Vor den Titelkämpfen in Zagreb

Trainerlos zur Turn-EM: Helen Kevric erklärt ihre Situation

In Leipzig jubelt Helen Kevric mit dem Team, dann wirft eine schwere Knieverletzung das Turn-Ass aus der Bahn. Nun kehrt die Stuttgarterin auf die EM-Bühne zurück - mit einem Handicap.

Die Silber-Riege um Helen Kevric greift wieder an. Knapp 15 Monate nach dem umjubelten Team-Coup bei der Heim-EM in Leipzig gehen die deutschen Turnerinnen mit großen Ambitionen ins nächste EM-Abenteuer. «Wir haben ein sehr starkes und vor allem erfahrenes Team, mit dem wir es auf jeden Fall ins Teamfinale schaffen wollen, um dort unter die besten fünf Teams zu kommen», sagte Bundestrainer Gerben Wiersma. 

Wenn an diesem Donnerstag in Zagreb die Qualifikation und die Entscheidung im Mehrkampf anstehen, ist auch Kevric voller Enthusiasmus wieder dabei. Nach ihrer schlimmen Knieverletzung im Mai 2025 gibt die 18 Jahre alte Stuttgarterin ihr Comeback auf internationaler Bühne - und das unter erschwerten Bedingungen.

Trainer-Leere im Steckbrief

Die Olympia-Sechste am Stufenbarren ist aktuell trainerlos. Seit den Missbrauchsvorwürfen am Kunst-Turn-Zentrum Stuttgart ist Kevric mit wechselnden Trainerinnen nicht zurechtgekommen und auch bei den deutschen Meisterschaften jüngst in Hannover ohne Coach angetreten. Ihre EM-Teamkolleginnen in Zagreb können alle auf eine Trainerin und einen Trainer zurückgreifen. 

Bei Mehrkampf-Meisterin Silja Stöhr sind es Narine Kirakosyan und Dmitri Loschakov. Den drei Chemnitzerinnen Karina Schönmaier, Pauline Schäfer-Betz und Lea Marie Quaas stehen Tatjana Bachmayer und Anatol Ashurkov zu Seite. Im Steckbrief von Kevric auf der Homepage des Deutschen Turner-Bundes (DTB) bleibt die Zeile mit der Rubrik Trainer leer.

Was ist mit den US-Trainerinnen?

Dabei ist ihr Schicksal selbst gewählt. Der DTB hatte eigens Aimee Boorman engagiert. Die ehemalige Trainerin von US-Superstar Simone Biles reiste jedoch unverrichteter Dinge wieder aus Stuttgart ab. 

«Sie startete damals unter schwierigen Bedingungen am Stützpunkt, der im Zuge von Missbrauchsvorwürfen im Umbruch war und bis heute ist. Trotz großem Bemühen von allen Seiten hat die Zusammenarbeit in Stuttgart nicht so funktioniert, wie es gewünscht und erforderlich gewesen wäre», teilte der DTB im Zusammenhang mit der einvernehmlichen Auflösung des eigentlich bis 2028 datierten Vertrages im vergangenen März mit.

«Es war von Anfang an schwierig, wir haben persönlich nie zusammengefunden. Für meine Entwicklung habe ich einen anderen Trainingsansatz gebraucht», hatte Kevric in einem Interview der «Stuttgarter Zeitung» gesagt. 

Auch Boormans Landsfrau LaPrise Williams, die der Schwäbische Turner-Bund (STB) ins Boot geholt hatte, konnte die Situation nicht retten und betreut andere Turnerinnen. «Ich habe damit meine Erfahrungen gesammelt. Ich verstehe mich gut mit ihr. Aber für mich gab's keine weitere Zusammenarbeit», sagte Kevric bei den deutschen Meisterschaften in Hannover.

Hilfe aus Chemnitz

So hat das Duo Bachmayer/Ashurkov aushilfsweise auch die Betreuung die Olympia-Achten im Mehrkampf übernommen. «Wir haben auch bei den Lehrgängen schon mit Helen zusammengearbeitet. Insofern war das eine stimmige Lösung. Wir wurden gefragt und haben das bei den Lehrgängen übernommen und kommen gut mit Helen zurecht. Mehr habe ich nicht nachgefragt, warum, wieso, weshalb», sagte Bachmayer.

Auch in Zagreb kann sich Kevric wieder auf das Chemnitzer Trainer-Duo verlassen, auch wenn sie aktuell einen Wechsel nach Sachsen ausschließt. Die Zusammenarbeit mit beiden «funktioniert gut, aber es ist natürlich trotzdem blöd, alleine hier bei einem Wettkampf zu sein. Das will keine Athletin und das hätte nicht so sein müssen, dass ich hier alleine stehe», sagte die Stuttgarterin.

Rückkehr nach schwerer Knieverletzung

Auch ohne das Trainer-Wirrwarr war die Zeit zwischen Heim-EM und dem internationalen Comeback in Zagreb für Kevric voller Herausforderungen. Drei Tage nach EM-Silber mit der Mannschaft erlitt sie zum Auftakt der Mehrkampf-Entscheidung beim Sprung eine schwere Verletzung am linken Kniescheibenband. Operation, Reha, neu laufen lernen: Der Jungstar musste von vorn beginnen. 

«Man rechnet ja nicht damit, dass man von einem Mal aufs andere nicht mehr laufen kann oder irgendwas machen kann, was einem immer Spaß gemacht hat - also trainieren. Es war eine harte Zeit, aber jetzt stehe ich hier wieder im Wettkampf und dafür kann ich extrem dankbar sein», sagte Kevric. 

Noch immer ist sie nicht wieder auf dem Niveau wie bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Auf die besonders beinbelastenden Geräte Sprung und Boden verzichtet sie in Wettkämpfen noch, tritt als deutsche Meisterin nur am Stufenbarren und Schwebebalken an. 

Den Titelkämpfen in der Arena Zagreb sieht sie jedoch voller Zuversicht entgegen. «Also ich freue mich schon auf die Europameisterschaft und versuche, da einfach mein Bestes zu geben und dann werden wir sehen, wozu es reicht», sagte sie.