Herbrechtingen / Manuela Wolf Gudrun Ziegler betreibt seit 20 Jahren in Herbrechtingen ein Fachgeschäft für Naturbetten an der Langen Straße. Ein Blick zurück, ins Hier und Heute und in die Zukunft des Einzelhandels.

Einzelhändler gerade in kleineren Ortschaften tun sich schwer mit dem Kampf um Kunden. Große Einkaufszentren wirken mit ihrer freizeitfüllenden Kombination aus hoher Ladendichte und gastronomischem Angebot wie ein Magnet.

Parallel dazu bietet das Internet unbegrenzte Möglichkeiten fürs Online-Shopping, vom Goldfisch bis zur Glühbirne. Gudrun Ziegler, Inhaberin des Naturbettenhauses Ziegler in Herbrechtingen, beobachtet diese Entwicklung seit Jahrzehnten. Im HZ-Interview spricht sie über den Mehrwert von Außenbestuhlung, leerstehende Geschäfte und die Generation Internet.

Frau Ziegler, in Baden-Württemberg und Bayern beteiligen sich Einzelhändler seit Jahren an der Kampagne „Lass den Klick in Deiner Stadt“. Wie viel Kummer bereitet Herbrechtingen das Online-Shopping?

Gudrun Ziegler Das Einkaufen im Internet ist natürlich auch hier Thema. Aber inhabergeführte Geschäfte können mit dem dagegenhalten, was es online nicht gibt: persönlichen Kontakt und ehrliche Beratung. Wir können uns unzufriedene Kunden nicht leisten, wir leben ja davon, dass sie gern wiederkommen. Ein großes Plus für uns in Herbrechtingen sind übrigens die vielen kostenlosen Parkplätze im Ortskern. Hier sind größere Städte im Nachteil.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren im Bund der Selbstständigen. Wie wichtig ist ein gutes Miteinander für den Einzelnen?

Nur in der Gruppe lässt sich etwas bewegen, bestes Beispiel dafür ist der verkaufsoffene Sonntag. Wenn nur ein Händler dazu einlädt, kämen vielleicht fünf Leute, wenn sich alle beteiligen, wird daraus ein Ereignis, und das ist das, was die Kunden sich wünschen. Sehr gut läuft beispielsweise die Sonnwend-Vernissage, zu der Künstler mit ins Boot geholt werden. Für die verkaufsoffenen Sonntage 2020 ist eine Kooperation mit den Sportvereinen geplant. Grundsätzlich stehen wir alle in Beziehung zueinander. Kunden, die in einem Geschäft etwas Bestimmtes brauchen, gehen vielleicht anschließend noch in das Geschäft nebenan. Auch Außenbestuhlung vor Bäckereien, Cafés oder Gaststätten bringt Frequenz.

Bekommen ortsansässige Händler ausreichend Unterstützung von der Gemeinde?

Kürzlich habe ich unseren neuen Bürgermeister Daniel Vogt kennengelernt. Das Gespräch war sehr konstruktiv. Grundsätzlich werden Händler über geplante Veranstaltungen informiert. So war der Gewerbeverein bei der Eröffnung der Bibrishalle mit einem Infostand vertreten, unsere Flyer werden verteilt, wenn sich neue Bürger im Herbrechtinger Rathaus anmelden. Wir haben auch Kontakt nach Heidenheim, um uns wegen der Termine für die verkaufsoffenen Sonntage abzustimmen.

Viele kleinere Städte kämpfen mit hohen Leerständen, die aus einer Art Domino-Effekt heraus entstanden sind. Wichtige Lücken in der Angebotspalette konnten nicht geschlossen werden, die Kundenfrequenz nahm ab, weitere Geschäfte mussten schließen. Wie ist die Lage in der Herbrechtinger Stadtmitte?

Wir haben aktuell zwei Leerstände, ich denke, dass sich diese Lücken bald schließen werden, das ist nicht das Problem. Unsicher ist, wie sich das Gesamte in den nächsten Jahren entwickelt. Für die Einzelhändler, die in den Ruhestand gehen werden, ist nur teilweise Nachfolge da. Wünschenswert wäre ein Händler, der hochwertige Bekleidung anbietet, das fehlt in Herbrechtingen. Aber ich fürchte, dass es dafür zu wenig Kundschaft geben würde. Die Auswahl, die man in Heidenheim oder Ulm findet, kann ein einzelnes Fachgeschäft nicht abdecken.

Ihr Sohn führt das Bettenhaus Ziegler weiter. Gab es Überlegungen, einen anderen Standort zu wählen?

Sicher hat man in einer größeren Stadt mehr Kunden, aber man hat auch höhere Kosten für die Ladenmiete, für Angestellte und so weiter. Mein Sohn und ich haben unsere Arbeit in Wohnortnähe und wissen auch um die vielen Annehmlichkeiten, die eine Stadt der Größe Herbrechtingens hat. Wir sind zufrieden, wie es ist.

Würden Sie sich in der heutigen Zeit nochmal selbstständig machen?

Wie viele andere Einzelhändler, hat sich das Bettenfachgeschäft Ziegler über Jahre hinweg mit einem speziellen Angebot einen Kundenkreis aufgebaut, der es noch nicht gewohnt ist, Einkäufe übers Internet zu erledigen. Die jungen Leute heutzutage sind mit Online-Shopping aufgewachsen. Dass dort alles günstiger zu haben ist, ist allerdings ein Irrglaube. Es bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann ein Wandel vollzieht und auch diese Generation wieder verstärkt Wert auf Beratung legt. Noch etwas gibt es zu bedenken: Fehlen Händler vor Ort, gibt es keine direkten Ansprechpartner mehr für Reklamationen oder Reparaturen, man kann die Ware vor dem Kauf nicht mehr in die Hand nehmen, man kann nicht schauen, ob sie den Bedürfnissen gerecht wird – und mit den Händlern würde das Leben aus den Städten verschwinden.

Zur Person

Gudrun Ziegler hat vor 20 Jahren das Bettenhaus Ziegler in Herbrechtingen eröffnet. Seitdem engagiert sich die 68-Jährige auch im Bund der Selbstständigen (BDS), wo sie unter anderem für die Organisation der verkaufsoffenen Sonntage zuständig ist. Sohn Jochen Ziegler hat den Betrieb inzwischen übernommen und kümmert sich gemeinsam mit seiner Mutter um die Belange der Kunden.