Wenn ich auch, dank des griechischen Philosophen Sokrates, grundsätzlich weiß, dass ich nichts weiß und manches Mal nicht mal das, so weiß ich doch und erlebe es derzeit überdeutlich, wie bedeutsam Zeit sein kann und dass verlorene Zeit nicht nur viel Geld sondern leider viel zu häufig auch Leben kostet.

Erstes Beispiel

Seit mehr als einem Jahr ringen wir mit dem Coronavirus und gegen die von ihm verursachte Pandemie. Falsch! Das Virus ist zwar Auslöser, aber Verursacher sind in erster Linie wir Menschen durch unser Verhalten. Von Anfang an hat unsere Bundeskanzlerin, ganz entgegen ihrer gewohnten Art abzuwarten, gestützt auf Kenntnisse und Erfahrungen namhafter Virologen, gewarnt und Vorsicht sowie Disziplin gefordert. Vergeblich. Gestützt auf fragwürdige Zuständigkeiten haben die Länder und auch Kommunen immer wieder gemacht, was sie wollten. Das ist bis heute so. Nachhaltig niedrigere Fallzahlen hat es nicht gebracht, aber wachsenden Frust der Bevölkerung.

Deshalb ist es wichtig, dass die gerade beschlossenen bundeseinheitlichen Regeln auch durchgesetzt werden. Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren! Wie viel Geld und noch viel schlimmer, wie viel Leben das gekostet hat und vermutlich noch kosten wird, wird immer im Dunkeln bleiben, ist aber schwerwiegend und traurig.

Zweites Beispiel

Corona zeigt in aller Deutlichkeit, dass unsere Verwaltungsstrukturen und -abläufe mittelalterlich sind und eines sogenannten entwickelten Landes unwürdig. Mit Coldline anstatt Hotline, mit Fax anstatt Scan, mit Zettel und Radiergummi anstatt Laptop verlieren wir viel Zeit und geben unnötig Geld aus, das an anderer Stelle dringend benötigt würde. Das ist kein Vorwurf gegenüber den handelnden Personen, es ist das Versagen der politischen Führung.

Im Jahr 2017, anlässlich des Wahlkampfes, hat unser Wirtschaftsminister Altmaier, vollmundig wie er das stets pflegt, angekündigt, bis zum Jahr 2021 werde Deutschland beim E-Government in Europa führend sein. Noch ist 2021 nicht vorüber, absehbar ist aber, dass es sich um einen Luftballon handelte, der bereits jetzt geplatzt ist. Wie von Reinhard Müller in der FAZ treffend formuliert wurde, brauchen wir keinen Digitalminister, sondern schlicht einen Profi. Die Rückstände sind offenbar so gravierend, dass der wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums von „archaischen Zuständen“ spricht. Das kostet Zeit, aber auch Leben.

Drittes Beispiel

Das Management der US-Firma Tesla, erfolgreicher Pionier beim Bau von Automobilen mit E-Antrieb, kritisiert erst jüngst die Langsamkeit der deutschen Behörden. Als „besonders irritierend“ empfindet es Tesla, dass es 16 Monate nach Antragstellung für den Bau einer Produktionsstätte in Brandenburg noch immer keinen Zeitplan für die endgültige Genehmigung gebe. Wir erleben immer wieder, Abläufe sind viel zu bürokratisch und eine beschleunigte Genehmigung von Investitionen, die wichtige politische Ziele, wie die Dekarbonisierung, fördern, geben die geltenden Regeln nicht her. Wenn man diesen und andere Fälle verfolgt, wundert man sich, dass ausländische Unternehmen Deutschland überhaupt noch als Investitionsstandort in Betracht ziehen. Wenn sie es nicht mehr tun, kostet es zwar keine Leben, aber viele Jobs.

Viertes Beispiel

Der scheidende Vorsitzende des Vorstands des Energiekonzerns Eon, Johannes Teyssen, berichtet, die Genehmigung einer Stromleitung verteile sich heute auf fünf verschiedene Gesetze mit geteilten Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern und er stellt die berechtigte Frage, warum es kein bundesweit einheitliches Planungsgesetz mit einem durchgehenden Genehmigungsverfahren gibt und sagt: „Unsere jüngere Vergangenheit ist gesäumt von Offenbarungseiden bei Infrastruktur-, Logistik- und Technologie-Projekten. Und fast immer war es dieselbe, fatale Mischung aus deutschem Perfektionsstreben, größtmöglichem Konsens und kleinstmöglichem Nenner – bloß jede Gruppe in ihrer Betroffenheit mitnehmen –, gepaart mit bürokratisch-föderalem Klein-Klein, die zur Rezeptur des Scheiterns wurde.“ Die Katastrophen-Projekte Berliner Flughafen und Stuttgarter Bahnhof, die misslungene Impfstoffbeschaffung, die Jagd nach Impfterminen, die „Unvollendete“ Testen, das Ringen um die Bundes-Corona-Notbremse und vieles mehr sind die teuren und traurigen Ergebnisse dieses Versagens.

All diese Beispiele, von denen es noch viele andere gibt, sind Zeugnis von Fehleinschätzungen der Dringlichkeiten, von unterentwickeltem Pragmatismus, von mangelndem Mut, von unklaren Zuständigkeiten, von regulatorischem Overkill und von technischer Rückständigkeit.

Aristoteles meinte: „Erkanntes Übel ist gut“. Ja, wenn der Erkenntnis Taten folgen. Es gibt viel zu tun in Deutschland. Die Zeit drängt. Aber Achtung! Das Tempo erhöhen bringt nur etwas, wenn die Richtung stimmt.

Neue Wirtschaftskolumne


Einmal im Monat schreibt Dr. Michael Rogowski als Gastautor diese Kolumne. Der frühere Voith-Konzernchef und ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) tut hier seine Meinung zu aktuellen Wirtschaftsthemen kund. In der Vergangenheit sprach er sich immer wieder für eine grundlegende Reform des Steuerwesens, des Sozialsystems, der Subventionspraxis und der Tarifstrukturen aus, weil eine seiner Auffassung nach überregulierte Wirtschaft und eine zu starke Bevormundung des Bürgers durch den Staat Eigeninitiative und Innovationsbereitschaft abwürgen würden.

Auch im Umgang mit den Medien hat der 82-Jährige einige Erfahrungen. Vor einige Jahren moderierte der Heidenheimer eine eigene Sendung beim Nachrichtensender n-tv.