Ludwigsburg / Dominique Leibbrand Seit Juli ist das Fotografieren unter Röcke und in Ausschnitte strafbar. Verantwortlich dafür ist eine junge Frau aus Ludwigsburg. Sie erklärt, warum das neue Gesetz so wichtig ist. Von Dominique Leibbrand

Es passiert am Arbeitsplatz, auf Rolltreppen, in der Schule oder in der Bahn – Männer fotografieren Frauen heimlich unter die Röcke oder in den Ausschnitt, um sich daran, salopp gesagt, aufzugeilen. Dass das sogenannte Upskirting jetzt als Straftat gilt – Anfang Juli hat der Bundestag das entsprechende Gesetz verabschiedet – ist der Ludwigsburgerin Hanna Seidel zu verdanken. Gemeinsam mit ihrer Freundin Ida Marie Sassenberg hatte die Regie-Studentin im vergangenen Jahr die Petition „Verbietet #Upskirting in Deutschland!“ auf der Plattform change.org gestartet. Mehr als 100 000 Menschen unterstützten das Anliegen, das nun Gesetz geworden ist. Seidel freut sich: „Das ist ein ganz wichtiger Schritt – für die Betroffenen, aber auch im Kampf gegen sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt.“

Die 29-Jährige spricht aus eigener Erfahrung. Als Jugendliche sei sie zweimal Opfer von Up­skirting geworden. Auf einer Klassenfahrt hätten Lehrer einer anderen Schule den Mädchen unter die Röcke gefilmt. Da war Seidel 13. Als sie 16 war, habe ihr ein fremder Mann auf einem Musikfestival zunächst unbemerkt eine Kamera unter den Rock gehalten. Als eine Freundin sie darauf aufmerksam gemacht habe, habe sie den Spanner konfrontiert, der ihr daraufhin Schläge angedroht und ihr gesagt habe, sie sei selber Schuld, so wie sie sich anziehe.

Ein Satz, den Opfer von Sexualstraftaten, wie Seidel weiß, oft zu hören bekommen. Nachdem sie die Petition gestartet hatte, habe sie unzählige Zuschriften bekommen. Darin ging es um Scham, aber auch um Schuld. Auch sie habe sich bei ihren Erfahrungen erst mal gefragt, ob sie vielleicht selbst etwas falsch gemacht habe. Obendrein werde das Thema auch noch oft heruntergespielt. „Da heißt es dann oft: Stell dich nicht so an, ist doch kein Drama“, sagt Seidel.

Dass Upskirting jetzt im Sexualstrafrecht verankert wurde und mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann, ist für die 29-Jährige daher ein großer Erfolg. Zumal zwischenzeitlich geplant gewesen war, das Gesetz im Persönlichkeitsrecht anzusiedeln, was in den Augen der jungen Frau nicht dasselbe deutliche Signal an die Täter gesendet hätte. „Upskirting ist ganz klar ein unerlaubtes Eindringen in die Intimsphäre, eine Penetration durch Blicke. Das ist kein Kavaliersdelikt.“

Obendrein behalten die Täter die Fotografien oft nicht für sich, sondern stellen sie online. In einschlägigen Foren finden sich zigtausende Bilder von Frauen, die unbemerkt abgelichtet wurden und jetzt von Spannern im Netz begafft werden. Da heißt es dann auch ganz explizit: „Die Fotografen freuen sich über Kommentare, nicht nur Klicks.“ Seidel: „Das werden richtige Wettbewerbe veranstaltet.“ Das gleiche einer Trophäenjagd.

Auf die Idee mit der Petition kam die angehende Filmemacherin, die sich als politisch interessiert beschreibt, als sie einen Bericht über die Engländerin Gina Martin sah, die die Strafbarmachung von Upskirting in ihrem Heimatland vorangetrieben hatte. Seidel recherchierte und fand heraus, dass es in Deutschland kaum rechtliche Möglichkeiten gab, gegen die Spannerfotos vorzugehen. „Da musste man was machen“, sagt sie. Gesagt, getan. Als Unterstützung holte sie ihre Freundin Ida Marie ins Boot.

Täter gehen heimlich vor

Gesichertes Zahlenmaterial, wie häufig Upskirting tatsächlich vorkommt, gibt es nach Auskunft des baden-württembergischen Justizministeriums nicht. Dafür sei das Gesetz zu frisch – es ist noch nicht in Kraft. Hinzu komme, dass die Opfer „wegen des typischerweise heimlichen Vorgehens der Täter die Herstellung von Bildaufnahmen“ häufig gar nicht bemerkten, sagt Sprecherin Anna Härle. Täten sie es aber doch, fühlten sich die Opfer zumeist gedemütigt und der Situation hilflos ausgeliefert. Hinzu komme die Ungewissheit, dass sie nicht wüssten, was mit ihren Bildern passiere.

Auch Hanna Seidel weiß bis heute nicht gesichert, ob von ihr Fotos im Netz kursieren. Recherchiert hat sie nie, aus Angst, fündig zu werden. Der Gedanke löse Ekel in ihr aus, sagt sie. Wie oft Upskirting tatsächlich passiert, ist für die 29-Jährige daher auch unerheblich. Jeder Fall sei einer zu viel.

Verankerung im Sexualstrafrecht überzogen?

Mit der Verankerung von Upskirting im Sexualstrafrecht hat der Bund eine Lücke geschlossen – bislang war das Fotografieren unter Röcke oder in Ausschnitte („Downblousing“) nicht strafbar.

Unterstützung im Kampf gegen Upskirting fanden die beiden Initiatorinnen bei Landesjustizminister Guido Wolf (CDU), der sich des Themas annahm und gemeinsam mit Bayern, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland eine Gesetzesinitiative im Bundesrat startete. Nach der sollte Upskirting als Sexualdelikt eingestuft werden. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) wollte die Deliktart zwischenzeitlich im Persönlichkeitsrecht ansiedeln, der Bundestag entschied letztlich, sie im Sexualstrafrecht anzusiedeln.

Mit Blick auf die fehlende Zahlen zur Häufigkeit von Upskirting halten Kritiker das neue Gesetz für überzogen. Es als Ordnungswidrigkeit mit Geldbußen zu ahnden, wäre aus ihrer Sicht ausreichend gewesen. dl