Ulm / Alfred Wiedemann Nach viereinhalb Monaten Totalsperrung wieder freie Fahrt von Ulm an den Bodensee – wenigstens bis zum Ende der Sommerferien. Von Alfred Wiedemann

Noch ein Jahr, dann soll die Oberleitung fertig sein und unter Strom stehen für Probefahrten auf der Südbahn. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 werden dann die rußigen Dieselloks nicht mehr gebraucht. Die Elektrifizierung der Strecke zwischen Ulm und Bodensee kommt voran: In wenigen Tagen, am 12. Juli, endet  nach viereinhalb Monaten die Vollsperrung auf dem Abschnitt Aulendorf–Ravensburg.

Fahrgäste müssen nicht mehr in die Busse des Schienenersatzverkehrs (SEV) umsteigen. Wenigstens bis Mitte September. Dann beginnt schon die nächste Sperrung zwischen Ravensburg und Friedrichshafen und weiter bis Lindau. 2021 folgen noch drei Sperrungen, bis es Pendler und Bahner überstanden haben.

„Anspruchsvolle Arbeiten“

Die derzeitige Totalsperrung werde wie geplant aufgehoben, sagt eine Bahnsprecherin. Der Bauabschnitt Aulendorf–Ravensburg sei im Zeitplan realisiert worden. Zu den insgesamt „sehr anspruchsvollen Arbeiten“ gehörten der Neubau der Oberleitung an der Strecke und in den Bahnhöfen Aulendorf, Ravensburg und Friedrichshafen, außerdem der Kabeltiefbau und das Umrüsten der Stellwerke in Aulendorf und Bad Schussenried auf elektronische Steuerung. In den Zugpausen nachts werde weiter gearbeitet.

Zwischen Aulendorf und Ravensburg hätten sich die Fahrzeiten mit ausreichend „Puffer“ zum Umsteigen bewährt, sagt die Bahnsprecherin. Das Fahrgastaufkommen sei coronabedingt auch geringer ausgefallen.

Das Angebot während der Sperrung habe „weitgehend funktioniert“, bestätigt Matthias Lieb vom ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD). „Von einzelnen Ausnahmen abgesehen gab es auf dem Abschnitt keine größeren Probleme“, sagt auch Stefan Buhl vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Die Anschlüsse haben in der Regel geklappt, die Nachfrage war aufgrund der deutlichen Fahrzeitverlängerung auch schon vor Corona gering.“

Mit der Nahverkehrsgesellschaft des Landes Baden-Württemberg puzzelt die Bahn gerade das SEV-Angebot auf dem nächsten gesperrten Abschnitt Ravensburg–Friedrichshafen zusammen.  Geplant sind Schnellbusse und Busse mit Halt an allen Bahnhöfe entlang der Strecke.

Technisch laufe der SEV auf der Südbahn „erstaunlich gut“, sagt Buhl. Die Zeit für das Umsteigen von Zug auf Bus sei ausreichend kalkuliert. Der Rückgang der Fahrgastzahl auf ein Viertel mache das Umsteigen auch schneller.

„Problematisch“ seien aber die „lange Dauer und die Vielzahl der Vollsperrungen“, sagt Buhl. Seit September 2018 müssten Pendler zwischen Ravensburg und Ulm abschnittsweise Sperrungen mit 30 bis 45 Minuten mehr Fahrzeit erdulden. Deshalb seien viele aufs Auto umgestiegen. „Ob und wann die wieder zur Bahn zurückkommen, muss sich zeigen.“

Auch der VCD kritisiert die langen Sperrungen: „Im Vergleich zur bayerischen Elektrifizierung Geltendorf–München fallen die negativ auf“, sagt Lieb. Bei mehr Weichenverbindungen auf der Strecke könnten Bauabschnitte verkleinert und Sperrabschnitte verkürzt werden. Ersatzverkehr wäre kürzer, eingleisiger Betrieb und schnellere Verbindungen wären möglich. „Früher gab es zirka alle zehn Kilometer solche Überleitstellen.“ Mehr Weichen seien in Zukunft wieder wichtig, weil sie auch den E-Lok-Betrieb zuverlässiger machten.

Strom statt Diesel auf der Südbahn macht die Züge schneller und Verbindungen aus Oberschwaben ohne Lokwechsel und Umsteigen möglich. So soll ein Inter-Regio-Express  bis Stuttgart durchfahren. Buhl kritisiert aber: „Einen durchgehenden Regionalbahnverkehr zwischen Ulm und Friedrichshafen, der auch die kleineren Halte bedient, soll es jedoch nach wie vor nicht geben.“ Auch durchgehender Fernverkehr Richtung Vorarlberg und Triol im Takt sei möglich – aber bisher auch nicht vorgesehen.

Schneller vom Oberland nach Stuttgart

Um zehn Minuten auf etwas mehr als eine Stunde soll die Fahrzeit auf der Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen verkürzt werden, wenn die Trasse modernisiert und auf Elektrobetrieb umgebaut sein wird. Elektrifiziert werden insgesamt 125 Kilometer Strecke, auch das Stück Bodenseegürtelbahn bis Lindau.

Die Kosten wurden zuletzt mit mehr als 300 Millionen Euro angegeben. Beim offiziellen Baustart im März 2018 hatte das Verkehrsministerium 290 Millionen Euro genannt. Zahlen zu aktuellen Baukostensteigerungen gab es von der Bahn nicht. 112 Millionen Euro übernimmt das Land laut Finanzierungsvertrag von 2015.

Geplant ist, weitere Lücken im E-Netz zu schließen: Auf der Hochrheinstrecke  sollen die 75 Kilometer zwischen Erzingen und Basel von 2025 an elektrifiziert werden. Nach Bahnangaben läuft die Genehmigungsplanung.

Auf der Bodenseegürtelbahn seien aktuell keine weiteren Ausbaumaßnahmen geplant. Für die Strecke ab Friedrichshafen Richtung Singen sind laut Bahn Vorplanungen für Ausbau und Elektrifizierung im Gang. aw