Heidenheim / Günter Trittner Der Aktienkurs im Minus, das ganze Unternehmen zu wenig profitabel. Bei der Hauptversammlung der Paul Hartmann AG sparten die Aktionäre nicht mit Kritik.

Auch wenn am Ende die Aktionäre alle fälligen Entscheidungen bei der Hauptversammlung der Paul Hartmann AG mit einer Zustimmungsquote von über 99 Prozent trafen, so war doch davor aus deren Kreis deutlich Kritik am Unternehmen laut geworden.

Beklagt wurde der Einbruch des Aktienkurses, der 2018 um teils 130 Euro gefallen war, die geringe Profitabilität von Hartmann („schlichtweg enttäuschend“), die fehlende Aussicht auf größere Gewinne und die zu vagen Ansagen, wie das Unternehmen eine „Kehrtwende“ schaffen wolle. Ausgenommen von der Kritik war die neue Vorstandsvorsitzende Britta Fünfstück, die seit Jahresbeginn die Geschäfte führt. Sie wurde viel mehr als Hoffnungsträgerin gesehen.

Viel Lob für Britta Fünfstücks Rede

„Es ist die beste Rede, die ich je gehört habe“, würdigte ein Aktionär ihren Geschäftsbericht. Ein anderer wollte eine Rede „voller Emotionen“ gehört haben, von „mitreißend“ war die Rede und von einem „guten Gefühl“ gegenüber der neuen Chefin. „Ich hoffe, dass sie bleibt“. Diese Hoffnung brauche es auch, meinte ein weiterer Aktionär: „Denn das letzte Jahr war nicht gut“.

10,7 Prozent weniger Gewinn

Und in der Tat ist es nicht leicht zu erklären, warum Hartmann bei global wachsenden Märkten für Inkontinenzprodukte, Wundversorgung, Sterilität und Risiko-Management im Medizinbereich zwar um 2,9 Prozent mehr Umsatz gemacht hat, aber 10,7 Prozent weniger Gewinn. Die Verweise auf teurere Rohstoffe, negative Wechselkurseffekte oder rechtliche Verpflichtung, fast alle Produkte für einen zweistelligen Millionenbetrag bis 2020 neu zertifizieren zu müssen, schienen einem Aktionär eher „Ausreden“ als Begründung zu sein. „Wir verlieren global Marktanteile“, so seine Analyse des Geschäftsberichts. Selbst das Engagement für den 1. FCH schien einem Kritiker angesichts der Bilanzzahlen verfehlt. Die zweite Liga habe nicht die Reichweite, als dass sich der Aufwand rasch amortisiere. Viel mehr stelle sich die Frage, warum Hartmann eine Firma wie Sanimed führe, die ein negatives Ergebnis haben. „Warum nicht verkaufen, wir werden hier nie gut verdienen?“

Optimierung an allen Ecken und Enden

„Mit dem Ebit sind wir nicht zufrieden“ räumte Fünfstück vor den Aktionären ein. Man müsse sogar davon ausgehen, dass es heuer nochmals falle. Um dieses zu ändern greift Fünfstück weiträumig im Unternehmen aus. Selbst Rüstzeiten von Maschinen wurden bei der Hauptversammlung angesprochen. Grundsätzlich setzt man bei Hartmann auf Innovation, auf Kostensenkung, auf bessere Kundenansprache, auf eine Optimierung des Sortiments, auf attraktivere Produkte und auf das Privatkundengeschäft, um den staatlichen Regulierungen zu entgehen. Und selbstverständlich, so Fünfstück, sei es Teil der Aufgabe des Vorstands einzelne Unternehmenszweige und Tochterunternehmen auf ihre Profitabilität hin zu prüfen und Folgen abzuleiten. Und natürlich geht es auch bei Hartmann um die Digitalisierung. Auf 34 Milliarden Euro beziffert eine Studie das Einsparpotenzial im Gesundheitsbereich in Deutschland pro Jahr, wenn diese Techniken konsequent angewendet werden.

