Was, Du willst für eine Institution arbeiten, die Frauen unterdrückt?“ Sarah Henschke, 29 Jahre alt, und seit acht Jahren Gemeindereferentin im Bistum Speyer, hat diese Frage oft gehört. Katholische Kirche und Frauen – geht das überhaupt noch zusammen? Genau über diese Frage haben am Freitag Bischöfe und Laien in Ludwigshafen und an vier weiteren Orten quer durch die Republik diskutiert. Wie viel Vielfalt verträgt die katholische Kirche? Was an Lehre ist in Stein gemeißelt und was muss angepasst werden an die Lebenswirklichkeit der Menschen? Das versucht der auf zwei Jahre angelegte Reformprozess „Synodaler Weg“ auszuloten. Nicht ohne Konflikt. Schließlich geht es um Macht, die Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche und die kirchliche Sexualmoral. Die Treffen am Freitag waren ein erster Zwischenschritt.

Schon am Eingang zum Tagungsgebäude in Ludwigshafen zeigen Männer und Frauen mit Plakaten, was sie von den Teilnehmern des Reformtreffens erwarten: Schritte zur gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in der katholischen Kirche und die Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen. Die Forderungen sind auch für viele Bischöfe keine Provokation mehr. Die überwiegende Mehrheit von ihnen weiß, dass Reformen dringend nötig sind. Und sie will diese auch. Wie unter einer Lupe hat die Corona-Krise in den vergangenen Monaten Defizite der Kirche überdeutlich sichtbar gemacht: den Priestermangel und Versäumnisse in der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender, das Preisgeben von Gemeindeleben, die Sprachlosigkeit angesichts von Leid und Verunsicherung und immer wieder: den Ausschluss von Frauen aus Ämtern.

Dieses Thema war Schwerpunkt der Diskussion. „Die Zukunft der Kirche wird sich an der Frauenfrage entscheiden“, sagt Karin Kortmann, die Vize-Präsidentin des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK). Das sieht auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode so. Mit seiner Arbeitsgruppe zeichnete er auf, was nach dem Kirchenrecht an Frauenbeteiligung heute schon möglich wäre: Zum Beispiel ein Verkündigungsamt für Menschen ohne Priesterweihe, das zur Predigt berechtigt und zum Spenden bestimmter Sakramente. Das, was möglich ist, werde zu wenig ausgekostet, bedauert der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst. Pfarrbeauftragte, die Gemeinde leiten, sind in seinem Bistum bereits möglich. Ebenso Predigtdienste von Frauen. „Je mehr Frauen in Verantwortung sind, desto leichter wird sich Dynamik entwickeln“, glaubt sein Trierer Amtskollege Stefan Ackermann.

Störfeuer aus Rom

Doch was in Debatten im liberaleren Südwesten weitgehend Konsens war, stieß beim Regionalforum in München auf erhebliche Vorbehalte des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer. Eine Trennung von Predigt und Eucharistie ist für ihn nicht vorstellbar. Weil nur Priester einer Eucharistiefeier vorstehen könnten, schließt das in seinen Augen ein Predigtamt für Frauen aus.

Die inhaltliche Spannbreite in den Reformdebatten ist groß. „Aber es gibt keine zwei feindliche Lager mehr, wie in den vergangenen 30 Jahren“, beobachtet Thomas Sternberg, Präsident des ZdK. Von einer „sehr starken mittleren Position“ spricht Bode. Doch Störfeuer bleiben nicht aus, wie jüngst eine Instruktion aus Rom, die Nein zur Gemeindeleitung durch Laien oder Teams sagt. In bisher nicht gekannter Deutlichkeit hat die Mehrheit der Bischöfe sich gegen diesen Einspruch verwehrt und der zuständigen Fachstelle im Vatikan ein Gespräch mit dem gesamten Präsidium des „Synodalen Weges“ angeboten.

Wie schwierig die Neuausrichtung ist, zeigt auch die Debatte über die katholische Sexualmoral. Während eine Minderheit betont, dass es richtig gelebte Sexualität nur in der Ehe geben könne, will eine Mehrheit das Ende der Diskriminierung von Homosexuellen oder diversen Menschen und ein Zugehen der Kirche auf wiederverheiratete Paare, zum Beispiel mit Segensfeiern. „Wir machen das zwar, doch nicht offiziell. Das macht uns als Kirche unglaubwürdig“, verdeutlicht Birgit Mock. Und Christian Hermes, Stadtdekan in Stuttgart, stellt klar: „Von den Gläubigen wird nicht mehr akzeptiert, dass eine Pastoralmacht über das persönliche Gewissen gestellt wird.“

In Ludwigshafen konnte auch das ausgesprochen werden. „Die Erfahrung des gegenseitigen Zuhörens, einander Verstehen-Wollens und voneinander Lernens hat mich sehr beeindruckt,“ sagt Bischofs Fürst am Ende des Tages. Auch Sarah Henschke hat Hoffnung, dass sich für Frauen in der Kirche etwas ändert. Allerdings: „Wir Frauen wollen nicht wieder Notnagel sein, weil es zu wenig Priester und Diakone gibt. Wir wollen anerkannt werden, weil wir nahe am Menschen sind. Und diese Aufgabe erfüllen können.“

Fünf Orte, ein Thema


Der Kirchenreformprozess „Synodaler Weg“ hat Ende 2019 in Frankfurt begonnen und sollte mit einer zweiten großen Versammlung dieser Tage fortgesetzt werden. Weil das wegen der Corona-Pandemie nicht möglich ist, entschieden sich die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), einen Zwischenschritt einzulegen. An fünf Orten – Berlin, Dortmund, Frankfurt, München und Ludwigshafen – fanden zeit- und inhaltsgleich Regionalkonferenzen statt, bei denen kirchliche Erfahrungen während der Corona-Pandemie besprochen und über das „heiße“ Thema der Rolle von Frauen in der Kirche diskutiert wurde. Eine vollwertige zweite Synodalversammlung ist für Anfang Februar 2021 vorgesehen. eth