Heidenheim / Manuela Wolf Ein Schreibtisch sagt immer auch etwas über seinen Nutzer aus – oder? In einer neuen HZ-Serie werden Arbeitsplätze von Führungskräften aus der Region vorgestellt. Zum Auftakt: Edelmann-Geschäftsführer Oliver Bruns.

Zitat von Albert Einstein: Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen aus, der ihn benutzt?

Die Frage verliert ihren Witz, sobald sich die Tür zum Büro von Edelmann-Geschäftsführer Oliver Bruns öffnet. Aus dem Stegreif referiert er unterhaltsam über das Thema Nachhaltigkeit, das im Unternehmen immer mehr an Bedeutung gewinne: „Was gut für die Umwelt ist, muss nicht hässlich sein. Nachhaltigkeit ist für uns ein Hauptkriterium für Entscheidungen. Ich halte es für richtig, dass der Gesetzgeber hier eingreift mit dem Ziel, das Bewusstsein zu schärfen.“ Dann knüpft er Verbindungen hinein ins Privatleben, spricht über Bio-Läden und Discounter und seine Unart, unnütze Dinge der interessanten Verpackung wegen zu kaufen.

Youtube Der Schreibtisch des Chefs (1): Edelmann-Chef Oliver Bruns

Oliver Bruns lacht viel, während er sich unterhält, trotzdem ist das Tempo hoch. Der Mann ist ein Energiebündel und ein Macher und ein schlauer Kopf dazu, das ist nach wenigen Minuten klar. Was also verrät der leere Schreibtisch über den Menschen, der ihn benutzt? „Überflüssige Dinge treiben mich in den Wahnsinn“, sagt der 37-Jährige. PC, Tastatur, Ladestation fürs Handy, Notizblock, Kugelschreiber, Bleistift, das war’s. Schnickschnack gibt es im ganzen Büro nicht. Stattdessen klare Linien, viel Raum, alles wirkt modern und aufgeräumt. Es scheint, als biete die Leere Platz für Kreativität und Gedanken. Den riesigen Schrank, der von Vorgänger Dierk Schröder direkt hinter dem Schreibtisch gestanden hatte, ließ Bruns aus dem Büro werfen. Dann nahm er alles ab, was an den Wänden hing. Ansonsten brauchte es nur ein wenig frische Farbe und neue Blumenübertöpfe, damit er sich wohlfühlen konnte in der vierten Etage – und Licht, viel Licht!

Selbst an Sommer-Sonnen-Tagen schaltet er sämtliche Lampen ein. Fast hat er ein schlechtes Gewissen deswegen. Für ein paar Nuancen mehr Helligkeit vergeudet er Strom. Ist das richtig? Dann zuckt er mit den Schultern: „Ich versuche, in vielen Bereichen des Lebens umweltschonend und nachhaltig zu leben. Aber das mit dem Licht ist mir wichtig, ob zu Hause oder beim Arbeiten. Es tut mir gut.“

Hechelnd im Büro anrufen

Und es gibt noch etwas, was der Edelmann-Geschäftsführer braucht wie die Luft zum Atmen: Sport. Als kleiner Junge entdeckte er seine Leidenschaft für Leichtathletik. Heute ist er routinierter Läufer. Ob er nur eine Stunde unterwegs ist oder vier, die Bewegung an der frischen Luft gibt ihm Kraft für den anstrengenden Alltag. Gleichzeitig bringt sie Ordnung in seinen Kopf. Bruns: „Ich verarbeite, reflektiere, hinterfrage, und manchmal habe ich beim Sport gute Einfälle. Da rufe ich dann schon mal hechelnd im Büro an, weil ich dringend was erzählen muss.“

20 Paar Laufschuhe hat er zu Hause, für Regen, Asphalt, Sprints und so weiter, und für jedes Paar steht ein Ersatz im Schrank. Ähnliches gilt übrigens für die tägliche Business-Garderobe. Seit Jahren lässt er Anzüge und Hemden bei ein und demselben Schneider anfertigen. Der hat die Maße, die Ehefrau das Händchen für eine gute Wahl bei den Stoffen, ein Anruf genügt, der Einkauf ist eine Sache von wenigen Minuten.

Schwenk zurück ins Büro, zu Kantinenessen und zu dem Menschenschlag auf der Schwäbischen Alb, dessen schlechter Ruf ihn vor seinem Start bei Edelmann mehrfach ereilt hatte: „Ich finde nicht, dass die Schwaben besonders verbohrt sind. Es ist eher ein selbst gepflegtes Image. Die Leute hier sind zu kritisch mit sich selbst, das ist alles.“ Von seinen Mitarbeitern fühlt er sich gut aufgenommen. Aber das, mutmaßt er, liege wohl auch an seiner offenen Art.

