Geht’s ihnen gut?“, wird Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Besuch des Start-up-Unternehmens 4e Solutions GmbH in Filderstadt gleich nach dem Ausstieg aus seiner Dienstlimousine gefragt. „Geht so“, antwortet der Grünen-Politiker knapp, bevor er die Halle betritt, in der das 2012 gegründete Unternehmen seine unter dem Markennamen „ajaa“ vertriebenen Produkte wie Brotdosen aus nachwachsenden Rohstoffen vorführt.

Drinnen wird der 72-Jährige um ein Grußwort „als Landesvater“ gebeten. „Wir sind ein Land, das schon viele Start-ups hat, die sind allerdings oft schon hundert Jahre alt“, sagt Kretschmann, nun wieder gefasst. Es sei aber wichtig, dass sich ein Land nicht auf seinen Erfolgen ausruhe, sondern dass es immer wieder Menschen gebe, die wie Robert Bosch vor hundert Jahren versuchten, aus innovativen Erfindungen ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen, fährt er fort. Mit grünen Technologien in hoher Qualität trage das Unternehmen dazu bei zu zeigen, dass Klimaschutz nicht nur notwendig, sondern auch machbar sei, lobt er seine Gastgeber.

Wie geht es im Land weiter?

Es ist Mittwoch, Tag drei der auf fünf Tage angelegten Sommertour des Ministerpräsidenten, die das Motto ZU(sammen)KUNFT trägt. Mit Bürgern, Vereinen, Kulturschaffenden und Unternehmen will Kretschmann erörtern, wie es mit dem Land weitergehen soll. Das ist die Idee, die ihn an diesem Tag ins Museum für Alltagskultur in Waldenbuch, zu dem Start-up-Unternehmen und auf einen Spaziergang durch Streuobstwiesen in Filderstadt sowie zu einem „Werkstattgespräch“ mit Mitgliedern eines Sportvereins in eine Schul-Turnhalle des Nürtinger Teilorts Neckarhausen führt.

Sommertouren gehören zur Politik wie das Eis zum Strandbadbesuch. Abseits des eng getakteten Alltagsgeschäfts können sich Regierungschefs, Minister oder Abgeordnete mehr Zeit nehmen als gewöhnlich, um sich vor Ort über Fachthemen zu informieren und mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Zugleich können sie medial Präsenz zeigen, sich als Kümmerer in Szene setzen und schöne Bilder produzieren. Ein gutes halbes Jahr vor der Landtagswahl am 14. März 2021 sind die ausgedehnten Besuche an der Basis nebenbei eine gute Möglichkeit, Witterung für den Wahlkampf aufzunehmen und sich zu informieren, wo den Leuten der Schuh drückt und was sie bewegt.

So gesehen, findet Kretschmanns kleine Reise durch das von ihm regierte Bundesland plötzlich unter stark veränderten Vorzeichen statt. Nach dem Unfall am Montagabend auf der Rückfahrt von seinem ersten Tour-Tag bewegen viele Menschen im Moment  weniger politische Themen als die Frage, wie es den beiden Schwerverletzten eines Folgeunfalls geht, und wie sehr das Geschehen Kretschmann beschäftigt. „Das nimmt mich ordentlich mit“, sagt er in Filderstadt in eine Fernsehkamera hinein. „Der Nachfolgeunfall, der ja mit unserem zunächst nichts zu tun hatte, hat mich schon sehr, sehr berührt“, sagt er in Waldenbuch den Reportern.

Einschränkungen durch Corona

Anders als das Unfallgeschehen hat ein zweites Thema, das diese Tour ebenfalls beeinträchtigt, politische Implikationen – und dies wohl bis zur Wahl hin: Corona und die damit einhergehenden Einschränkungen. Ein bisschen ist die Reise, die Kretschmann an diesem Mittwoch auch in seinen Landtagswahlkreis führt, damit auch ein Ausloten, in welcher Form Wahlkampf unter den Bedingungen der Pandemie überhaupt möglich ist. Seine Popularität kann der Amtsinhaber bei einem Verbot von Großveranstaltungen nur bedingt ausspielen. Einerseits. Andererseits: Bekannt machen müssen sich die Spitzenkandidaten der anderen Parteien, nicht er. Die politische Konkurrenz treffen die Beschränkungen vermutlich viel härter.

„Alltag trotz(t) Corona“ heißt die Ausstellung im Museum für Alltagskultur. Die Besucher konnten sich mit Exponaten einbringen und mit ihren Ideen. Im ersten Stock haben sie etwa ein Corona-Alphabet mit Begriffen vervollständigt, von A wie Abstand halten bis Z wie Zusammenhalt. „Ich habe schon eine sehr gescheite Bevölkerung, die sehr genau beobachtet und beschreibt“, sagt Kretschmann am Ende der Führung zufrieden. „Man kann mit Krisen kreativ umgehen, das zeigt uns die Kultur.“

Ausklang am Kaiserstuhl


Die Sommertour des Ministerpräsidenten endet am Freitagabend am Kaiserstuhl mit einem „Werkstattgespräch“ samt Weinprobe mit Ehrenamtlichen auf dem Weingut des bekannten Winzers, Gastronomen und Fußballfunktionärs Fritz Keller, der seit September 2019 Präsident des Deutschen Fußbal-Bundes (DFB) ist. Auch dabei soll es um den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gehen, ein Metathema der Regierung Kretschmann.

Fast alle Regierungsmitglieder nutzen die politische Sommerpause für Touren durchs Land. So hat Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) in der ersten Ferienhälfte zahlreiche Firmen besucht.