Ulm/Rottenburg / Von Elisabeth Zoll Vor 75 Jahren kehrte der Bekennerbischof Joannes Baptista Sproll aus dem Exil in sein Bistum zurück. Seine Ehrung lässt auf sich warten. Von Elisabeth Zoll

Es war ein Triumphzug. Mitten im kriegszerstörten Deutschland starten am 12. Juni 1945 im bayrischen Krumbad, damals ein Speziallazarett für Rheumaleiden, drei Limousinen und ein Transportwagen. Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett hatte für diesen Tross extra seinen Dienstwagen nach Krumbad beordert. Er sollte einen Mann nach Hause bringen, den die Nazis im August 1938 ins Exil gejagt haben: den katholischen Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll. Als einziger hochrangiger Geistlicher in Deutschland war der Schwabe aus Schweinhausen (Kreis Biberach) wegen seines Widerstandes gegen die menschenverachtende Ideologie und Politik der Nationalsozialisten mit einem Bannstrahl belegt worden. Bis heute führt der Bischof in der Erinnerungskultur ein Schattendasein.

1945 im frühen Sommer: Mit einem französischen Passierschein zur „feierlichen Rückkehr in die Diözese“ ausgestattet, setzt sich am 12. Juni der Konvoi aus dem Wagen eines hochrangigen französischen Offiziers, dem rosengeschmückten Auto für Bischof Sproll samt Arzt und Pflegerin und einem weiteren Auto mit kirchlichen Würdenträgern wie der Ordensoberin der St. Josefkongregation, Schwester Gosberta, in der amerikanischen Besatzungszone in Bewegung. Erste Station ist das württembergische Ulm. Dort erreicht der Bischof den Boden seiner Diözese. Nur über einen Notbehelf konnte die kleine Kolonne die Donau überqueren. Die Brücken und die Innenstadt Ulms sind zerstört. Und doch bereiten viele Tausende auf dem Platz vor der unzerstörten Georgskirche im Zentrum der Stadt dem Bischof einen jubelnden Empfang. Es ist mehr als eine herzliche Geste für einen Verfolgten, der selbst als Sohn einer Magd aus armen Verhältnissen kommend, nie die Sprache zu einfachen Leuten verloren hat.

Bischof Sproll verkörpert nach der Niederlage das andere Gesicht der Deutschen; das jener kleinen Gruppe, die wie der seliggesprochene Kardinal Clemens August von Galen aus Münster oder der Jesuitenpater Rupert Mayer, die christliche Botschaft nicht dem Blut- und Boden-Mythos und der Rassenideologie der Nationalsozialisten preisgegeben haben.

„Der durch ein Nervenleiden schwer gezeichnete und gelähmte Sproll kam nicht als Ankläger aus der siebenjährigen Verbannung zurück“, betont Herbert Aderbauer, Archivar der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In Ulm, und zwei Tage später bei der großen Heimkehrfeier in Rottenburg, spricht Sproll von Versöhnung: „Ich kehre zurück ohne Verbitterung gegenüber denen, die mir Gewalt angetan haben“.

170 Geistliche aus dem ganzen Bistum waren an diesem Fronleichnamsfest mit Zügen und Bussen angereist und unzählige Gläubige.  Am 18. Jahrestag seiner Einsetzung als Bischof von Rottenburg wurde die Feier inszeniert als zweite Inthronisation und als „klares Symbol für die Überwindung des Nationalsozialismus und des Sieges der katholischen Kirche über den Nationalismus“, sagt Herbert Aderbauer. Der Bischof war zur Ikone des Widerstands geworden. Am Tag seines goldenen Priesterjubiläums übernahm der Schwerkranke symbolisch die Diözese zum zweiten Mal. Er führte sie bis zu seinem Tod nur drei Jahre später.

