Stuttgart / Von Dominique Leibbrand und Alfred Wiedemann Die Umwelthilfe hat in 28 Südwest-Kommunen Fahrradstraßen auf Zeit beantragt. Doch nur Stuttgart legt solche Pop-up-Strecken an. Von D. Leibbrand und A. Wiedemann

Mehr Platz und damit mehr Sicherheit für Radler: Die Deutsche Umwelthilfe hat im April  in 203 Städten deutschlandweit die temporäre Umwidmung von Verkehrsflächen beantragt. Besonders im Blick: Kommunen mit hoher Luftbelastung. Wenn wegen der Corona-Pandemie ohnehin weniger Autos fahren, sollten kurzfristig Fahrrad-Straßen her, auf neudeutsch: Pop-up-Radwege, außerdem Tempo 30 innerorts, so die DUH.

28 Städte von Aalen bis Weinheim wurden in Baden-Württemberg angeschrieben.  Antworten kamen nach DUH-Angaben von 13  Kommunen.  Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Ravensburg wollten das Schreiben  erst mal an die Zuständigen im Rathaus weiterleiten.

Zusagen für neue Radwege auf Zeit waren fast überall Fehlanzeige. Immerhin: Stuttgart will zwei Pop-up-Radwege einrichten. In der Corona-Krise meiden auch in der Landeshauptstadt viele Bus und Bahn, das Rad wird umso wichtiger. Die Stuttgarter Fahrrad-Zählstellen verzeichnen seit April Rekordwerte.

Im Juni soll in der Holzgartenstraße, die, grob gesagt, vom Klinikum Stuttgart zur Liederhalle führt, und der als Poserstrecke bekannt gewordenen Theodor-Heuss-Straße jeweils die rechte Fahrbahn für Radler freigeschlagen werden – zusammengerechnet sind das etwa zwei Kilometer. Kenntlich gemacht werden soll das Ganze durch gelbe Markierungen.

In wenigen Wochen will die Stadt das beschleunigte Genehmigungsverfahren durchpeitschen. Möglich ist das auch deshalb, weil es bei beiden Strecken schon Vorplanungen gegeben hatte. Die Pop-up-Variante soll zunächst bis 4. Oktober bleiben. Entscheidend sei, wie sich die Verkehrssituation entwickle, sagt eine Sprecherin. Sollte es zu massiven negativen Auswirkungen auf andere Verkehrsmittel kommen – Rückstaus oder Beeinträchtigungen des ÖPNV – müssten die Radwege wieder weg.

Geht es nach den Grünen im Gemeinderat, der größten Fraktion, sollen weitere Radstreifen auf dem Cityring und der Neuen Weinsteige folgen, zudem müsse der Schlossgarten durch eine parallel verlaufende Radpendler-Strecke entlastet werden.

Zuerst sei aus Stuttgart auch nur eine „pauschale Absage“ gekommen, so  die Umwelthilfe. Druck, auch mit Initiativen vor Ort, habe dann geholfen. „Dass jetzt doch Pop-Up-Radwege kommen, zeigt, was möglich ist, wenn der Wille in Politik und Verwaltung vorhanden ist“, sagt Umwelthilfe-Geschäftsführer Jürgen Resch. Zwei Straßen reichten aber längst nicht aus: Die Stadt müsse sich der B 14 und allen vierspurigen Straßen annehmen. Die Umgestaltung der B 14 auf Höhe der Kulturmeile sei Beschlusslage.  „Den Menschen in Stuttgart ist nicht mit einer Lösung im Jahr 2030 geholfen. Bereits jetzt muss ein durch Verkehrsbalken getrennter Radweg auf der B 14 kommen.“

Ein Mitmach-Aufruf der DUH, konkrete Vorschläge für bestimmte Strecken zu machen,  brachte stolze 4000 Rückmeldungen. Im Südwesten kamen die meisten Vorschläge aus Stuttgart, gefolgt von Heidelberg und Mannheim, Karlsruhe und Tübingen.

Es passiere aber zu wenig. Esslingen etwa zähle viele für den Radverkehr geplante Verbesserungen auf, gehe auf die Pop-up-Forderung aber nicht ein. Andere Städte verweisen an die Regierungspräsidien, die etwa Tempo 30 genehmigen müssen. Die  Landesregierung müsse den Städten ermöglichen, dass sie Radverkehr schnell und unkompliziert attraktiver gestalten können: „Warum sollte in Mannheim, Karlsruhe, Freiburg oder Heidelberg nicht klappen, was in Stuttgart geht“, fragt Resch, das sei „nicht nachvollziehbar“. Berlin habe Anfang April Regelpläne veröffentlicht, mit denen die Bezirke binnen einer Woche Planung neue, geschützte Radwege einrichten können.

Auf Grundlage des bestehenden Rechts könnten  „Kommunen jederzeit in Abstimmung mit den Straßenbau- und Straßenverkehrsbehörden Radverkehrsführungen anlegen, ganz gleich ob als markierte oder bauliche angelegte Radwege“, sagt das Verkehrsministerium in Stuttgart. „Das Ministerium begrüßt, wenn Kommunen kurzfristig die bestehenden Möglichkeiten nutzen, um verstärkt Flächen zugunsten eines sicheren und attraktiven Radverkehrs umzuverteilen.“ Das derzeit reduzierte Kfz-Verkehrsaufkommen schaffe zusätzliche Spielräume, um veränderte Flächenaufteilungen zu erproben.

Schnelles Handeln sei auch deshalb nötig, weil viele nach Ende der Kontaktbeschränkungen weiter den ÖPNV meiden werden, sagt DUH-Geschäftsführer Resch. „Wir erleben aber auch eine Zunahme der Fahrradnutzung.“ Kurzfristig realisierte Verbesserungen für den Radverkehr könnten einer Zunahme des Kfz-Verkehrs entgegenwirken.

Corona weckt neue Lust aufs Auto

Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen verändern die Mobilität. Das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt hat dazu 1000 Personen zwischen 18 und 82 befragt. Sechs von zehn geben an, seltener einzukaufen, ein Viertel bestellt mehr online. Fast alle Befragten sagten, sie fühlten sich im Auto „wohler oder genauso wohl“ wie vor Corona.

Öffentliche Verkehrsmittel verlieren in der Krise. Je häufiger sonst Bus und Bahn genutzt werden, desto größer ist nun das Unwohlsein. Ein Drittel der Befragten aus Haushalten ohne Auto vermissen den Pkw. Sechs Prozent geben an, nun über einen Autokauf nachzudenken. Neun Prozent der Befragten denken an den Kauf eines Fahrrads oder Elektrorads. Überraschend sei, dass viele junge Städter ein eigenes Auto vermissten, so Institutsdirektorin Barbara Lenz.  aw