Laupheim / Von Vorname Name Gesundheit  Individualisierter Medizin gehört die Zukunft, sagt Frank Mathias, Chef der Rentschler Biopharma. Als einer der führenden Dienstleister spielen die Biotech-Experten in der Pharmawelt eine wichtige Rolle. Von Alexander Bögelein

Die Pharmawelt verändert sich: Krankheiten werden aufgrund biotechnologisch hergestellter Medikamente zielgerichteter bekämpft. „Schon jetzt ist individualisierte Medizin Realität“, sagt Frank Mathias, promovierter Immunologe und Vorstandschef der Biopharma Rentschler SE. Das Unternehmen aus Laupheim spielt in der Weltliga der Pharma-Dienst­leister und wächst rasant. Ein Gespräch über die Zukunft der Medizin und die Kraft von Kooperationen.

Corona! War Ihre Medikamentenproduktion in Gefahr ?

Glücklicherweise nicht. Wir tragen hier eine große Verantwortung, weil wir hochkomplexe Medikamente für schwerstkranke Patienten herstellen. Die sind  auf diese Arzneimittel angewiesen.

Was ist daran so schwierig?

Wir produzieren Biopharmazeutika, also Medikamente, die von lebenden, gentechnisch veränderten Säugetierzellen in Bioreaktoren hergestellt werden. Das ist ein extrem komplexer und knifflig zu handhabender Prozess.

Wie wissen die Zellen, welches Medikament sie herstellen sollen?

Unsere Partner schicken uns die elektronischen Proteinsequenzen, die wir von einem Servicepartner in DNA-Sequenzen übersetzen und herstellen lassen. Diese bringen wir in die Zellen ein und re-programmieren sie somit, das gewünschte Protein herzustellen.

Warum boomt das Biopharmazeutika-Geschäft so?

Die Pharmawelt hat sich geändert. Aufgrund der Fortschritte in der Forschung verstehen wir  die Ursachen von Krankheiten immer besser. Biopharmazeutika helfen, diese Ursachen sehr zielgerichtet zu bekämpfen, auch weil sie bei bestimmten Prozessen im Körper besser andocken können. In Anwendungsgebieten wie Schlaganfall, Blutgerinnungsstörungen, angeborenen Stoffwechselkrankheiten, Augenerkrankungen oder Osteoporose haben Biopharmazeutika die Therapien revolutioniert. Und der medizinische Bedarf ist ungebrochen hoch, weil es für viele Krankheiten noch keine Medikamente gibt.

Wie beschreiben Sie Pharma-Laien die Entwicklung am Pharmamarkt?

Wenn Sie das mit Anzugsgrößen vergleichen, lautete früher das Motto: „one-size-fits-all“, also ein Medikament passt für alle Patienten. Heute haben Sie verschiedene Konfektionsgrößen. Für bestimmte Erkrankungen und Patientengruppen gibt es bestimmte Therapien. In Zukunft ermöglichen  Zell- oder Gentherapien individuell hergestellte Medikamente für einen Patienten. Die Arznei passt wie ein Maßanzug.

Wie greifbar nah ist dieser Traum?

Es gibt in Europa bereits rund 70 Medikamente, die für die individualisierte Medizin zugelassen sind. Dazu zählen zum Beispiel die CAR-T-Zelltherapien gegen bestimmte Blutkrebsarten sowie eine Gentherapie zur Behandlung eines schweren Immundefekts bei Kindern. Aber es gibt noch viel zu tun.

Inwiefern?

Von den rund 8000 seltenen Erkrankungen sind rund 80 Prozent genetisch bedingt. Bislang haben wir rund 160 Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen. Bis wir alle anderen gezielt behandeln können, wird noch viel Zeit vergehen. Doch die forschenden Pharma- und Biotech-Unternehmen arbeiten daran und investieren kontinuierlich. Die Zukunft geht aber noch einen Schritt weiter.

Wie meinen Sie das?

Künftig wird Prävention eine viel größere Rolle spielen. Menschen, die das Risiko haben, an Diabetes zu erkranken, könnten eine Impfung bekommen, damit die Krankheit nicht ausbricht. Unsere Kinder und Enkel werden heute verbreitete Krankheiten in diesem Maße hoffentlich nicht mehr kennen. Das kostet viel Geld.

Überfordern fünf- und sechsstellige Kosten für eine Therapie nicht die Gesundheitssysteme?

