Stuttgart / Hans Georg Frank Die Heilbäder im Südwesten intensivieren ihre Werbung um anspruchsvolle Gäste mit rollendem Ferienheim. Dabei helfen sollen Stellplätze, eine eigene App und Sondertarife. Von Hans Georg Frank

Fritz Link, seit 2015 Präsident des Heilbäderverbands Baden-Württemberg, hält große Stücke auf die Wohnmobilisten. Wer mit dem eigenen Ferienquartier unterwegs ist, sei zwar „meist etwas betagter“, aber dafür „gut situiert“. Wer auf diese ortsungebundene, individuelle Weise Urlaub mache, „hat einen sehr hohen Qualitätsanspruch“, sagte Link im Gespräch mit unserer Zeitung. Und: „Das ist eine sehr zahlungskräftige Klientel.“ An jedem Aufenthaltstag gebe jeder Gast bis zu 50 Euro zusätzlich aus, verweist der Präsident auf Studien.

Kein Wunder also, dass sich die 56 Mitglieder des Verbands jetzt verstärkt um die wachsende Wohnmobil-Gemeinde bemüht. Im Jahr 2018 wurden in den Heilbädern und Kurorten bereits 881 469 Übernachtungen im rollenden Ferienheim gezählt. „Das ist ein Markt, der weiter wachsen wird“, ist Fritz Link (57) sicher. Als Bürgermeister des heilklimatischen Kurortes Königsfeld (Schwarzwald-Baar-Kreis) seit 1999 im Amt, gilt er als Experte.

Mehr als tausend Stellplätze

Von den 56 Orten mit gesundheitsfördernden Angeboten haben 36 Flächen für Feriencaravans ausgewiesen. 22 davon liegen bei Thermen, die meist fußläufig zu erreichen sind. Neben diesen Bädern bestehen jetzt schon 1060 Stellplätze. Das Spektrum reicht von Vierer-Einheiten wie in Bad Überkingen und Beuren bis zu 400 Plätzen im „Reisemobilhafen“ von Bad Dürrheim, der seit 15 Jahren als Trendsetter gilt.

„Wir würden uns freuen, wenn dieses Segment weiter ausgebaut würde“, sagte Link auf der Tourismusmesse CMT. Zur Steigerung der Attraktivität hat der Verband eine App entwickeln lassen. „Mein Thermen-Stellplatz“ heißt die Digitalplattform, die zur Saisoneröffnung im April freigeschaltet werden soll. Die umworbene Zielgruppe informiere sich laut Umfragen bereits jetzt zu 50 Prozent online über Angebote der Thermen. Damit der Informationsfluss nicht abreißt, soll an allen Standorten schnelles Internet mit Gratis-Wlan zur Verfügung stehen. Die gesundheitsbewussten Urlauber sollen auf einen Klick nicht nur touristische und gastronomische Spezialitäten entdecken. Mit güstigen Angeboten wie dem kostenlosen Abstellen nach einem bestimmten Zeitraum sollen sie auch zu längerem Aufenthalt animiert werden.

Der Verband musste sich offenbar gegen Vorwürfe der Beherbergungsbranche erwehren. „Wir kannibalisieren mit den Stellplätzen nicht unsere Hoteliers“, betonte der Funktionär. „Diese Zielgruppe wäre für uns sonst verloren“, ist Link überzeugt: „Die fahren einfach woanders hin.“

„Wir orientieren uns am Kundenbedarf“, betont Link. Deshalb sei die Digitalisierung „ein ganz wesentlicher Baustein für unsere Zukunftsstrategie“. Von einem angestaubten Image könne nicht die Rede sein: „Wir sind nicht antiquiert, sondern ein ganz innovativer Teil der Tourismusbranche.“ Dass der aktuelle Hype ums Waldbaden dem Verband nützt, wird nicht nur freudestrahlend zur Kenntnis genommen. Um fundierte Fakten zu bekommen, wurde eine wissenschaftliche Studie über die Wirksamkeit der Terpene – die heilsamen Botenstoffe der Bäume – in Auftrag gegeben.

Damit die Kurdirektoren auch genau Bescheid wissen, wie sie sich auf eine älter und bunter werdende Gesellschaft einstellen können, lässt der Heilbäderverband derzeit einen „Demographie-Leitfaden“ erarbeiten. Für jeden Ort sollen damit konkrete Vorschläge passgenau möglich sein. Dazu gehört laut Link die „flächendeckende Barrierefreiheit“. Damit alles seine Ordnung hat, gibt es eine Lizenz.

50. Geburtstag wird in Baden-Baden gefeiert

Am 20. April 1970 wurde in Freudenstadt der Heilbäderverband Baden-Württemberg gegründet. Ihm gehören heute 56 Kur- und Bäderorte mit 59 000 „nicht exportierbaren Arbeitsplätzen“ an. Mit rund 12,6 Millionen Übernachtungen und einem jährlichen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro gilt diese Branche, vor allem im ländlichen Raum, als bedeutender Wirtschaftsfaktor. Mancherorts betrug der Zuwachs im letzten Jahr 20 Prozent.

Das Jubiläum wird am 3. und 4. November in Baden-Baden gefeiert als „Bädertag“ mit wissenschaftlichem Kongress. In allen Mitgliedskommunen sollen je 50 Robinien gepflanzt werden, um Kohlendioxid zu verringern. hgf