Ulm / Agnes Pahler Viele kleine und größere Tiere leben in abgestorbenem Holz. Aus abgeschnittenen Ästen und toten Stämmen entstehen überdies schöne Gartenbilder. Von Agnes Pahler

Altes Holz muss nicht zwangsläufig aus dem Garten entfernt werden. Manchmal schätzen wir sogar sein dekoratives Aussehen, etwa wenn wir eine bizarr geformte Wurzel als Schmuckstück ins Beet legen. Und ein altes, verwittertes Aststück kann stimmig am Gehölzsaum liegen. Ein regelrechtes Abbild der Natur formt sich, wenn sich neben einem knorrigen Stück Holz die schlanken Stängel des Roten Fingerhutes in die Höhe strecken. Etwas weiter im Schatten unter Bäumen oder hohen Sträuchern kann Holz ungestört vor sich hin rotten. An trockenen Stellen werden sich Flechten darauf ausbreiten, in eher feuchten Bereichen überzieht ein Pelz aus Moos das Holz.

Man spricht zwar landläufig von Totholz, doch abgestorbenes Holz ist überaus belebt: Geschätzte 1500 Pilzarten und 1400 Käferarten sind darauf angewiesen. Ein Drittel aller Tier- und Pilzarten des Waldes lebt im Altholz. Weil kein Holz mehr im Wald bleibt, sind diese Organismen bedroht. Der gefährdete Nashornkäfer etwa ernährt sich von zerfallendem Altholz. Hautflügler legen ihre Eier in Holzgängen ab, die von anderen Insekten vorgebohrt wurden. Darunter befinden sich einige der Solitärwespen, die räuberisch leben und Schadinsekten jagen. Viele der Tiere, die vom oder im toten Holz leben, tragen dazu bei, das biologische Gleichgewicht im Garten aufrecht zu erhalten. Wichtige Blattlausjäger wie Marienkäfer, Schlupfwespen oder Ohrwürmer zählen mit dazu. Als wichtiges Glied im Stoffkreislauf der Natur sollte folglich totes, vermoderndes Holz im Garten verbleiben.

Wird Gehölzschnitt zu Reisighaufen aufgeschichtet, entwickeln sich Lebensräume für viele Singvögel und Säugetiere. Zaunkönig oder Rotkehlchen nutzen Reisighaufen gerne als Versteck und Brutplatz. Spitzmäuse, Igel, Mauswiesel, Erdkröte oder Zauneidechse finden in einem Holzhaufen einen optimalen Überwinterungsplatz und Unterschlupf. So einen Holzhaufen legt man an einer abseitigen Stelle des Gartens, am besten unter Sträuchern an. Das organische Material baut sich immer weiter ab, daher muss man jährlich neues Geäst auf den Haufen aufbringen. Darauf können auch Wurzelstücke oder Holzstubben kommen, ergänzt um Falllaub.

So ein natürliches Gartenelement muss nicht zur Schmuddelecke verkommen. Lässt man es von Efeu oder von den kriechenden Trieben einer Stauden-Waldrebe überziehen, entsteht eine anmutige naturnahe Szenerie. Ein Igel verkriecht sich unter so einer luftigen Kuppel aus Ästen lieber als in einer gekauften Igelburg. Die natürliche Umgebung lässt sich viel behaglicher mit trockenem Laub auskleiden.

Abgestorbenes Holz bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume, je nach Holzart, Dicke, Standort, Feuchtigkeitsangebot und Zersetzungsgrad. Als ökologisch besonders wertvoll gilt das Holz von Laubbäumen. Erscheint bei einem Baum die Rodung unvermeidlich, sollte zumindest ein Teil des Stammes oder ein mächtiger Strunk  stehen bleiben, der verrotten kann.

Krone beschneiden

Stark beschneiden muss man die Krone fast immer, um zu verhindern, dass von abbrechenden Ästen Gefahr ausgeht. Bleiben der Stamm und ein Teil der dicken Äste erhalten, werden sich bald Insekten ansiedeln, Vögel nutzen entstandene Löcher als Nisthöhlen. Im absterbenden Holz nisten Höhlenbrüter wie Baumläufer, Spechte oder Kleiber. Höhlen in alten Baumstämmen suchen außerdem Fledermäuse als Tages- oder Überwinterungsquartier auf. Ebenfalls legen dort Wildbienen wie die Blauschwarze Holzbiene, die Wald-Pelzbiene oder die Garten-Wollbiene ihre Nester an.

Selten geworden sind in unserer Landschaft auch die Blindschleichen, die ihre Eier in verrottendes Holz ablegen. Die beim Abbau organischer Stoffe entstehende Wärme unterstützt die Entwicklung der Brut. Will man Blindschleichen fördern, müssen alte Holzstücke unbedingt in der Sonne liegen. Damit lässt sich eine hübsche Szenerie an der sonnenzugewandten Seite einer gemischten Hecke anlegen. Darin wachsen verschiedenen Wildobst­arten, die einen Saum aus trockenheitsverträglichen krautigen Pflanzen erhalten. Unter den einheimischen Arten bieten sich Königskerzen und Natterkopf an, die anhaltend blühen und ständig von Insekten umschwärmt sind. Dazu gesellen sich Zierpflanzen, die aus anderen Teilen der Welt zu uns gekommen sind, etwa Nachtkerzen mit ihren großen schwefelgelben Blüten, der einjährige Kalifornische Goldmohn, der sich Jahr um Jahr selbst aussät, oder die niedrige Hornnarbe, deren klarblaue Blüten erst im Oktober erscheinen, dann wenn sich das längliche Laub an den kriechenden Trieben bereits ziegelrot verfärbt.

Man muss nicht befürchten dass holzzersetzende Organismen auf gesunde Gehölze übergehen. Jeder Pilz und jedes Insekt besiedelt einen bestimmten Lebensraum. Jene, die sich auf abgestorbenes Holz spezialisiert haben, gehen nicht auf lebende Pflanzen über.

Totholz als Grenzwall

Aufgeschichteter Gehölzschnitt kann als Zaunersatz dienen. Quer zur Gartengrenze gelegte Stämme und Äste lassen sich zu einem mindestens 80 cm breiten Wall aufschichten. Für eine schmalere Altholzbarriere schlägt man entlang eines 50 bis 70 cm breiten Bandes zu beiden Seiten im Wechsel Pflöcke in die Erde ein. Sie dienen als Halt für die Aststücke und Zweige, die man dazwischen einfüllt. Mit dem jährlichen Gehölzschnitt lässt sich diese Barriere immer wieder ergänzen. Gerade an der Grenze des Siedlungsraumes, am Übergang zu Feld und Wiese, entsteht dadurch ein natürlicher Saum, der auch den Tieren den Wechsel von einer Zone zur anderen ermöglicht.