Wir werden uns neue Formen der Finanzierung des Gesundheitssystems überlegen und sektorenübergreifend denken müssen. Es reicht nicht, nur auf den Preis eines Medikaments zu schauen. Es müssen die gesamten Kosten für das Gesundheitssystem berücksichtigt werden, beispielsweise auch Krankenhaustage oder Aufenthalte in Reha-Kliniken, die durch eine erfolgreiche Therapie vermieden werden können.

Was ist der Vorteil von Biopharmazeutika gegenüber herkömmlichen Medikamenten?

Entscheidend ist, welche Zielstruktur bei einer Erkrankung im Körper adressiert werden muss. Wenn man diese kennt, kann entschieden werden, welche Art von Molekül dorthin gelangen kann. Wenn ein kleines, chemisch hergestelltes Molekül das schafft, wird man sich im Allgemeinen dafür entscheiden. Denn die Synthese eines chemischen Moleküls ist in der Regel weniger aufwendig im Vergleich zu der eines Biopharmazeutikums. Zudem kann es oft oral als Tablette oder Kapsel eingenommen werden. Ein Biopharmazeutikum wird injiziert oder dem Patienten per Infusion verabreicht.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihren Kunden im Alltag?

Wir sehen unsere Kunden als Partner und unsere Dienstleistungen als eine Erweiterung ihrer Aktivitäten. Unsere Experten beraten die Kunden teilweise mit Beginn der Entwicklung neuer Medikamente. Vom ersten Kontakt, der gemeinsamen Entwicklung der Zelle über die eigentliche Fertigung in Bioreaktoren bis hin zum fertigen Arzneimittel vergehen 15 bis 18 Monate. Wir sind der erweiterte Produktionsarm der Kunden und suchen, zu deren maximalem Nutzen, strategische Allianzen mit anderen Organisationen.

Was heißt das konkret?

Wir haben kein Problem damit, wenn andere Unternehmen  etwas besser können als wir. Vielmehr ist es ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie, Technologie-Allianzen zu bilden und die Fähigkeiten anderer Firmen in unsere Geschäftsprozesse einzubinden.

Wie zum Beispiel?

Die Formulierung, also aus einem Wirkstoff ein gebrauchsfertiges Medikament zu machen, ist bei Biopharmazeutika herausfordernd. Die Proteine sind sehr instabil, sie mögen keine Hitze, kein Licht und viele andere Dinge nicht. Wir haben uns entschieden, mit dem Formulierungsexperten Leukocare aus Martinsried eine strategische Partnerschaft einzugehen. Im Gegenzug haben wir unsere entsprechende Abteilung geschlossen und die Mitarbeiter an anderen Stellen im Unternehmen eingesetzt. Aber nicht, weil wir damit ein Problem hatten, sondern weil unsere Kunden durch diese Partnerschaft einen enormen kommerziellen Vorteil haben. Solche langfristigen Partnerschaften streben wir auch für andere Themen an.

Wie lebt und arbeitet es sich als Franzose in Deutschland?

Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich arbeite seit rund 30 Jahren in Deutschland, meine Frau ist Deutsche, sodass ich mich sehr gut an die deutsche Mentalität gewöhnt habe. Ohnehin bin ich als halb Deutscher und halb Franzose in zwei Kulturen aufgewachsen. Ich war daher schon sehr früh mit verschiedenen Kulturen konfrontiert. Ich glaube, dass diese Mischung fantastisch ist: die deutsche Gründlichkeit und Disziplin zusammen mit der französischen Kreativität und dem Drang nach Differenzierung.

Wie sieht diese Mischung für Sie persönlich aus?

Ich sage immer, ich arbeite wie ein Deutscher und lebe wie ein Franzose.

Pionier in Sachen Biotechnologie

Mit der Gründung einer Apotheke im Jahr 1872 beginnt die Erfolgsgeschichte der Rentschler-Gruppe aus Laupheim. Das Unternehmen gehört zu den Pionieren der Biotechnologie und forschte bereits 1974 an immunstimulierenden Proteinen, 2006 trennte es sich vom Geschäft mit rezeptfreier Arznei. Heute hilft es weltweit 150 Kunden aus der Pharmaindustrie, Medikamente zu entwickeln und zu fertigen. 2019 erwirtschafteten 1000 Mitarbeitern einen Umsatz von 200 Mio. €.

Der promovierte Immunolge Frank Mathias (57) führt die Rentschler Biopharma SE seit 2015. Zuvor war er für die Firmen Medigene und Amgen tätig. Im Verband forschender Arzneimittelhersteller leitet der Franzose die Interessengruppe für Biotechnologie.