Ulm / Alexander Kern Extremkletterer steigen auf die Münster-Spitze und stellen ein Video der verbotenen Aktion ins Netz.

Die Szenen lassen die ­Gefühle vieler Zuschauer verrückt spielen: Schwindel. Angst. Entsetzen. Verwirrung, aber auch Verwunderung. Am Ende bleiben Fragen. Viele Fragen. Wie kann man solchen Aktionen vorbeugen? Und: Ist das Video überhaupt echt?

Die Polizei ist sich sicher: Der Clip ist authentisch. Im April dieses Jahres verschafften sich zwei junge Männer mit einem Dietrich Zugang zum Turm und kletterten ungesichert auf die Spitze des Ulmer Münsters. Eigenen Angaben zufolge sogar zweimal hintereinander an verschiedenen Tagen. In 160 Metern Höhe posierten sie mit Selfie-Stick und Kamera, ließen die Beine in der Luft baumeln und stellten einen Zusammenschnitt der illegalen Aktionen am vergangenen Sonntag ins Internet. Unter dem Titel „Münsterstürmer“ wird das fünfminütige Youtube-Video derzeit in den sozialen Netzwerken verbreitet und hundertfach kommentiert. Die Meinungen der Nutzer schwanken zwischen ungläubiger Faszination und ungezügelten Aggressionen gegen die beiden Akteure. „Ordeuz“ nennt sich der Berliner Extremkletterer, der an beiden Aktionen beteiligt war und anonym bleiben möchte. Er äußert sich aber schriftlich. Er gehört zum „Roofing“-Kollektiv „Visual Enemies“. Dessen Mitglieder haben in der Vergangenheit bereits verschiedene Gebäude in Europa beklettert.

Dass er bei derartigen Aktivitäten mit seinem Leben spielt, sei ihm durchaus bewusst. Doch das „kalkulierte Risiko“ gehe er trotzdem immer wieder ein. „Durch viel Training habe ich gelernt, Materialien, Oberflächen und das Wetter richtig einzuschätzen“, erklärt „Ordeuz“. Sein Kumpane „Flavius“, der ebenfalls dabei war, erklärt: „Wir sind geübte Kletterer und wissen, was wir machen.“ Das Ulmer Münster hätten die Roofer aufgrund seines Titels als „höchster Kirchturm der Welt“ ausgewählt. Im Vorfeld, so berichtet „Flavius“, hatten die Extremsportler Kontakt zu den „Grave Yard Kidz“. Vor drei Jahren hatte ein Mitglied dieser Roofing-Gruppe mit einem ähnlichen „Youtube“-Video auf dem Münster für Aufsehen gesorgt.

Dekan erstattet Anzeige

Über den erneuten Vorfall ist Ernst-Wilhelm Gohl, der Dekan des Ulmer Münsters, entsetzt: „Sich in Lebensgefahr zu begeben und anschließend im Internet damit zu prahlen, ist unerhört. Dass die Kletterer Schlösser geknackt haben, um auf die Spitze zu kommen, zeugt von hoher krimineller Energie.“ Der 56-Jährige wolle sich nun mit Sicherheitsexperten besprechen, um die Türen einbruchssicherer zu machen. „Wir haben Sorgen, dass dieses Video neue Nachahmer findet und wollen dies unterbinden.“ Wie bei den „Grave Yard Kidz“ hat Gohl auch dieses Mal Anzeige gegen Unbekannt wegen Hausfriedensbruchs erstattet.

„Die Ermittlungen in derartigen Angelegenheiten sind oftmals schwierig“, sagt ein Sprecher der Polizei Ulm. Im Fall der Gruppe „Grave Yard Kidz“ habe man damals keinen nennenswerten Erfolg erzielen können. „Die Beamten werden das Videomaterial nun auswerten und die Spuren im Internet verfolgen“, sagt er. Sollten die Kletterer ermittelt und angeklagt werden, müssen sie mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr rechnen. Dazu sagt Roofer „Ordeuz“: „Vor den rechtlichen Konsequenzen haben wir keine große Angst, da die Strafen nicht allzu drastisch ausfallen.“
Alexander Kern

Gefährlicher Trend

Szene Unter „Roofing“ versteht man eine Extremsportart, die besonders in großen Städten praktiziert wird und die größte Szene in Russland hat. Junge Erwachsene klettern dabei ohne Sicherung auf möglichst hohe Gebäude und liefern von dort spektakuläre Videoaufnahmen und Bilder, die sie im Internet einer möglichst großen Community zur Verfügung stellen.