Ulm / Von David Nau Vielerorts im Land wird über Straßen- oder Gebäudenamen diskutiert. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes empfiehlt: Umbenennen. Von David Nau

Das war mehr als heftig“, sagt Thorsten Riehle, wenn er an die Debatte um den Sarotti-Mohr zurückdenkt. Riehle ist Geschäftsführer im Mannheimer Veranstaltungshaus „Capitol“, in dessen Foyer auf der Bar eine historische Leuchtreklame der Schokoladenmarke „Sarotti“ steht, inklusive des – inzwischen längst geänderten – historischen Logos mit einem dunkelhäutigen Diener, der ein goldenes Tablett trägt. An genau dieser Reklame entzündete sich 2019 eine Debatte, die vor allem in den sozialen Medien scharf geführt wurde. Der Mohr muss weg, weil er ein rassistisches Symbol aus Kolonialzeiten darstellt, forderten die einen. Die Kritik daran sei zu viel der „political correctness“ und völlig überzogen, meinten die anderen.

Andere Sichtweise kennenlernen

Im Capitol entschied man sich für einen Mittelweg – und verhüllte den Schriftzug und die beiden Mohren in Christo-Manier für eine gewisse Zeit. „Uns war klar, dass wir uns damit zwischen alle Stühle begeben, wenn wir keiner Seite folgen“, sagt Riehle. Der Umgang mit der Leuchtreklame hat aber aus seiner Sicht zu einer konstruktiven Auseinandersetzung geführt. 4000 Menschen seien zu zwei Aktionstagen gekommen. „Viele Besucher haben mir gesagt, sie hätten nie verstanden, warum Menschen mit dunkler Hautfarbe sich durch eine solche Werbung diskriminiert fühlen“, erzählt er. Bei den Aktionstagen hätten sie andere Sichtweisen von Betroffenen kennengelernt. „Das war genau das, was wir erreichen wollten“, sagt Riehle.

Die Debatte um Alltagsrassismus tobt längst nicht mehr nur in Mannheim – spätestens seit der „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA gibt es vielerorts im Land Diskussionen. So will die SPD im Ulmer Gemeinderat etwa die Umbenennung der Mohrengasse. Der Begriff „Mohr“ sei „herabwürdigend“ und reiche bis „zum Beginn der kolonialen Expansion Europas zurück“, schreibt der SPD-Landtagsabgeordnete und Ulmer Gemeinderat Martin Rivoir in einem Antrag an OB Gunther Czisch (CDU).

CDU-Stadtrat Hans-Walter Roth widerspricht Rivoir in einem offenen Brief und meint: „Ich denke, Ulm ist Vorbild für eine gelungene Integration, wir engagieren uns vorbildlich für Menschen gleich welcher Kultur.“ Der Antrag sei „populistischem Übereifer“ geschuldet. Der Ausgang der Debatte ist noch ungewiss.

In Schwäbisch Hall ist man da bereits weiter. Dort forderte ein örtlicher Verein die Umbenennung der Mohrenstraße und eine Mohrenfigur am „Haus zum Mohren“ zu entfernen. Die Stadt habe sich daraufhin entschieden, ein erklärendes Schild mit einer historischen Einordnung aufzuhängen. Es werde noch im Juli montiert, teilt eine Sprecherin der Stadt mit. Darauf wird erklärt, dass die ehemalige Mohrenapotheke namensgebend für die Straße gewesen sei, der Mohr symbolisiere den Apothekerberuf. „Die Figur drückt damit Bewunderung für die medizinischen Kenntnisse in tropischen Ländern aus“, steht auf dem Schild. Man sei der Meinung, dass die Einordnung mehr zu einer Auseinandersetzung beitrage als die Umbenennung der Straße, sagt die Stadt-Sprecherin.

Für Nina Guérin ist die Lage völlig klar: „Orte, Gebäude oder Straßen, die Namen tragen, die Menschen diskriminieren, sollten umbenannt werden“, sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes Baden-Württemberg (LADS). Dabei sei unerheblich, ob ein Begriff früher sogar positiv gemeint war. „Ob etwas vor hunderten Jahren rassistisch gemeint war oder nicht, spielt für Menschen, die durch die Bezeichnung jetzt eine Verletzung erfahren, keine Rolle“, sagt Guérin.

Debatten nicht abwürgen

Sie rät, in Debatten zur Umbenennung die Betroffenen einzubinden. „Es ist wichtig, mit den Betroffenen zu sprechen, statt nur über sie“, sagt sie.

Capitol-Geschäftsführer Riehle ist durch die vielen Beiträge zur Diskussion um den „Sarotti-Mohr“ überzeugt, dass es wichtig ist, die Debatte offen zu führen und nicht einfach abzuwürgen. „Ein Gemeinderatsbeschluss, der besagt: ‚Basta, das war’s jetzt mit der Debatte’ wäre der falsche Ansatz“, sagt er.

In Stuttgart-Möhringen scheint man die Ratschläge ernst zu nehmen und hat eine Arbeitsgruppe gegründet. Diese soll sich mit dem umstrittenen Wappen des Stadtteils befassen, auf dem unter anderem eine dunkelhäutige Frau mit dicken roten Lippen, krausem Haar und großen Kreolen-Ohrringen zu sehen ist. Die Gruppe werde sich „kritisch und ergebnisoffen mit dem Wappen“ auseinandersetzen, teilt eine Sprecherin der Landeshauptstadt mit. Bei Bedarf werde man auch Betroffene zu den Sitzungen des Gremiums einladen. Verwendet wird das umstrittene Wappen übrigens seit 1942 nicht mehr – damals wurde Möhringen nach Stuttgart eingemeindet.

Mehr Anfragen bei der Antidiskriminierungsstelle

Seit dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd und den „Black Lives Matter“-Demonstrationen in den USA steht das Thema Rassismus auch in Baden-Württemberg wieder stärker im Fokus der Debatte.

Nina Guérin von der Antidiskriminierungsstelle des Landes bemerkt einen deutlichen Anstieg der Beratungsanfragen. „Im Juni haben sich die Anfragen bei der LADS im Vergleich zum Vorjahresschnitt versechsfacht“, sagt sie. Die Ereignisse in den USA hätten das Bewusstsein geschärft, dass es auch hierzulande rassistische Diskriminierungen gebe.

Die LADS ist erreichbar unter Tel. (0711) 123 39 90. dna