Von Rolf Obertreis Der Wirecard-Skandal hat Schwachstellen aufgezeigt – auch in der Finanzaufsicht. Es hätten schon längst Betrugsspezialisten hinzugezogen werden müssen, sagt der Bilanz-Experte Edgar Löw. Von Rolf Obertreis

Der Wirecard-Bilanzskandal beschädigt auch das Image der Wirtschaftsprüfer immens. Trotz eines geprüften Jahresabschlusses fehlen in der Bilanz des deutschen Zahlungsdienstleisters 1,9 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsprüfer von EY seien weitgehend zur Verschwiegenheit verpflichtet, wären aber gut beraten, zur Aufklärung des Sachverhaltes beizutragen, soweit das rechtlich möglich sei, sagt Edgar Löw, Professor für Rechnungslegung an der Frankfurt School of Finance and Management . Er gilt als einer renommiertesten Experten in Deutschland zu Fragen von Wirtschaftsprüfung.

Nach seiner Einschätzung gab es Anlass, sich die Geschäfte von Wirecard in Asien sehr genau anzusehen. Hinweise auf Ungereimtheiten habe es spätestens im Jahr 2016 gegeben. Bei einem entsprechenden Grundverdacht seien Betrugs-Spezialisten hinzuziehen, sagt Löw. Weshalb der Konzernabschluss 2018 testiert wurde und dieses Testat erst jetzt zurückgezogen wurde, sei erklärungsbedürftig.

Sehen Sie eine Klagewelle auf EY zurollen?

Edgar Löw: Eindeutig ja. Es ist zwingend, die Rolle aller Beteiligten komplett aufzuarbeiten – des Vorstandes, des Aufsichtsrats, des Abschlussprüfers und der Bafin.

Die Wirtschaftsprüferkammer sieht derzeit keinen Grund zum Handeln. Schließlich sei von jährlich mehr als 40 000 geprüften Jahresabschlüssen mutmaßlich einer „kriminell“. Ist das nicht zu einfach?

Definitiv. Die Wissenschaft, das Institut der Wirtschaftsprüfer und die europäische Ebene, also Accountancy Europe, sind deutlich weiter. Wirtschaftsprüfer könnten prüfen, ob das Risiko­früh­erkennungssystem des Unternehmens dem Geschäftsmodell angemessen ist. Genauso lässt sich die Corporate Governance, also die Leitungsstruktur eines Unternehmens, überprüfen. Bei Anzeichen von Betrug sollten Fraud-Experten hinzugezogen werden. Diese Vorschläge ließen sich ausweiten. Aktionäre sollten den Abschlussprüfer in der Hauptversammlung befragen dürfen. Bislang versteckt sich die Branche hinter der Verschwiegenheitspflicht.

Nimmt die Zahl der kritischen Fälle bei Unternehmen zu?

Die weit überwiegende Mehrheit ist ehrlich. Aber es fällt auf, wie häufig Ethik und Moral gepredigt werden und wie wenig passiert. Zu erinnern ist etwa an die dilettantische Arbeit des Vorstandes der HSH Nordbank in der Finanzmarktkrise. Da wurden Verträge unterzeichnet, die angeblich niemand verstanden hat. Oder Volkswagen: Der Bundesgerichtshof (BGH) bescheinigt dem gesamten Vorstand, Genehmigungen für Fahrzeuge durch arglistige Täuschung erschlichen und das Vertrauen der Fahrzeugkäufer gezielt ausgenutzt zu haben. Aber noch immer sind Vorstände aus der damaligen Zeit im Amt oder leiten sogar den Aufsichtsrat. Wie kann das sein? Ein Reinigungsprozess ist überfällig.

Wird heute genauer geprüft?

Der Vorwurf, nicht so genau geprüft zu haben, lässt sich heute deutlich seltener erheben als vor der Finanzmarktkrise 2008. Die Branche stellt sich selbstkritische Fragen, etwa zur Berufsethik. Ob bei Wirecard Mängel und Blauäugigkeit, menschliches Versagen oder Betrug vorlagen, haben Gerichte zu klären. Sicher ist: Ein normaler Fall ist das nicht.

Genügt die gesetzlich vorgeschriebene regelmäßige Rotation der Prüfer? Sind zehn Jahre nicht zu lang?

