Stuttgart/Ulm / Petra Walheim Essen beschaffen, Trümmer wegräumen: Arbeit genug gibt es nach Kriegsende. Die lokalen Nazi-Größen müssen die Rathäuser räumen. Wer übernimmt Verantwortung beim Wiederaufbau? Von Petra Walheim

Und jetzt? Vor 75 Jahren lag Deutschland in Trümmern. Der Krieg war verloren, viele NSDAP-Funktionäre waren auf der Flucht oder tot. Plötzlich war im vorher streng geführten Hitler-Regime niemand mehr da, der der Bevölkerung sagte, was zu tun ist. In vielen Verwaltungen mussten Chefs, die den Nationalsozialismus unterstützt hatten, ihre Posten räumen.

Viele Bürgerinnen und Bürger mussten in dieser Zeit die Dinge selbst in die Hand nehmen: „Selbst ist der Mann“ – oder besser die Frau, denn viele Männer waren im Krieg umgekommen, vermisst oder in Gefangenschaft. Das Wichtigste in dieser Zeit waren das Wegräumen der Trümmer, der Wiederaufbau und das Beschaffen von Nahrung.

Besonders schwer getroffen hatte es in Baden-Württemberg die Städte Heilbronn, Mannheim, Stuttgart, Pforzheim und Ulm. Noch in den letzten Kriegstagen waren einzelne Städte wie Freudenstadt, Waldenburg im Hohenlohischen, Neuenburg, Breisach am Rhein und Crailsheim zerstört worden.

In Ulm trafen 1944 die Bomben der britischen Luftwaffe auch die Kepler-Oberschule.  Als der Krieg beendet war, machten sich 1945 Schülerinnen und Schüler der Kepler-Oberschule daran, die Trümmer so zu bearbeiten, dass sie für den Wiederaufbau verwendet werden konnten. Der begann jedoch erst 1954. Der Unterricht fand in ­dieser Zeit in einem „Bara­ckenquartier“ am Charlottenplatz statt.

„In vielen Städten wurde die Bevölkerung von den Verwaltungen zum Wegräumen der Trümmer zwangsverpflichtet“, sagt der Historiker Thomas Schnabel, der frühere Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart.  „Wer aktiver Nazi war, musste doppelt so lange schippen als andere.“

Nach Kriegsende „gab es in der Bevölkerung ein ausgeprägtes Wissen darüber, wer ein fanatischer Nazi war und bis zum Ende Schweinereien begangen hat“, sagt Schnabel. Das galt vor allem auf dem Land. Beispiel ist Birndorf, heute  Ortsteil von Albbruck im Kreis Waldshut. Dort marschierten am 28. April 1945  „etwa 60 Mann französischer Infanterie ins Dorf ein und quartierten sich hier bis zum Montag, 30. April, ein“, steht im Protokoll des Pfarramts zu Birndorf vom 5. Juni 1945.

Bei der Gelegenheit sei das Haus des Ortsgruppenleiters Fridolin Welte geplündert worden. Der hatte sich „in die Wälder verzogen“.  Nur unter der Drohung der Franzosen, seinen Hof anzuzünden, sei er zurückgekehrt. Dann hätten die Bürger die „drei führenden Nationalsozialisten“, den Ortsgruppenleiter Welte, den Bürgermeister Konrad Schäfer und den Beigeordneten Julius Ebner in den „Ortsarrest“ gesetzt, „nachdem sie ihnen im Rathaus nach 12-jährigem Schweigen ihre sämtlichen Helden- und Gewalttaten in derber Hotzensprache vorgehalten hatten“, schrieb der Ortspfarrer.

Daraufhin seien vier Männer nach Waldshut zum Landrat marschiert und hätten die Amtsenthebung der Inhaftierten gefordert. Der Landrat stimmte zu. Dieses mutige Handeln der Birndorfer Bürger ging „in der ganzen Gegend von Mund zu Mund unter dem Namen: Das Volksgericht von Birndorf.

In dem Ort gab es weder an kirchlichen noch anderen Gebäuden Schäden. „Nach vollständiger Umstellung in der örtlichen politischen Führung des Pfarrortes und der Filialgemeinden herrscht in der ganzen Pfarrei Ruhe und Ordnung.“ Mit dieser positiven Nachricht endet das Pfarrprotokoll. Ein Beispiel von vielen, wie vor allem in ländlichen Gegenden die Einwohner die nötigen Entscheidungen selbst fällten.

In etlichen Ortschaften hatten die Bürger im April 1945 oft gegen den Widerstand deutscher Soldaten Panzersperren vor dem Einmarsch der alliierten Sieger weggeräumt.  Im heutigen Ühlingen-Birkendorf (Kreis Waldshut) gaben Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der Bevölkerung bekannt, „dass beim Einmarsch des Feindes die weiße Fahne an jedem Haus zu zeigen ist“. So steht es im Protokoll des erzbischöflichen Pfarramts  Birkendorf vom 18. März 1946. So sei es geschehen, und so habe sich die Übergabe des Ortes an die französischen Truppen „ohne jede Kampfhandlung in kürzester Zeit vollzogen“. Als „Kuriosum“ wird in dem Papier genannt, dass die Franzosen nach der Einnahme „immer wieder gekommen sind und Bonbons und Tabakwaren verteilt haben“.

Die Franzosen hätten die Übernahme von Ortschaften und den Neuaufbau von Verwaltungen lockerer genommen als die Amerikaner, sagt der Historiker Schnabel. Wenn die Pfarrer gesagt ­haben, der ist in Ordnung, hätten viele Bürgermeister im Amt ­bleiben können, erklärt er. „Die Amerikaner haben die Verwal­tungen deutlich rigider ausgetauscht.“

Die Amis greifen durch

Dafür ist Westerstetten bei Ulm ein Beispiel. Dort sorgte unter den Einwohnern Anfang Mai 1945 eine Forderung der amerikanischen Militärregierung für „große Bestürzung“: Bürgermeister Martin Härtel sollte „wegen zu enger Verbindung mit dem Ortsgruppenleiter Speidel von Vorderdenkental und Partei“ aus dem Amt entlassen werden, heißt es in einem Protokoll des Bürgermeisteramts Westerstetten vom 20. September 1948. Trotz der Bestürzung war daran nicht zu rütteln. Der „Amtsdiener Höhe“ wurde zum neuen Bürgermeister ernannt.

Appell an Gemeinden, ihre Geschichte aufzuarbeiten

Der Historiker Thomas Schnabel, der das Haus der Geschichte in Stuttgart geleitet hat, trägt den Wunsch mit sich herum, dass sich jeder Ort im Land mit seiner eigenen Kriegsgeschichte auseinandersetzt und diese auch Thema in den jeweiligen Schulen wird.

Jeder Ort habe seine eigene Geschichte, sagt Schnabel. Zerstört oder unzerstört, kampflose oder nach heftigen Kämpfen erfolgte Besetzung durch Amerikaner oder Franzosen, Zuweisung von Heimatvertriebenen oder nicht, industrielle oder landwirtschaftliche Struktur. Diese Unterschiede prägten den Charakter der Orte bis heute.

Nur vor Ort werde Geschichte konkret und lebendig, sagt Schnabel. Nur so könne sich die Aufmerksamkeit auf beteiligte und betroffene Menschen richten. wal