Vöhringen / Von Petra Walheim  Natur Seit Jahren geht die Zahl der flinken Vögel zurück. In Vöhringen im Kreis Rottweil bieten Naturfreunde den Glücksbringern jede Menge neue Nester an. Von Petra Walheim 

An der Kreuzung Rottweiler/Sulzer Straße in Vöhringen (Kreis Rottweil) ist richtig was los. Rund um ein Mehrfamilienhaus, ein Seniorenheim und ein Geschäftshaus mit Bank fliegen zig Mehlschwalben in einem Affenzahn die Nester an, die an den Gebäuden angebracht sind. Am Mehrfamilienhaus hängt ganz neu die Plakette „Hier sind Schwalben willkommen. Schwalbenfreundliches Haus“. Rudi Apel, der Landes-Schwalben-Beauftragte des Naturschutzbund Deutschland (Nabu), hat sie verliehen und ans Haus geschraubt. „Was hier für Schwalben getan wird, ist wirklich was Besonderes“, sagt der Experte. Er ist im ganzen Land in Sachen Schwalben unterwegs und hat deshalb den Überblick.

Großer Aufwand

Ulla Plocher, die Besitzerin des Mehrfamilienhauses, steht an diesem Morgen zwischen ihrem Haus und dem Seniorenheim und beobachtet das muntere Treiben der Schwalben. Sie ist Natur- und Vogelfreundin. „Ich finde es wichtig, dass die Vögel ihren Platz kriegen.“ Deshalb hat sie mehrere tausend Euro in die Hand genommen, um für die Mehlschwalben Platz zu schaffen.

Die hatten nach der Renovierung des Gebäudes angefangen, ausgerechnet über einem Balkon Nester zu bauen. „Die Bewohner konnten den Balkon nicht mehr nutzen“, sagt Ulla Plocher. Daher wurden die sechs Nester abgenommen und mit großem Aufwand 20 neue Kunstnester am Haus angebracht. „Dafür musste am Haus ein Gerüst hingestellt werden“, sagt sie. Die Mehlschwalben haben den Einsatz belohnt, indem sie in diesem Frühjahr in die neuen Nester eingezogen sind. Das freut Ulla Plocher sehr. Sie glaubt an den Spruch ihrer Oma: „Da, wo Schwalben sind, ist das Glück daheim.“

Schon als das Gebäude noch eine Fabrik war, hätten daran Schwalben gebrütet, berichtet sie. Weil Schwalben standorttreu sind und jedes Jahr ihre alten Brutplätze aufs neue belegen, sei es wichtig gewesen, ihnen neue Nester anzubieten.

Diese Denkweise sei die Ausnahme, sagt Rudi Apel. Meistens würden Nester abgenommen und keine neuen angebracht. Schwalben hinterlassen an Fassaden und am Boden ihre Spuren, deshalb sind sie oft nicht willkommen. „Für viele spielt es keine Rolle, dass Schwalben geschützt sind“, sagt Apel. Weil sie jedes Jahr zu ihren Nestern zurückkehren, sind auch diese geschützt und dürfen nicht zerstört werden.

Das Seniorenheim, das direkt hinter dem Mehrfamilienhaus steht, hat sich von Ulla Plochers Einsatz anstecken lassen. Auch dort haben Schwalben versucht, Nester zu bauen. Die Fassade bot aber zu wenig Halt, so dass der Nestbau scheiterte. Deshalb hat der Hausmeister der Einrichtung, Eberhard Blocher, in Eigenregie 14 Doppelnester angebracht. Die sind nur teilweise belegt. „Neuansiedlungen sind bei Schwalben ganz schwierig“, sagt Rudi Apel. Doch er ist zuversichtlich, dass junge Schwalben die Nester doch noch annehmen.

Damit hat Ursula Scheu kein Problem. An ihrem Haus schräg gegenüber dem Mehrfamilienhaus hängen seit Jahren 21 Kunstnester. „Die sind meines Wissens alle belegt“, sagt sie. Sie hat an diesem Morgen mitbekommen, dass Rudi Apel die Schwalben-Plaketten verteilt, hat sich dazu gesellt und auf „ihre“ Schwalben aufmerksam gemacht. „Das sind echte Ausnahme-Häuser hier“, lobt Apel.

Er ist seit etlichen Jahren für den Nabu ehrenamtlich landesweit im Schwalben-Einsatz. Vor 13 Jahren hat er mit einer Kollegin in Mecklenburg-Vorpommern die Plaketten-Aktion gestartet. „Das sollte für die Leute ein Anreiz sein, für die Schwalben etwas zu tun.“ Die Aktion lief zunächst nur im Landkreis Waldshut. Dort wohnt Rudi Apel. „Sie hat sich aber rasend schnell im ganzen Land verbreitet.“ Inzwischen läuft sie mit einheitlichen Plaketten bundesweit in der vierten Saison.

Doch der Erfolg ist bescheiden. Die Zahl der Schwalben geht stetig zurück. In diesem Jahr wurden nach Aussage von Apel bei der „Stunde der Gartenvögel“ 15 Prozent weniger Mehlschwalben gezählt. Im vergangenen Jahr sei die Zahl stabil geblieben. 2018 seien es 18 Prozent weniger gewesen. Das gleiche traurige Bild geben die Rauchschwalben ab.

Gefährliche Reise

Die meisten Schwalben überwintern in Afrika. Dafür legen sie im Herbst tausende Kilometer zurück, nur um im Frühjahr den gleichen Weg zurück zu den Brutplätzen zu fliegen. Ihre Zahl sinkt seit Jahren. Das liegt nach Meinung von Experten unter anderem daran, dass sie in Europa auf den intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen keine Nahrung mehr finden.

Doch auch in Afrika sind sie bedroht. Dort werden nach Wissen der Experten ihre Überwinterungsgebiete in Savannen und Urwäldern gerodet und landwirtschaftlich genutzt. Dadurch machen sich viele Vögel schon geschwächt auf die Reise und überstehen Stürme nicht. In diesem Frühjahr verendeten tausende Schwalben in einem Sturm über Griechenland. In einigen Ländern werden sie in Netzen gefangen und verspeist. wal