Bad Saulgau / Von Raimund Weible Die Zahl der markanten Vögel nimmt zu in Oberschwaben und das verändert ihr Verhalten. Inzwischen nisten sie auch in Kolonien. Von Raimund Weible

Es ist kurz vor zwölf in Moosheim, einem 337-Einwohner-Örtchen, das zu Bad Saulgau im Kreis Sigmaringen gehört. Auf dem Turm der Kirche Sankt Johannes der Täufer widmen sich Störche eifrig der Nestpflege. Immer wieder segelt ein Adebar heran mit ­einem Zweig im Schnabel. Wo früher nur ein Nest auf dem Dach des Turms war, haben insgesamt fünf Paare Horste angelegt, die meisten in so abenteuerlicher Lage, dass sich die baden-württembergische Weißstorchbeauftragte Ute Reinhard belustigt fragt: „Ja, ist bei denen alles noch richtig im Oberstübchen?“

Fünf Paare auf einem Kirchturm – das allein ist schon höchst ungewöhnlich, aber das ist noch längst nicht alles. Schlag zwölf ist es vorbei mit der Moosheimer Beschaulichkeit. Als ob die Glocke das Startsignal gegeben hätte für eine scharfe Luftshow. High Noon über der Kirche. Einige Störche liefern sich Luftkämpfe, fauchen sich dabei an und gehen sich an die Federn. Einer, der sich an den Flugmanövern nicht beteiligt, klappert auf seinem Standplatz. Und die beiden am rechten mittleren Staffelgiebel begatten sich. Erst nach 20 Minuten endet die Show.

Die Leute in Moosheim wundern sich über die Storcheninvasion und ihren merkwürdigen Nestbau. „Es sieht aus, als sei eine Großfamilie eingezogen“, sagt eine Passantin. Bis 2018 nistete ein einziges Paar im Ort, ein Jahr später gesellten sich zwei weitere Paare hinzu, und seit diesem Frühjahr sind es mit einem weiteren Paar auf einem Strommasten sechs: Selbst das Schneefanggitter des Kirchendachs musste eine Nestunterlage hergeben. Bauer Klaus Blaser, der gegenüber der Kirche seinen Hof hat, schmunzelt: „Ich ziehe meinen Hut vor den Tieren, wie sie ihrer Natur folgen und sich vermehren wollen.“

Bis vor wenigen Jahren war es normal, dass in einem Dorf oder einer Stadt in Oberschwaben jeweils nur ein Paar nistete. Kamen andere Störche in sein Revier, wurden sie von Männchen und Weibchen gemeinsam vertrieben. Oder aber sie mussten den Stärkeren weichen.

 Auch heute kämpfen Störche immer noch um die Horste, aber die fünffache Besiedelung auf der Kirche in Moosheim steht doch für einen Trend, der in Oberschwaben seit einigen Jahren zu beobachten ist.

In Riedlingen wurde der Bann gebrochen, als 2007 ein zweites Paar am Dornerhaus über dem Marktplatz nistete. Inzwischen brüten in der Stadt im Kreis Biberach acht Paare. In Isny, wegen der raueren Witterung im Allgäu ganz ungewöhnlich, sind es sogar 14 Paare.

Risiken beim Flug gen Süden

Ute Reinhard sieht für das Zusammenrücken mehrere Gründe. Einer davon ist die wachsende Population. 2019 zählten ihr Kollege Rainer Deschle und sie in den Landkreisen Alb-Donau, Biberach, Ravensburg, Reutlingen und Sigmaringen 226 Horstpaare – 48 Paare beziehungsweise 27 Prozent mehr als 2018. Der Zuwachs hängt freilich nicht allein vom Bruterfolg ab. Wie die Menschen werden die Störche immer älter.

Ursache dafür ist, dass sich ein Drittel der Störche Oberschwabens im Herbst gar nicht mehr in den Süden aufmacht, sondern in der Heimatregion überwintert. „Das schauen andere von ihnen ab und bleiben auch hier“, sagt Reinhard. Jene Störche, die ins 3600 Kilometer entfernte westafrikanische Mali oder gar bis Südafrika ziehen, riskieren eine Menge auf dieser Strecke. Viele der Langzieher kehren nicht mehr zurück, weil sie auf dem Weg verunglückt oder im Kochtopf gelandet sind.

Reinhard beobachtet aber auch eine Verhaltensänderung. Offenbar zieht ein beliebter Platz wie die Kirche von Moosheim andere an. Da wo es anderen gefällt, muss es gut sein, denken wohl die Störche. In Ebenweiler im Kreis Ravensburg campieren die Großvögel nicht auf einem Fleck, sondern verteilt im ganzen Dorf. Begehrt sind hier Freileitungsmasten und Stromdachständer. Neun Paare brüten hier. „Das nimmt ja überhand“, scherzt eine Frau im roten Anorak vor dem Rathaus.

In der Kernstadt von Bad Saulgau gibt es zehn Storchenpaare. Die meisten nisten um den Marktplatz herum. Die Zunahme der Störche wird überwiegend positiv aufgenommen, auch wenn sie viel Arbeit machen. Sie sind eine touristische Attraktion. Wer hätte das gedacht vor 40 Jahren, als die Störche in Oberschwaben vom Aussterben bedroht waren!

Die Anziehungskraft der Bad Saulgauer Gegend auf Störche hat dem städtischen Umweltbeauftragten Thomas Lehenherr zufolge mit dem systematischen Ausbau von Biotopen zu tun. Die Stadt hat mehr als 100 Tümpel und eine Reihe von Feuchtwiesen angelegt. Im vergangenen Jahr wurden auf der ganzen Gemarkung 75 Störche registriert, kurzzeitige Gäste mitgezählt. Ob das Nahrungsangebot für die Population ausreicht, wird sich weisen. „Ich denke, das regelt sich von selber“, sagt Lehenherr. Zugefüttert wird in Bad Saulgau aus Prinzip nicht.

Auch im Pfrunger-Burgweiler Ried, wo durch die Wiedervernässung zahlreiche Biotope geschaffen wurden, auf den Donauwiesen zwischen Riedlingen und Obermarchtal und in den Auen der Schwarzach gibt es ein gutes Nahrungsangebot. In anderen Regionen hingegen, wie Ute Reinhard beklagt, sei durch die steigende Maisproduktion manche gute Futterwiese verschwunden.

Drohnen stören die Vögel

Die Nester von Störchen sind wegen ihrer Lage hoch über den Dächern oft nur schwer zu fotografieren. Der Einsatz von Drohnen mit angehängter Kamera verbietet sich jedoch. „Störche mögen keine Drohnen“, sagt Ute Reinhard. In Ebenweiler hat ein Paar nach einem Drohneneinsatz in Panik sein Nest verlassen und kehrte den ganzen Tag nicht mehr zurück. Als einer von ihnen zurückkam, wirkte er völlig verstört.