Der Ort der Heimkehrfeier war mit Bedacht gewählt: Auf dem Platz im Zentrum Rottenburgs waren 1938 SA-Einheiten und Fanatiker der Hitlerjugend  aus dem weiteren Umfeld aufgelaufen. Grölend hatten sie ihren Hass gegen den Kirchenmann in die Welt gedonnert. Dass der Bischof gegen die Ausgrenzung von Behinderten und Juden predigte, die Kriegslüsternheit verurteilte und sich offen gegen die Ideologie eines „deutschen Christentums“ stellte, war in ihren Augen „Verrat“. Bald war der Kirchenmann in seinem Haus nicht mehr sicher. Der Mob drohte ihn zu lynchen. Sprolls Boykott der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs brachte dann das Fass zum Überlaufen. Am 24. August 1938 wurde er mit einem Ausweisungsbefehl der Gestapo aus dem Bistum vertrieben. Es ist das einzige Mal, dass die Nationalsozialisten so drakonisch gegen einen Bischof vorgegangen sind.

Trotz seines unerschrockenen Widerstandes hat es „Bischof Sproll nicht in das gesamtdeutsche Gedächtnis geschafft“, bemerkt  Thomas Weisshaar. Er ist der bischöfliche Beauftragte, der das Seligsprechungsverfahren Sprolls vorantreiben soll. 2011 hatte Bischof Gebhard Fürst den Prozess eingeleitet. Viel zu spät, meint der Munderkinger Pfarrer Franz Xaver Schmid, der sich seit Jahren mit dem Leben und der geistlichen Botschaft Sprolls befasst. Sproll sei „in vieler Weise übergangen worden.“ Auch sein Einfluss auf die wegweisende Enzyklika „In brennender Sorge“, mit der Papst Pius XI.  am Palmsonntag 1937 auf klare Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie gegangen ist, wird in den Augen Schmids noch immer unterschätzt.

Opfer einer üblen Nachrede

„Vielleicht waren wir Schwaben nach 1945 etwas zu bescheiden, um Bischof Sproll so herauszustellen wie er es verdient hätte“, sagt auch der frühere Bischof und heute in  Rom lebende Kardinal Walter Kasper. Als 14-jähriger Bub ist er Sproll in seinem Heimatort Wangen im Allgäu noch persönlich begegnet. „Sproll war und ist der Bekennerbischof“, betont Kasper.

Doch in der öffentlichen Wahrnehmung ist er ins Abseits gedrängt worden. Haben böswillige Gerüchte, Sproll sei Vater eines unehelichen Kindes, die Erinnerung getrübt?

Schon vor seiner Bischofsernennung sei Sproll mit dieser üblen Nachrede konfrontiert gewesen, sagt Weisshaar. Sproll brachte die Verleumder sogar vor Gericht und wurde entlastet. Auch der Vatikan hatte gewissenhaft überprüft, ob etwas gegen die Ernennung Sprolls zum Bischof spreche, konnte aber nichts als Lügen finden. Doch möglicherweise überdauerte der Schatten der Verleumdung die Zeit.

Weisshaar verweist noch auf andere Gründe für den langwierigen Prozess:  Für ein Seligsprechungsverfahren müsse das gesamte Leben des Betroffenen überprüft, wegen fehlender Zeitzeugen alle Akten durchforscht und ausgewertet, Zettelkästen gesichtet und das umfangreiche Ergebnis dann für die Seligsprechungskongregation im Vatikan in die italienische Sprache übersetzt werden. Das dauert. Weisshaar: „Wir sind noch in der diözesanen Prüfung“.

Das Seligssprechungsverfahrung hält Weisshaar trotz des zeitlichen Abstandes zum Leben Sprolls für wichtig. Dabei gehe es weniger um die Ehrung einer historischen Person als um ein Zeichen, wie christliches Leben gelingen kann. Das sei ein Signal für heutige Auseinandersetzungen mit wieder aufkommendem rechten Gedankengut. Wo ist der Punkt, an dem sich ein Christ  verweigern muss? Weisshaar: „Dazu hat Bischof Sproll etwas zu sagen.“

Feiern 

Eigentlich hatte die Diözese etliche Gedenkfeiern geplant. Doch Corona setzte dem Festprogramm zu. So bleiben  ein Gedenkgottesdienst am 2. Oktober und die Einweihung eines Gedenkortes im Bischöflichen Ordinariat in Rottenburg zwei Tage später. An die Rückkehr Sprolls aus dem Exil wird diesen Sonntag im Rottenburger Dom erinnert. Der Gottesdienst um 9.30 Uhr wird übertragen unter www.drs.de. Heute schon findet eine Feier in St. Georg in Ulm statt. 17 Uhr.