Stuttgart / David Nau Pakete lassen sich online genau verfolgen und steuern, mit Notfallpatienten funktioniert das noch nicht. Im Südwesten soll sich das ändern. 

Atmennot, ein Stechen in der Brust, das Gefühl, als ob ein Elefant auf dem Oberkörper steht – bei einem Herzinfarkt muss es schnell gehen. Je zügiger der Patient im Herzkatheterlabor liegt und die Engstelle in den Herzkranzgefäßen beseitigt ist, desto besser. Gut, wenn man dann im Landkreis Ludwigsburg lebt. Denn dort sind Rettungsdienste und Krankenhäuser bereits digital vernetzt. „Die Kollegen im Rettungswagen schicken von unterwegs Daten an die Krankenhäuser“, sagt Daniel Groß, Landesrettungsdienstleiter beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Mithilfe von EKG-Bildern, Vitalparametern oder auch Fotos vom Unfallort könnten die Ärzte im Krankenhaus schon vor Ankunft des Patienten den Fall abschätzen. „Dann kann der Arzt direkt ein Herzkatheterlabor blocken“, sagt Groß.

Bislang ist der Landkreis Ludwigsburg der einzige Rettungsdienstbereich im Land, wo eine solche Technik schon regulär eingesetzt wird, ein Modellprojekt wird noch im Rhein-Neckar-Kreis erprobt. Das soll sich aber ändern.

Vor wenigen Tagen hatten die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) gefordert, stärker auf digitale Lösungen zu setzen, um die Notfallrettung zu verbessern. „In der Adventszeit konnten dank der Digitalisierung Millionen Weihnachtspakete online verfolgt und gesteuert werden“, sagte Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand des GKV-Spitzenverbands. „Aber wenn es um Leben und Tod geht, geht es vielfach noch zu wie vor 20 Jahren.“

Im Südwesten fühlt man sich von der Kritik der Krankenkassen nicht angesprochen. „In Baden-Württemberg wird ein landesweiter, onlinebasierter Behandlungs- und Kapazitätennachweis eingeführt“, teilt ein Sprecher des für Rettungsdienste zuständigen Innenministeriums mit. Das habe der Landesausschuss für den Rettungsdienst im November beschlossen. Die Landesverbände des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), die die meisten Rettungswachen im Land betreiben, seien mit der „zeitnahen Umsetzung“ beauftragt worden.

Mit dem neuen System sollen Krankenhäuser ihre aktuellen Behandlungskapazitäten in Echtzeit online erfassen, damit der Rettungsdienst diese in den Rettungswagen, den Hubschraubern und auch in den Leitstellen einsehen kann. Auch soll der jeweilige Patient im ausgewählten Krankenhaus direkt online angemeldet werden. „Dies erspart dem Rettungsdienst im Einsatz wertvolle Zeit und bisher notwendige Telefongespräche“, sagt der Sprecher von Innenminister Thomas Strobl (CDU). Auch für die Kliniken bringt das neue System Vorteile. „Sie können dann auf die Daten der Rettungswagen zugreifen und sehen genau, wann der Patient in der Notaufnahme eintrifft“, sagt Udo Bangerter, Sprecher des DRK-Landesverbands Baden-Württemberg. Wann ein solches Portal an den Start gehen soll, könne man aktuell noch nicht sagen, meint Bangerter. So müssten beispielsweise noch die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden.

Der Opposition im Stuttgarter Landtag geht das nicht schnell genug. „Wir haben gegenüber anderen Bundesländern Nachholbedarf“, sagt Rainer Hinderer, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Aus seiner Sicht muss die Vernetzung von Rettungsmitteln und Krankenhäusern schnell in die Fläche gebracht werden.

Beim Sozialministerium befürwortet man die Pläne. Man sehe die Notwendigkeit, die Kooperation zwischen Rettungsdienst und Krankenhäusern zu verbessern, teilt ein Sprecher von Minister Manne Lucha (Grüne) mit. Man plane daher, die Krankenhäuser „zu verpflichten, sich an einem einheitlichen Betten- und Kapazitätsnachweissystem zu beteiligen“.

Für Daniel Groß vom ASB ist das eine gute Nachricht. „Das ist die Zukunft“, sagt der Landesrettungsdienstleiter. In Ludwigsburg hat das digitale System auch noch einen weiteren Nutzen: Feedback. Auf der Wache können die Rettungskräfte die digitalen Akten ihrer Fälle erneut aufrufen und anschauen, ob die Diagnose, mit der sie den Patienten in die Klinik gebracht haben, auch richtig war.

Digitalfunk lässt weiter auf sich warten

Seit Jahren ist die Umstellung des Behördenfunks auf eine digitale Sendetechnik ein Dauerthema in Baden-Württemberg. Ursprünglich sollten Feuerwehren, Rettungsdienste und Polizei schon ab 2006 digital funken, im Südwesten stellte die Polizei als erste Organisation jedoch erst 2013 endgültig auf die Technik um.

Im Rettungsdienst lässt die Technik flächendeckend weiter auf sich warten. Von 34 Leitstellen im Land sind nach Angaben des Innenministeriums gerade einmal zehn für den Digitalfunk ausgerüstet. Für die Ausstattung der Rettungswagen seien dann die jeweiligen Hilfsorganisationen zuständig. Wer die Technik bereits nutze, könne man deswegen nicht sagen, so das Ministerium.