Stuttgart / Christoph Knauthe Kinder aus sozial schwächeren Familien zeigen öfter motorische Schwächen. Das belegen Einschulungstests.

Stuttgart. Kinder aus sozial schwächeren Familien haben laut einer Auswertung des Landesgesundheitsamts deutlich häufiger Defizite bei den motorischen Fähigkeiten. Bei der Auswertung von etwa 30 000 Einschulungsuntersuchungen und Eltern-Fragebögen wurden bei rund 27 Prozent der Fünfjährigen motorische Auffälligkeiten festgestellt, berichtete Professor Michael Böhme am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Stuttgart. Ein Viertel  der Kinder im Alter von fünf Jahren schaffe es nicht, sieben Hüpfer auf einem Bein, in einer sicheren Linie hinzubekommen, sagte Böhme.

Der Unterschied zwischen den sozialen Schichten fällt dabei deutlich auf. Nur etwa 22 Prozent der Kinder aus höheren Schichten waren betroffen, während es bei Kindern mit niedrigerem Sozialstatus ganze zehn Prozentpunkte mehr waren. Zurückzuführen seien derartige Auffälligkeiten auf schlechte Ernährung und vor allem auf mangelnde Bewegung. Kinder aus sozial höhergestellten Familien würden wohl schon früher und stärker beispielsweise in Sport- oder Ballettvereinen gefördert, folgerte Böhme. Der Unterschied nach Sozialstatus fällt bei Mädchen noch deutlicher aus als bei den Jungen.

Insgesamt schafften es nur etwa 40 Prozent der Fünfjährigen, sich jeden Tag zumindest eine Stunde zu bewegen. „Das nimmt dann auch weiterhin rapide ab, bis zum Erwachsenenalter“, so Böhme. Unter den 17- bis 18-Jährigen falle dieser Wert bereits auf nur noch 10 Prozent. Unzureichende Bewegung könne nicht nur zu Übergewicht, sondern auch zu einer geringeren schulischen Leistungsfähigkeit führen. Es sei überaus wichtig, den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern zu fördern. Schon im jungen Alter würden die Weichen für spätere Gewohnheiten gestellt.

Laut Matthias Schneider von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sei der Bewegungsmangel bei Kindern kein neues Thema. Eine wichtige Frage dabei sei, wie viel Bewegung Kitas, Kindergärten und Schulen den Kindern ermöglichen könnten. „Das betrifft auch den Sportunterricht, der in Baden-Württemberg leider viel zu oft ausfällt“, so Schneider.

Unterricht im Stehen

Um der bedenklichen Entwicklung entgegenzusteuern, setze man beispielsweise darauf, Teile des Unterrichts im Stehen abzuhalten. Auch die Handynutzung während der Pausen werde an manchen Schulen eingeschränkt – auch das hält von der Bewegung ab. Dennoch fehlten zahlreichen pädagogischen Einrichtungen die Kapazitäten, um Gegenmaßnahmen umzusetzen. „Das Land bildet seit Jahren zu wenige Sportlehrer aus.“, klagt Schneider. An einigen Schulen werde zuweilen aus Mangel an Möglichkeiten sogar der Schwimmunterricht gestrichen.

Doch es sei nicht nur die Aufgabe der Schulen zu reagieren, betont Matthias Schneider. Denn bereits vor dem Schulalter fände bei dem Thema eine prägende Phase statt, in der eine Förderung durch die Eltern essenziell wichtig sei. Christoph Knauthe