Stuttgart / Dominique Leibbrand Gerald und Ahmad Wolf sind das erste gleichgeschlechtliche Paar in Württemberg, das einen Segnungsgottesdienst feiern darf. Bis heute ringt die Landeskirche mit dem Thema. Von Dominique Leibbrand

Ins Rampenlicht hat es Gerald und Ahmad Wolf nicht gedrängt. Sie wollten einfach nur kirchlich heiraten. „Unser Glaube ist uns beiden sehr wichtig“, erzählt Gerald Wolf am Telefon. Im Januar hatten sich die beiden Männer, die seit zwei Jahren ein Paar sind, standesamtlich trauen lassen. Danach bemühten sie sich um eine kirchliche Segnung. Seit Anfang des Jahres ist eine solche für gleichgeschlechtliche Paare nun auch in der Landeskirche Württemberg möglich. „Dass wir das erste homosexuelle Paar sein würden, dem so ein Gottesdienst möglich ist, wussten wir nicht“, sagt Gerald Wolf. „Das hat uns tief bewegt.“

Den Segen erhalten die Wolfs an diesem Sonntag in der Leonhardskirche am Rande des Stuttgarter Rotlichtviertels. Die Gemeinde versteht sich als „Anwaltschaft für die Benachteiligten“, wie Pfarrer Christoph Doll sagt. Jedes Jahr richtet sie die Stuttgarter Vesperkirche aus, hat sich gleichgeschlechtlichen Paaren längst geöffnet. Dass die Premiere gerade bei ihnen stattfinde, sei aber Zufall, sagt Doll. Wegen der Corona-Krise seien einige Termine geplatzt. So oder so: Doll verspürt Erleichterung. „Ich bin sehr froh, dass ich künftig lesbische und schwule Ehepaare nicht mehr wegschicken muss.“ Solche Gottesdienste zu ermöglichen, sei überfällig. „Für die bisher sehr hartherzige Linie in unserer Landeskirche habe ich mich oft geschämt“, sagt Doll.

Um die Gleichstellung homosexueller Paare hatte die württembergische Landeskirche lange und hart gerungen, und die Kontroverse ist nicht beendet. Nach wie vor stellen sich theologisch konservative Kreise bei dem Thema quer. Nach ihrem Bibelverständnis ist praktizierte Homosexualität abzulehnen. Dass die Synode im Frühjahr 2019 – später als fast alle anderen evangelischen Landeskirchen in Deutschland – überhaupt noch entschieden hat, dass ab 2020 Segnungsgottesdienste angeboten werden können, ist einem Kompromissvorschlag von Landesbischof Frank Otfried July zu verdanken.

Nach diesem gilt die Regelung nicht flächendeckend: Nur ein Viertel der 1300 Kirchengemeinden innerhalb der Landeskirche darf Homo-Paare segnen. Voraussetzung ist, dass sich Dreiviertel der Pfarrer einer Gemeinde sowie des Kirchengemeinderats dafür aussprechen. Die Segnung gleicht in den Details obendrein nicht einer Trauung. Die kirchliche Heirat homosexueller Paare werde beispielsweise nicht ins Kirchenregister, sondern in ein Extraverzeichnis eingetragen, erklärt Pfarrer Doll. Es gebe keinen Trauspruch und keine Traufrage, auch der Segen unterscheide sich im Ablauf.

Warum diese Unterscheidung gemacht werden soll, erschließt sich Doll nicht. Ginge es nach ihm, würde man Homo-Paare ganz normal trauen. Immerhin seien die Paare standesamtlich verheiratet. Dass das Pietisten und Evangelikale anders sehen, ist ihm freilich bewusst. Er rechnet mit einem Shitstorm, schon im Vorfeld des Segnungsgottesdienstes habe es Beschwerde-Mails gegeben. Aber das sei dann eben so.

Auch die Wolfs wissen, dass sie nicht das ganze Paket bekommen. „Wir kriegen nicht den Mercedes, nur den Golf“, unkt Gerald Wolf. Trotzdem freuen sich die Männer auf Sonntag. In der Evangelischen Kirche haben beide eine neue Heimat gefunden. Bei aller Kritik, die man üben könne, wie der 53-Jährige sagt. Er konvertierte vom Katholizismus zum Protestantismus, bei Ahmad Wolf liegen die Dinge noch komplizierter. Als staatenloser Palästinenser wurde er in Syrien geboren und wuchs in Libyen im muslimischen Glauben auf. Vor sechs Jahren floh der 31-Jährige schließlich über mehrere Stationen nach Deutschland, wo er ebenfalls konvertierte. Erst hier habe er seine Sexualität ausleben können. „Davor musste ich das immer verstecken“, erzählt der junge Mann.

Familie lehnt Lebensstil ab

Nach dem Willen der Wolfs soll es am Sonntag eine kleine Zeremonie werden, die Segnung wird in den normalen Sonntagsgottesdienst integriert, eine Feier danach wird es nicht geben. Wegen der Corona-Beschränkungen wäre das sowieso nicht erlaubt, außerdem hätten die Wolfs dafür auch kein Geld. Beide leben von Hartz IV, kämpfen mit gesundheitlichen Problemen. „Es wird eine Armenfeier“, sagt Gerald Wolf und lacht etwas gequält, „trotzdem wollen wir den Tag genießen.“ Rund 20 Freunde und Bekannte hat das Paar zur Segnung eingeladen. Eltern und Geschwister werden nicht dabei sein – dass die Männer schwul sind, stößt in beiden Familien auf Ablehnung.

Bislang 170 Gemeinden wollen Segnung anbieten

Verfahren 170 der 1300 württembergischen Gemeinden haben sich nach Angaben der Landeskirche bislang dafür entschieden, Segnungen anzubieten. 19 Gemeinden hätten das erforderliche Verfahren bereits durchlaufen und ihre Gottesdienstordnung geändert, berichtet ein Sprecher.

Hygiene Der Segnungsgottesdienst am Sonntag in der Leonhardskirche findet unter strengen Hygienevorschriften statt. Es dürfen nur 60 Menschen in die Kirche, damit die zwei Meter Abstand eingehalten werden können. Eine Maskenpflicht ist nicht vorgeschrieben, wird aber empfohlen. Gesungen werden darf nicht. Ein Organist sorgt für die Musik. dl