923 Millionen Eigenkapital

Bei einer Eigenkapitalquote von gut 61 Prozent und einem Betrag von 923 Millionen Euro hat Hartmann gute Reserven. Manchem Aktionär zu gute angesichts der Tatsache, dass das Unternehmen nur rund 30 Prozent des Gewinns an die Miteigentümer ausschüttet. Aktuell, so Fritz-Jürgen Heckmann, der Aufsichtsratsvorsitzende, habe das Unternehmen nichts in der Pipeline, was weitere Zukäufe angehe. Sehr zufrieden sei man, dass der Kauf und die Eingliederung von Lindor in Spanien gut geklappt hat. Heckmann erlaubte dabei sogar einen Blick in sein Innenleben. Er sprach von einem Flattern der Nerven angesichts des Kaufpreises. 130 Millionen Euro hatten sich die Heidenheimer den Eintritt in den Inkontinenzmarkt auf der iberischen Halbinsel kosten lassen. Auch von Heckmann gab es bei der Aktionärsversammlung viel Rückendeckung für Fünfstück. „Wir sind froh, dass wir sie haben.“ Fünfstück, die Kauffrau gelernt und technische Physik studiert hat, gilt als Expertin für innovative Produkte. Und wie ein Aktionär anfügte, sollte es in einer von der Gender-Diskussion bestimmten Zeit doch gut am Markt ankommen, wenn im Gesundheitswesen, wo vornehmend Frauen arbeiten, ein Unternehmen der Gesundheitsbranche nun eine Frau an der Spitze habe.

Kein Wechsel im Börsensegment

Zurückgewiesen wurde von Heckmann der Vorstoß eines Aktionärs, das Börsensegment zu wechseln, damit die Hartmann-Aktie mehr Schwung gewinne. Der Aufsichtsratsvorsitzende verwies auf die höheren Kosten. Zudem würden 95 Prozent der Hartmann-Aktien langfristig gehalten, sodass es zu keinem vermehrten Handel kommen werde. Nur zehn Prozent seines Geschäfts macht Hartmann außerhalb Europas. Der Warnung eines Aktionärs vor einem Engagement in den USA aufgrund hoher Prozessrisiken dort, ließ Fünfstück die Aussage folgen, dass die USA wie auch China für Hartmann erst in der mittel- und langfristigen Strategie ein Zielmarkt seien.

Wie zufrieden sind die Mitarbeiter?

Die Behauptung eines Aktionärs, die Mitarbeiterstimmung bei Hartmann sei ausweislich eines Bewertungsportal schlecht, ließ Fünfstück so nicht stehen. Man erreiche hier in der Bewertung 4,18 von fünf möglichen Punkten. Nach dreieinhalb Stunden löste sich die 105. Aktionärsversammlung in allgemeiner Zufriedenheit auf. Die Dividende beträgt 7 Euro pro Aktie. Insgesamt überweist Hartmann 24,9 Millionen Euro an seine Eigentümer.

Seit 1912 Aktiengesellschaft

1818 in Heidenheim von Ludwig von Hartmann als Spinnerei gegründet ist die Paul Hartmann AG heute eine weltweit agierende Gruppe für Medizin- und Hygieneprodukte, die 2018 einen Jahresumsatz von 2,119 Milliarden Euro erzielt hat. Über 11 000 Mitarbeiter sind für sie tätig. Unter Generaldirektor Walther Hartmann war das Unternehmen 1912 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Die 3.572.424 Aktien werden im Segment Open Market der Frankfurter Wertpapierbörse gehandelt. Mehrheitsaktionär ist die Schwenk Limes GmbH. Ihren höchsten Kurs erzielt die Hartmann Aktie im Jahr 2016 mit 459,85 Euro. Auch 2017 wurde ein Wert von 451,90 Euro je Stück erreicht. Im Jahr 2018 stürzte die Aktien auf einen Wert von 292 Euro ab. Derzeit liegt sie bei 320 Euro.