„Führen geht nicht per Mail“

 Er ist bewusst viel im Haus unterwegs, um in Kontakt zu bleiben mit Mitarbeitern aus allen Abteilungen. Er führt Personalgespräche auch mal während eines Spaziergangs und verabredet sich gerne in seinem Büro, wo sich am runden Besprechungstisch keine Fronten bilden können, sondern Nähe entsteht: „Führen geht nicht per Mail. Den Großteil des Tages verbringe ich damit, mit Menschen zu sprechen. Das ist effizient und stärkt das Vertrauen.“

Der Familienvater hat eine berufliche Laufbahn hinter sich, die auf eine ehrgeizige und auch mutige Persönlichkeit schließen lässt. Tatsächlich beschloss er als Jugendlicher, von Bremerhaven wegzugehen, und zwar nach Amerika – allein, die finanziellen Mittel fehlten. Der Vater war Polizist, die Mutter Kindergärtnerin, der Opa arbeitete als Schweißer und die Oma am Kiosk. Also mähte der junge Mann Rasen bei den Nachbarn, half auf dem Bau mit und im nahen Hafen, und weil er so fleißig war, hatte er bald so viele Auftraggeber, dass er Stellen an seine Freunde vermittelte, ähnlich einem Makler. „Ich wusste nicht viel von Amerika, ich konnte nicht mal besonders gut Englisch“, erinnert er sich. Und doch spürte er, dass daraus Großes entstehen könnte.

Der Plan ging auf: Im Alter von 17 Jahren ging er nach Kalifornien, kehrte mit einem High-School-Abschluss zurück nach Deutschland, machte ein Einser-Abitur, eine Ausbildung zum Industrie-Kaufmann, studierte Betriebswirtschaftslehre und stieg schließlich beim Bayer-Konzern in Leverkusen ein. Drei Jahre lang lernte er Spanisch, weil er für einen Posten in einem lateinamerikanischen Land vorgesehen war. Doch die Firma schickte ihn kurzerhand nach Schanghai und, mit Chinesisch-Kenntnissen im Gepäck, ein paar Jahre später nach Tschechien. Er arbeitete schließlich im operativen Bereich für Finanzinvestoren, „baute Unternehmen um, auseinander und zusammen“.

Schlecht im Texte auswendig lernen

Veränderungen ist Oliver Bruns also gewohnt, und so fiel ihm der Neustart in Heidenheim nicht schwer, im Gegenteil. Er schwärmt für das Wental und die Heiderose bei Steinheim und für die nahen Allgäuer Alpen. Und überhaupt: Heidenheim! Waldbad und Aquarena, Naturtheater und Oper, Wochenmarkt und Brenzpark. „Es geht immer noch besser. Aber ich habe schon an so vielen Orten gelebt. Wenn ich sage, dass hier viel geboten und die Lebensqualität sehr hoch ist, kann man mir das glauben.“

Naturgemäß ist niemand perfekt. Was also kann Tausendsassa Bruns nicht? Er sei ganz schlecht darin, Texte auswendig zu lernen, sagt er und lacht dabei auch ein bisschen über sich selbst. Geschadet hat ihm dieses Defizit nie; er hat verstanden, aus der Not eine Tugend zu machen. Beispiel: Als er beim darstellenden Theater seine Schauspielfreunde mit seiner wortgewandten Kreativität in den Wahnsinn trieb, wechselte er kurzerhand zum Improvisations-Theater.

Auch heute noch verzichtet er darauf, Reden zu schreiben oder sich in Gedanken eine Ansprache zurechtzulegen: „Wenn ich dran bin, lege ich einfach los. Bisher ist mir noch immer etwas eingefallen.“ Auch dazu gibt es übrigens einen schlauen Spruch von Marcus Tullius Cicero: Reden lernt man nur durch Reden. Oliver Bruns ist dafür der sprechende Beweis.

Dieser Text ist der erste Teil der HZ-Serie „Der Schreibtisch des Chefs“.

Die Edelmann Group

Die Edelmann Group mit Stammsitz in Heidenheim wurde im Jahr 1913 von Buchdrucker Carl Edelmann Senior gegründet. Für 83 000 Mark kaufte er damals die Akzidenz-Druckerei Weller. Heute macht das Unternehmen mit 21 Standorten in neun Ländern über 300 Millionen Euro Umsatz, beschäftigt mehr als 3000 Mitarbeiter und stellt 4,7 Milliarden Faltschachteln und 1,3 Milliarden Packungsbeilagen pro Jahr her. Das Hauptaugenmerk liegt dabei inzwischen auf Nachhaltigkeit. Bruns: „Bei uns fließen 100 Prozent der Gelder für Forschung und Entwicklung in eine nachhaltige Produktion. Das Thema wird seit vielen Jahren vorangetrieben im Hause Edelmann, weshalb wir jetzt schon Produkte anbieten können, wo andere noch nach einer Lösung suchen.“