Sonst ist es ja anders herum: Österreich ist das viel gelobte und viel gebuchte Urlaubsziel. Karl Weber kommt aus Österreich. Für einen Ausflug ist er mit Bekannten aus Feldkirch in Vorarlberg im Auto die gut 100 Kilometer ins Kreuzthal gefahren, ins Allgäu. „Ich war schon mal da“, sagt Weber, „jetzt machen wir einen Ausflug ins Glasmacherdorf Schmidsfelden. Das ist eine schöne Gegend hier.“

Das stimmt. Trotzdem war die Adelegg, der Landstrich im Westallgäu, bisher viel weniger bekannt und besucht als der Rest des Allgäus. Dass sich das gerade ändert, zeigen nicht nur die Ausflügler aus Österreich. Der voralpine Höhenzug  liegt mit seinen waldreichen Hügel im Dreieck Kempten, Isny und Leutkirch. Das Doppeldorf Kreuzthal-Eisenbach, mehr als 800 Meter hoch, ist das Herz der Adelegg. Kreuzthal ist bayerisch, gehört zum Markt Buchenberg im Kreis Oberallgäu. Eisenbach ist württembergisch und gehört zu Isny im Kreis Ravensburg.

Ruhig ist es zu zwischen den Häusern an diesem Tag unter der Woche in den Sommerferien. Keine Schlafdorf-Ruhe, es geht schon was: Immer wieder sausen Radler  vorbei, sind Wanderer unterwegs auf dem  Glasmacherweg oder Richtung Schwarzer Grat, dem 1118 Meter hohen Berg mit Aussichtsturm.

Im „Haus Tanne“ in Eisenbach hat Franz Renner alle Hände voll: Er tischt den Gästen draußen vor dem Kulturdenkmal das Essen auf. Das „Kreuz“, das Gasthaus drüben in Kreuzthal hat zu, der Pächter hat aufgehört. Deswegen ist die „Tanne“ mindestens doppelt gefragt. Ein paar Minuten Zeit nimmt sich Renner dann, um Auskunft zu geben. „Es läuft gut für das Kreuzthal“, sagt er. „Aus dem Geheimtipp ist ein Tipp geworden, der nicht mehr so geheim ist.“

Wandern ist im Trend, die Adelegg bietet dafür endlose Wege und Ziele. Seit 2018 Center Parcs bei Leutkirch geöffnet hat, kommen auch Besucher aus dem Touristendorf zum Radeln und Wandern.

Beliebte Ziele in der Umgebung sind der Eistobel, der Eschacher Weiher, die Genussmanufaktur in Leutkirch-Urlau. Und das wiederbelebte Glasmacherdorf Schmidsfelden, nur wenige Kilometer von Kreuzthal entfernt. Museum, Manufaktur und Schauglasproduktion locken, aber auch Kaffee und Kuchen  in der „Remise“ oder die Naturschutzstation.

Die Glasmacherfamilie Michaelis freut sich, dass nach der Corona-Zwangspause wieder Besucher nach Schmidsfelden kommen. Die Busse seien zwar weniger, die Gruppen kleiner. Aber die Leute kommen, wollen sehen, wie Glaskunst entsteht. „Wir hoffen, dass das Interesse so groß bleibt, dass die Besucher auch im Herbst weiter kommen“, heißt es.

Die Daimlers und Dinkelackers

Noch vor ein paar Jahren verirrten sich nur noch wenige Besucher ins Kreuzthal. Dabei hatte hier vor mehr als 100 Jahren der Skitourismus glanzvoll begonnen. Noch in den 1950ern waren aus Stuttgart die Daimlers und Dinkelackers  zur Sommerfrische angereist.

Erst seit den 15 Jahren passiert wieder mehr. Eine Initiative wurde gegründet, der sanfte Tourismus belebt. Das „Haus Tanne“, 1828 als Herrenhaus der Fürstlich-Quadt’schen Glasmanufaktur gebaut, wurde zum Treff mit Dorfladen und Puppenwerkstatt.

„Die Leute kommen“, sagt Renner. „Aber zu viele sind es nicht.“ Das findet auch Adelegg-Ranger Tobias Boneberger. Er kümmert sich darum, dass die Natur nicht unter dem Andrang leidet.  Der regionale Tourismus sei, besonders durch Naherholungssuchende, im Aufschwung, eindeutig. „Zur Freude der Gastwirte und der touristischen Anbieter.“ Auch wegen der Corona-Beschränkungen entdeckten viele die Schönheit der Natur vor der eigenen Haustür wieder.

Was die einen freut, sehen andere kritisch: „Die ausgedehnten, bisher kaum begangenen Wälder der Adelegg sind ein Juwel der Artenvielfalt“, Rotwild, Gämsen, seltene Vögel wie Weißrückenspecht oder Schwarzstorch haben hier noch Platz. Das soll so bleiben, sagt Boneberger. Freizeitnutzung und Erhalt der wertvollen Arten und Lebensräume seien keine unvereinbaren Gegensätze: „Wer als Tourist Rücksicht nimmt und der Natur Ihren Raum gibt, braucht beim Wandern oder Radfahren kein schlechtes Gewissen zu haben.“

Wildtiere in Ruhe lassen

Wichtig seien ein paar Regeln: Auf markierten Wander- und Radwegen bleiben, dann ist man für Wildtiere berechenbar und wird nicht als Störung empfunden. Die Dämmerung sollte man nach Möglichkeit meiden, weil viele Tiere diese Stunden zur Nahrungsaufnahme nutzen. Hunde sollten angeleint bleiben, Schutzgebiete und Sperrungen für forstliche Maßnahmen oder Viehtrieb respektiert werden, so Boneberger. Dann können die Besucher ruhig weiter in die Adelegg kommen.

Da geht’s hin


Infos und ein Kartentipp


Ausführliche Infos über die Adelegg finden sich im Internet über das Haus Tanne (www.haustanne.de),  das Glasmacherdorf (www.schmidsfelden.net) oder Kreuzthal (www.kreuzthal.de). Vorschläge für Touren und Wanderungen und alle Tourismus-Infos: www.isny.de, www.leutkirch.de, www.buchenberg.de

Hilfreich ist die Rad- und Wanderkarte Adelegg des Vereins Allgäuer Glasregion Adelegg. Zu haben in allen Touristinformationen der Umgebung.