Titisee-Neustadt / Petra Walheim Zwei Betrunkene treffen am Feldberg einen Auerhahn, danach ist dieser tot. Nun muss ein Gericht den Fall aufklären. Die Verteidigung eines Angeklagten: Der Vogel habe den Streit angefangen. Von Petra Walheim  

Sie hatten ordentlich Alkohol intus und eine „tolle Gaudi“ beim Laurentiusfest am 10. August 2019 am Feldberg. Als die zwei jungen Männer in ihrem Übermut in einer Wiese einen Auerhahn aufscheuchten, wehrte der sich gegen die Störung. Am Ende der Auseinandersetzung war der Vogel tot. Genickbruch. Wer dem vom Aussterben bedrohten und deshalb streng geschützten Vogel den Hals gebrochen hat, ist noch unklar. Der Jugendrichter André Gerber am Amtsgericht Titisee-Neustadt versucht das seit Dienstag herauszufinden.

Zu Beginn des Prozesses schildert der 21-jährige Dorian I., wie schön der Tag am Feldberg verlaufen ist. Er sei mit seinen Kumpels – wie beim Laurentiusfest üblich – von Hütte zu Hütte gewandert. Jeder habe einige Flaschen Bier und Schnaps und ein Vesper im Rucksack gehabt. „Es war klar, dass wir trinken. Wir hatten einen Mords-Spaß und eine tolle Gaudi.“ Die Gruppe habe sich verzettelt, zum Schluss sei er mit Alex B. alleine unterwegs gewesen. Sie wollten Dorians Freundin in einer Hütte treffen, kannten aber den Weg nicht.

Betrunken querfeldein gewankt

Betrunken wie sie waren, seien sie querfeldein eine Abkürzung gelaufen. Dass sie sich in einem Naturschutzgebiet und in einem Schutzgebiet für Auerhühner befanden, sei ihm nicht bewusst gewesen. Auf einer Wiese mit hohem Gras sei dann der Auerhahn auf ihn zugeflogen und vor ihm gelandet. „Ich fand das interessant, weil ich noch nie einen lebenden Auerhahn gesehen habe“, sagt Dorian. Doch dann sei der Vogel auf ihn losgegangen. Er sei angesichts der großen Krallen und des spitzen Schnabels in Panik geraten und habe versucht, das Tier abzuwehren. Bei jedem Schritt, den er rückwärts gegangen sei, habe der Vogel nachgesetzt. Schließlich habe er zwei Mal auf ihn eingeschlagen, und weil das nichts genutzt habe, auch noch ein drittes Mal. „Dann war Ruhe.“ Der Vogel sei still auf dem Boden gelegen, habe aber noch geatmet.

Der junge Mann, der 2017 seinen Jagdschein gemacht hatte, versicherte, dass er den Auerhahn nie und nimmer habe töten wollen. Eine Entschuldigung brachte er aber erst über die Lippen, als Erster Staatsanwalt Bernd Klippstein ihn direkt darauf ansprach. Und dann hörte es sich für Klippstein so an, als ob der Auerhahn selber schuld wäre. Darauf angesprochen sagte Dorian I.: „Der ist auf mich losgegangen.“ Antwort des Staatsanwalts: „Der Auerhahn darf dort sein. Sie nicht.“

Der gewaltsame Tod des Auerhahns hat rund um den Feldberg und weit darüber hinaus für helle Empörung gesorgt. Das habe er am eigenen Leib zu spüren bekommen, berichtete Dorian, der als Mechatroniker arbeitet. „Ich wurde dargestellt wie ein Mörder.“ In Jagdkreisen sei er schräg angeschaut und gemieden, unter anderem auch bedroht worden. Sein Jagdschein wurde im übrigen nicht verlängert. Davor konnte er im Revier seines Onkels jagen. Auch sein Vater ist Jäger.

Dorians Kumpel Alex B. stellte den Fall ähnlich dar, gab sich selbst aber nur die Beobachterrolle. Er sei 12 bis 15 Meter von Dorian entfernt gestanden, habe den Vogel nur aus der Ferne gesehen. Nachdem Dorian auf den Auerhahn eingeschlagen habe, seien mehrere Leute auf ihn und seinen Freund losgegangen. „Wir wurden geschlagen, gewürgt, bespuckt. Ich wurde mit Bier übergossen.“ Einige forderten von Dorian, er solle als Jäger den verletzten Vogel töten, um ihn von seinem Leiden zu erlösen. Das habe der abgelehnt. Die Polizei wurde gerufen und hat die Personalien aufgenommen. Beide hätten auf Anraten von Dorians Vater zunächst die Aussage verweigert.

Zeugen, die am Dienstag gehört wurden, schilderten übereinstimmend, dass einer der Männer im hohen Gras gestanden sei und vor ihm ein Auerhahn aufgeflogen sei. Keiner sah darin eine bedrohliche Situation. Weder für den Vogel noch für den Mann.

Verstoß gegen das Naturschutzgesetz

Die Staatsanwaltschaft wirft Dorian I. und dem 23-jährigen Alex B. vor, „einem streng geschützten Tier nachgestellt und es erheblich gestört zu haben“ und damit gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen zu haben. Für Dorian I. kommt der Vorwurf der Tiertötung hinzu. Das Strafmaß sieht bis zu fünf Jahre Haft vor.

Für den Sachverständigen Karl-Eugen Schroth ist das Verhalten des Auerhahns nachvollziehbar. Es gebe durchaus Auerhähne, die auch außerhalb der Balzzeit aggressiv auf Störungen reagierten. Der Prozess wird am 4. August fortgesetzt. wal