle erhalten. „Wir haben das Rezept gut 100 Mal verändert“, berichtet Tjiok. Er ist der Geschäftsführer, der hauptverantwortlich für alle juristischen, strategischen und organisatorischen Aufgaben im Social-Start-up ist.

65 000 Euro aus eigener Tasche

Nach anderthalb Jahren und 65 000 € Investitionen aus eigener Tasche ist es dann soweit. Die erste Chill-Choc-Charge wird produziert. Inzwischen liefern 17 Zulieferer etwa aus Kolumbien, Peru und der Dominikanischen Republik, aber auch aus Deutschland und Österreich, die hochwertigen Rohstoffe, welche in Brandenburg nach einer geheimen Rezeptur und eigens entwickelten Verfahren weiterverarbeitet werden.

„Unser Ziel ist es, nach und nach ausschließlich mit kleinen, nachhaltigen Kooperativen zusammenzuarbeiten“, erklärt Tjiok den für das Start-up-Team wichtigen Umweltaspekt. Teile der Chill-Choc-Erlöse fließen zudem in Open-Source-Projekte für den Humusaufbau, Bodenschutz und die Bildung von Kleinbauern in Sri Lanka und Brasilien.

Das Prinzip ist einfach: Gesunde Böden sorgen für gesunde Pflanzen, aus denen gesunde Nahrungsmittel für gesunde Menschen hergestellt werden. Nachhaltigkeit, die ankommt, wie die Vorbestellungen im Wert von 11 000 € durch die Crowdfunding-Kampagne beweisen. Erste Fans findet das Entspannungsgetränk auf Messen, Festivals und durch die Kampagne.

Schnell entsteht eine Community: In Sportlerkreisen wird der Hanf-Kakao bereits als Geheimtipp gegen Muskelkater und Krämpfe gehandelt, junge Frauen freuen sich über die schmackhafte Linderung von Regelbeschwerden. Das Ziel der Gründer ist es, langfristig in die Regale des Einzelhandels zu kommen. Aktuell gibt’s den Kakao online im eigenen Webshop, bei Weltbild.de und in ausgewählten Cafes in Stuttgart, Berlin und München.

Fünf hochmotivierte Gründer

Aus dem einstigen Zwei-Mann-Betrieb ist inzwischen ein fünfköpfiges Gründer-Team geworden. „Während Laura, Lena und Chris sich um Marketing und Vertrieb kümmern, können Burkhard und ich uns auf die Produktentwicklung konzentrieren“, sagt Tjiok. Ganz ohne Hilfe geht es dennoch nicht. Etwa wenn eine Ladung Kakao auf der Reise nach Deutschland verloren geht.

„Plötzlich mussten wir uns kurzfristig um Ersatz bemühen, die Zusatzfinanzierung stemmen und Rezepturen anpassen.“ Unterstützung und Räumlichkeiten finden die Jungunternehmer beispielsweise bei den Coaches des Social Impact Labs im Stuttgarter Osten. „Die richtigen Partner sind das A und O. Werte und Ziele müssen unbedingt zusammenpassen“, sagt Tjiok. Und wenn es doch mal drun­ter und drüber geht, hilft eine Tasse Chill Choc beim Gedankenordnen.

Viel Kritik an CBD-Produkten

Ob CBD die Gesundheit fördert, ist unklar. Es gebe zwar Hinweise auf eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung, sagt Verbrauchenzentralen-Expertin Wiebke Franz. Diese seien aber wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Die in Hanfshops erhältlichen CBD-Produkte seien fast immer so niedrig dosiert, dass sie keine Wirkung hätten, sagt Psychiater Kurosch Yazdi, Leiter der Suchtabteilung am Uni-Klinikum in Linz. Er spricht bei CBD-Nutzern von Placebo-Effekten. dpa