Ostwürttemberg / pm Die nächste Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie steht an. Warum Südwestmetall nicht nur wegen der konjunkturellen Schwächephase zur Zurückhaltung mahnt.

Ende März läuft der aktuelle Tarifvertrag für die rund eine Million Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg aus. In den kommenden Wochen wird die IG Metall ihre Forderungen für die anstehenden Verhandlungen formulieren. Bereits vergangene Woche hat die regionale Vertretung von Südwestmetall eine „Tarifrunde mit Augenmaß“ gefordert.

„Wir wollen aktiv die Zukunft gestalten, gemeinsam mit den Sozialpartnern und den Beschäftigten“, erklärt Markus Kilian, Geschäftsführer von Südwestmetall in Ostwürttemberg. „Nicht nur die konjunkturelle Schwäche schränkt die Spielräume für die Verhandlungen ein.“

Jeder elfte Einwohner in Baden-Württemberg arbeitet in der Metall- und Elektroindustrie, in den vergangenen zehn Jahren hat dieser Industriebereich allein im Südwesten fast 170 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. „Es lief in den zurückliegenden Jahren also nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter gut“, so Kilian. Doch bereits seit einigen Monaten ist das Fahrwasser für die Betriebe unruhiger geworden. „Der Auftragseingang bei den Betrieben im Land ist im Jahr 2019 im Durchschnitt um rund neun Prozent zurückgegangen“, sagt Kilian. Am stärksten betroffen sei der Maschinenbau mit einem Minus von 25 Prozent.

Zehren vom Polster

Noch zehren viele Betriebe vom Auftragspolster der vergangenen Jahre, wie Dr. Michael Fried, Geschäftsführer bei Mapal und Vorsitzender der Bezirksvereinigung des Arbeitgeberverbands, erklärt. Doch auch die Produktion sei in den Monaten Januar bis November 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Prozent zurückgegangen. Zwar reichten einigen Unternehmen Maßnahmen wie der Abbau der Zeitarbeit oder Zeitkontenreduzierung, um die Flaute auszugleichen. Doch arbeiten in der Region – Stand Ende Dezember, in allen Branchen – bereits jetzt 46 Betriebe kurz, 55 haben diese Maßnahme angemeldet, wie auch der Präzisionswerkzeughersteller Mapal, wo bald rund zwei Drittel der Belegschaft betroffen sein wird. „Wir gehen davon aus, dass es, anders als 2009 und 2010, nicht zu einer plötzlichen Erholung kommen wird, sondern rechnen für die kommenden zwei Jahre bestenfalls mit einer Stagnation“, so Fried.

Modell „Kurzarbeit Plus“

Er schlägt deshalb die Neuauflage des Modells „Kurzarbeit plus“ vor, mit dem die Bundesregierung in den Jahren 2009 und 2010 kriselnde Betriebe unterstützte. Damit würde die Arbeitsagentur auch die kompletten Sozialversicherungsbeiträge der Beschäftigten übernehmen. Nicht nur die konjunkturelle Schwächephase belaste die Unternehmen. „Was den Ausblick schwierig macht, ist der Strukturwandel in der Automobilindustrie“, so Fried. Zwar vermeldeten Autobauer wie BMW neue Rekordzahlen, doch resultierten diese aus der weiter großen Nachfrage nach Premium-Autos in China. Der Gesamtmarkt schrumpfe.

Zudem müssten viele Firmen hohe Investitionen in Zukunftsfelder tätigen, wie Florian Maier, geschäftsführender Gesellschafter des Heidenheimer Unternehmens Christian Maier, erklärt. Gleichzeitig würden angesichts der Megatrends Klimaschutz und Digitalisierung die nötigen Ausgabe für Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten steigen.

Was die Betriebe ebenfalls belaste, seien Brexit, der Handelsstreit zwischen USA und China sowie die Eskalation im Mittleren Osten.

Kilian verweist mit Blick auf die Tarifrunde zudem auf die Ertragssituation der Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren verschärft habe. Laut Erhebungen von Südwestmetall erwirtschaftete 2019 fast jeder fünfte Betrieb einen Verlust, bei insgesamt rund 70 Prozent der Firmen betrage die Nettoumsatzrendite weniger als vier Prozent. „Es gibt eine große Zahl von Unternehmen, die sich aktuell auf dünnem Eis bewegen“, sagt Kilian. „Wir brauchen die Balance zwischen Umsatz, Investitionen und Kosten. Wir können die Zukunft positiv gestalten – allerdings nur, wenn alle an einem Strang ziehen.“