Etliche Studien zeigen, dass eine Rotation in den ersten Jahren der Prüfung zu einem erhöhten Risiko und nicht etwa zu einem besseren Prüfungsergebnis führt. Nach der Finanzmarktkrise sollte auf europäischer Ebene bewiesen werden, dass gehandelt wird. Dadurch kam es zur Zwangsrotation. Wichtig aber ist, dass Personen rotieren. Wenn in einem Prüfungsteam die Mitarbeiter sukzessive ausgetauscht werden, geht nicht auf einen Schlag das komplette Wissen über das zu prüfende Unternehmen verloren.

Müssen Beratung und Prüfung nicht klar getrennt werden?

Dahinter steckt die Vermutung, dass ein Partner einer WP-Gesellschaft, der für die Prüfungstätigkeit zuständig ist und genau dafür bezahlt wird, in der Prüfung mehr toleriert, weil ein anderer Partner einen Beratungsauftrag bearbeitet oder behalten möchte. Das stimmt so nicht, denn hier geht es um persönliches Einkommen und – vor allem – um persönliche Haftung. Es mag Ausnahmefälle geben, in denen ein Mandant dem Prüfer mit Verlust von Beratungsaufträgen bei unliebsamen Prüfungsergebnissen droht. Gleichwohl ist vernünftig, dass eine WP-Gesellschaft, die prüft, von der Beratung grundsätzlich ausgeschlossen wird. Das vermeidet Spekulationen.

Reichen Vorgaben für die Haftung von Wirtschaftsprüfern?

Eine hohe Haftung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ist angezeigt. Würden aber Wirtschaftsprüfer persönlich zu schnell in Haftung genommen, würden weniger Personen den Beruf ergreifen. Über die Haftungs-Höchst­beträge lässt sich ebenso streiten, wie über die Frage, gegenüber wem die Prüfungsgesellschaften und die individuellen Prüfer haften sollten.

Haben Wirtschaftsprüfer ausreichend Kompetenzen, um bei Verdacht auf gefälschte Unterlagen und Betrug intensiver nachzuforschen?

Der klassische Wirtschaftsprüfer kann Auffälligkeiten feststellen. Denen hat er nachzugehen. Gibt es einen Verdacht auf Betrug, gilt es, sich den Prüfungsauftrag durch den Aufsichtsrat sofort erweitern zu lassen. Erhärtet sich der Verdacht auf strafbare Handlungen, ist gegebenenfalls die Staatsanwaltschaft hinzuzuziehen.

Was muss in der Aufsicht passieren im Blick auf Unternehmen, die allenfalls zum Teil als Bank agieren und trotzdem mit Finanz- und Zahlungsdienstleistungen Geld verdienen?

Im Fall von Wirecard sind die Kompetenzen der Finanzaufsicht Bafin als Wertpapieraufsicht kaum unterschiedlich zur Bankenaufsicht. Hier werden teilweise Nebelkerzen gezündet. Die Bankenaufsicht kann den Vorstand direkt befragen, sie kann bei begründetem Verdacht auf mangelnde Kompetenz ein Vorstandsmitglied auch abberufen.

Wie sieht es bei Betrugsverdacht aus?

Soll die Wertpapier- und Bankenaufsicht Betrugsfällen nachgehen, fehlen ihr aktuell diese Befugnisse. Die Staatsanwaltschaft ist zuständig. Sie kann aber nur bei begründetem Verdacht tätig werden. Trotzdem sollte erwogen werden, Auftrag und Befugnisse der Wertpapieraufsicht auszudehnen. Eine interministerielle Arbeitsgruppe unter Federführung des Finanzministeriums, in die unabhängige, praxiserfahrene Wissenschaftler einbezogen werden sollten, sollte das angehen. Die Bilanzprüfung in Europa läuft unterschiedlich. Teilweise ist sie komplett privatisiert, teilweise nur staatlich, teilweise, wie in Deutschland und Österreich, zweistufig, mit Vor- und Nachteilen. Sollen die Aufgaben auf eine Betrugsüberprüfung ausgedehnt werden, kommt nur eine hoheitliche Lösung infrage.

Spezialist für Wirtschaftsprüfung

Edgar Löw arbeitet seit 2014 für die private Frankfurt School of ­Finance and Management als Professor für Rechnungslegung. Löw war davor für die Deutsche Bank tätig, wechselte später zu den Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften Arthur An­dersen, KPMG und zuletzt Ernst&Young, heute EY.

Der 58-Jährige ist auch Honorar-Professor der Otto-Beisheim School of Management und sitzt in einem wichtigen Beratungsgremium der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA. Löw gilt damit als einer der renommiertesten Experten in Deutschland zu Fragen von Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung.