Heidenheim / Karin Fuchs Peter Hail schließt zum Jahresende sein Fachgeschäft für gehobene Herrenaustattung. Heidenheim verliert damit einen der ältesten Einzelhandelsbetriebe.

Im nächsten Jahr hätte das Herrenmodehaus Hail Jubiläum zum hundertjährigen Bestehen gefeiert. Nun wird im 99. Jahr daraus die Rabattaktion „unser letzter Sommer“ – gefolgt vom letzten Herbst und Winter.

29 Jahre lang hat Peter Hail als Inhaber die Geschicke des Ladens gelenkt, den sein Großvater Hermann Hail im September 1920 als „Spezialgeschäft für Herren- und Knabenbekleidung und Tuchhandlung“ gegründet hat. Danach baute Vater Helmut den von der Maßschneiderei geprägten Laden um zu einem modernen Marken-Shop, bevor 1990 Peter Hail zunächst als Teilhaber, fünf Jahre später als alleiniger Inhaber die Adresse für gute Männerkonfektion weiter ausbaute. Nun ist nach drei Generationen Männermode das Ende beschlossen – zum Jahresende ist Schluss.

Warum dieser Schritt?

„Der Hauptgrund ist, dass sich das Einkaufsverhalten gravierend geändert hat“, sagt Peter Hail und verweist auf den Onlinehandel und die Outlets. Ebenso erkennt er ein neues Modeverhalten. „Früher waren wir ein Haus für alle Männer, da gab es keine Billigkonkurrenz. Doch das hat sich gravierend geändert“, sagt Hail.

Ein Beispiel? Der Durchschnittspreis eines Hemdes betrage rund 15 Euro, bei ihm im Geschäft fange der Preis bei 49 Euro an. „Wir sind ein Spezialist für hochwertige Männermode.“ Noch eine Entwicklung trägt dazu bei, dass sich die Modebranche schwerer tut als früher: „Wir haben 20 bis 30 Prozent zu viel Ware auf dem Markt“, so Hail. „Das führt zu einem Preiskampf.“ Das Geschäft sei mit den Jahren schwieriger geworden. Die Umsätze stagnierten bei steigenden Kosten.

Wie schwer fällt die Entscheidung?

„Ich bin jetzt 58. Lange habe ich mir den Kopf zerbrochen, seit zwei Jahren“, so Hail. Doch schließlich habe er entschieden, dass er „mit vollem Verstand und mit Würde“ aufhört und nicht, weil ihn die finanzielle Lage zu diesem Schritt zwinge. „Ich will, das alles gut endet und nicht in einem Desaster.“

Brief an 12 000 Kunden

Die zehn Mitarbeiter seien informiert und zum Jahresende gekündigt, auch der Oberbürgermeister wisse Bescheid über die Entwicklung. Diese Woche wurden 12 000 Kunden angeschrieben und über die Rabattaktion „wegen Geschäftsaufgabe“ informiert.

Für die Abwicklung samt Kommunikation und Werbeaktionen hat sich Peter Hail Hilfe geholt von einem Unternehmensberater. Jürgen Blömke kümmert sich nach eigenen Angaben überwiegend um Unternehmensnachfolge und Geschäftsaufgaben in der Bekleidungsbranche. Angesichts der Rabattaktionen müsse anders geplant werden als sonst. Peter Hail hat für Herbst und Winter Ware wie immer geordert und hat auch vor, bis zum Ende den Kunden ein möglichst volles Sortiment anzubieten.

Warum wurde kein Nachfolger gesucht?

„In meinen Augen wäre das Geschäft auf Dauer gesehen unwirtschaftlich wegen der bereits beschriebenen Entwicklungen“, sagt Hail und zählt Modehersteller und Geschäfte auf, die ums Überleben kämpfen.

Wie es nach dem 31. Januar 2019 weitergeht? Zur künftigen Nutzung des Gebäudes führe er bereits erste Verhandlungen, doch Näheres will Hail noch nicht sagen. Er selbst werde mit der Abwicklung mindestens ein weiteres Jahr zu tun haben. Weitere Pläne habe er momentan noch keine.

Vom Diplom-Landwirt zum Einzelhändler

Einen Traktor kann Peter Heil genauso gut steuern wie er einen gut sitzenden Anzug erkennt. Das Landwirtschaftsstudium hat Hail mit der besten Diplomarbeit des Jahrgangs abgeschlossen: „Computergestütztes Herdenmanagement in der Milchviehhaltung“.

Dass er das Fach wechselte, den Einzelhandelskaufmann und Fachwirt draufsattelte, war familiären Gründen geschuldet. Den Bruder, BWL-Student und prädestinierter Nachfolger, zog es fort von Heidenheim. Peter Hail bereute den Gang zurück nach Heidenheim nicht.

1920 wurde die Firma vom Großvater in der südlichen Hauptstraße gegründet. 1927 erwarb dieser das Gebäude an der Wilhelmstraße, das bis heute Firmensitz ist. Aus einstigen 80 Quadratmetern Verkaufsfläche wurden durch An- und Umbauten die heutigen 700. kf