Kartenzahlungen haben in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen. Das trifft auch die Werttransport-Unternehmen. Hans-Jörg Hisam ist Chef von Ziemann, dem zweitgrößten Unternehmen der Branche mit rund 2900 Beschäftigten, und stellvertretender Bundesvorsitzender der Branche, die 11 000 Mitarbeiter beschäftigt.

Wie bezahlen Sie im Alltag –  bar oder mit Karte?

Hans-Jörg Hisam: Natürlich am liebsten mit Bargeld. Die gesundheitlichen Studien der Europäischen Zentralbank (EZB) und Bundesbank besagen eindeutig, dass von Bargeld keine größere Ansteckungs- oder Übertragungsgefahr ausgeht, wie vom Berühren anderer Gegenstände. So ist etwa auch die Eingabe der PIN beim bargeldlosen Bezahlen sogar eher mit Ansteckungsgefahren verbunden.

Wie hart trifft Corona die Branche?

Aktuell haben wir aufgrund der Schließung von Geschäften in der Lockdown-Phase deutlich weniger Aufträge. Im April und Mai sind die Umsätze um bis 40 Prozent eingebrochen. Seit Juni sehen wir eine Erholung.  Geschäfte sind wieder geöffnet, damit muss auch wieder Bargeld transportiert werden. Aber das Minus beträgt im Vergleich zum Vorjahr immer noch rund 20 Prozent.

Welche Rolle spielt, dass Banken Filialen wegen Corona vorübergehend geschlossen haben oder dauerhaft, um Kosten zu sparen?

Das trifft uns nicht immer. Unser Service liegt primär in der Versorgung der Geldausgabeautomaten. Die waren immer zugänglich, auch wenn weniger abgehoben wurde als in normalen Zeiten.

Welche Folgen hat das veränderte Zahlungsverhalten der Verbraucher für Ihre Branche?

Mittelfristig wird sich der Trend zu unbaren Zahlungsmethoden fortsetzen. Zunächst eher moderat, durch die Corona-Krise allerdings deutlicher. Wir erwarten aber, dass sich dieser ruckartige Prozess wieder verlangsamt. Die Deutschen lieben Bargeld, trotzdem wird der Anteil im Zahlungsverhalten weiter sinken. 75 Prozent der BDGW-Unternehmen gehen davon aus, dass etwa ein Fünftel der Arbeitsplätze im Bereich der Geld-und Wertdienste akut gefährdet ist. Das ist nicht unrealistisch.

Wird in Deutschland bald fast nur noch mit Karte bezahlt wie in Schweden?

Nein, schwedische Verhältnisse sehe ich nicht. Die Grundversorgung mit Münzen und Scheinen ist in Schweden aufgrund der sehr weiten Entfernungen auf dem Land wesentlich schwieriger und damit deutlich kostenaufwändiger. Dies ist der wesentliche Grund für die starke Veränderung. Das ist mit Deutschland nicht vergleichbar. Hierzulande finden Sie praktisch an jeder Ecke einen Geldausgabeautomaten – insgesamt rund 60 000. Oft zahlt auch der Handel an der Ladenkasse Bargeld aus. Wir werden in Deutschland einen Mix an Zahlungsmitteln behalten – Karte, Smartphones, aber auch Bargeld.

Die Bundesbank betont, sie werde am Bargeld festhalten. Es sei gelebte Freiheit.

Bargeld ist und bleibt die sicherste Zahlungsmethode. Schnell, kostengünstig und anonym. Dies hat sich durch das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger in den ersten zehn Tagen des Lockdown bestätigt. Die Bargeld-Nachfrage war extrem hoch. Laut Bundesbank wurden im März neue Scheine im Wert von 21 Milliarden Euro ausgegeben nach nur vier Milliarden im Februar.

Wie abhängig sind Geld- und Werttransport-Unternehmen vom Geschäftsfeld Bargeld?

Alle Services rund um das Bargeld sind Teil unseres Kerngeschäftes. Wurden in der Vergangenheit der Transport und die ­Bearbeitung des Bargeldes nachgefragt, so hat sich die Wertschöpfungskette mittlerweile deutlich erweitert.

Was heißt das konkret?

Intelligente Einzahltresore, die dem Kunden dessen Bargeld nach Geldeinzahlung direkt auf seinem Geschäftskonto gutschreiben, gehören ebenso dazu wie die technische Instandsetzung von SB-Ge­räten. Wir stellen solche Geräte auf, überwachen den Betrieb und prognostizieren den jeweiligen Bedarf der einzelnen Automaten. Ziemann sichert all das die Wettbewerbsposition als Nummer zwei im deutschen Markt.

Jetztz bieten BDGW-Unternehmen mehr Sicherheitsdienstleistungen etwa bei Großveranstaltungen an.

Corona-bedingt sind auch unsere Umsätze im Veranstaltungssicherungsbereich komplett eingebrochen. Das konnte erfreulicherweise durch andere, in der Krise notwendige Leistungen mehr als ausgeglichen werden. Wir überwachen und sichern etwa die Einhaltung der Besuchs- und Hygieneregeln in der Industrie oder in Filialen der Bundesbank.

Transport und Betreuung


Dem Branchenverband Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BGDW) gehören  32 Unternehmen an, die insgesamt rund 11 000 Mitarbeiter beschäftigen. Deren Kernaufgabe sind die Geldtransporte zu und von Kreditinstituten und Händlern und die Betreuung der Geldautomaten.

Die Ziemann-Gruppe hat 2019 rund 290 Millionen Euro umgesetzt. Der Sitz des Unternehmens ist in Schallstadt bei Freiburg, Ziemann betreibt aber auch große Ableger in Mannheim und in Berlin. otr