Sakkara / Von Sabine Lohr Ein Team um den Tübinger Ägyptologen Ramadan Badry Hussein hat in Sakkara spektakuläre Mumien-Funde gemacht. Mit dabei war auch ein TV-Team. Von Sabine Lohr

Der gemauerte Schacht in Sakkara, einer bedeutenden Nekropole etwa 20 Kilometer südlich von Kairo, ist 30 Meter tief – und ganz unten wartet Ramadan Badry Hussein angespannt darauf, dass es dem Arbeiter, der mit einem Hammer an einer Mauer beschäftigt ist, gelingt, ein Loch zu schlagen. Die Arbeit ist gefährlich, das Gewölbe hat Risse, es könnte einstürzen.

Als der Stein in der Mauer endlich gelöst ist, leuchtet Hussein in den Raum dahinter – und ist zunächst sprachlos. Dann sagt er zu den anderen: „Das ist die Überraschung, die wir gesucht haben. Das ist größer als alles, was wir bisher gefunden haben.“

In dem Raum liegt eine gut erhaltene Mumie, aufgebahrt auf einer Art Tisch. Vor ihr eine Schar türkiser Figürchen; an den Wänden und auf dem Boden stehen und liegen Gefäße mit Tierköpfen. Später wird sich herausstellen, dass die Organe der Mumie darin sind.

Hussein bricht in Tränen aus. Und die Kamera hält darauf. Ein Filmteam von National Geographic ist bei den Grabungsarbeiten dabei, es begleitet Hussein und seine Gruppe von Oktober 2018 bis Dezember 2019.

„Ich wäre in diesem Moment gerne alleine gewesen“, sagte Hussein unserer Zeitung. Alles sei in diesem Moment der Entdeckung in ihm hoch gekommen: die Erinnerung an den Schulausflug als Neunjähriger, als er zum ersten Mal auf dem Plateau von Gizeh stand und die Pyramiden sah. „Sie schienen zu mir zu kommen.“ Sein Glück, dass er studieren durfte, dass er an der Universität Tübingen ein Forschungsstipendium bekommen hatte und dass er in Sakkara graben durfte. Und auch die Erleichterung nach der Anspannung.

Hussein kann Hieroglyphen lesen – das ist sein eigentliches Studium. Er beschäftigt sich mit altägyptischen Texten. Und er entziffert, was an der Wand steht: „Didibastet.“ Es ist der Name der weiblichen Mumie.

Sie wird nun untersucht – alles Gerät dazu muss in den 30 Meter tiefen Schacht gebracht werden. Es wird, wie die Menschen, an einem Seil heruntergelassen. Auf dem Schacht haben Arbeiter dafür eine Winde angebracht, an der sie unermüdlich kurbeln. Die Forscher und Arbeiter stellen sich in einen Korb am Ende des Seils und werden heruntergelassen und heraufgezogen.

Sie passieren dabei diverse andere Grabkammern und einen Tunnel neun Meter unter der Oberfläche. „Er verbindet viele Grabkammern, das ist ein ganzes System“, sagt Hussein. Allein in dem Schacht, in dem Husseins Team arbeitet, haben die Forscher 54 Mumien gefunden, oft mehrere in einer Grabkammer. Sie alle stammen aus der 26. Dynastie, sind also etwa 2500 Jahre alt.

Hussein vermutet, dass es sich bei den Mumien um Priesterinnen handelt. „Die Texte, die wir fanden, handeln von einem Kult, den wir kennen.“ Er ist sicher, dass die Priesterinnen reich waren. Dafür sprechen etwa die silberne Maske, die Hussein vor zwei Jahren fand, und der steinerne Sarkophag, den das Grabungsteam bei den Dreharbeiten von National Geographic entdeckte. „Derartige Sarkophage waren sehr teuer.“

Auch dieser Sarkophag liegt alleine in einer Grabkammer. Auf dem unteren Steinblock liegt ein vier Tonnen schwerer Block.

Die Arbeiter heben ihn zunächst mit mechanischen Hebeln an. Dann wenden sie eine Methode an, mit der die alten Ägypter den Koloss wohl auch auf den unteren Stein hoben: Sie schieben Rundhölzer und Holzbretter unter ihn und rollen ihn vorsichtig zur Seite. Zum Vorschein kommt eine Mumie, die im ausgehöhlten unteren Steinblock liegt.

Die Leintücher, in die sie gewickelt war, sind zum Teil zerfallen, ihr Mund ist weit aufgesperrt. Auf den Resten ihres hölzernen Sarges steht ihr Name: „Tadihor.“

Um Näheres herauszufinden, soll die Mumie geröntgt werden. An Ort und Stelle zwar, aber dazu muss sie aus ihrem steinernen Grab. Das Team hält sie mit Leinenbändern zusammen und hebt sie vorsichtig heraus auf ein Brett. Der Röntgenapparat wird in die Kammer heruntergelassen.

Tadihor muss zwischen 40 und 45 Jahre alt gewesen sein, als sie starb, stellen die Forscher fest. „Das ist ein hohes Alter für diese Zeit“, sagt Hussein. Auf dem Röntgenbild sind zwischen den Rippen und im Mund Amulette in verschiedenen Formen zu erkennen – auch das spricht für einen hohen Status.

Anders als zu früheren Zeiten werden die Mumien nicht geöffnet. „Wie behandeln sie würdevoll“, sagt Hussein. Dazu gehört auch, dass sie abgedeckt werden, wenn sie nicht gerade geröntgt werden. Sie kommen auch alle wieder zurück in ihre Sarkophage und Grabkammern. Die Grabbeigaben dagegen werden wohl in Museen ausgestellt.

Dort werden auch die vielen Töpfchen und Tiegel zu sehen sein, die Hussein und sein Team in einem unterirdischen Gebäude aus Lehmziegeln und Kalksteinblöcken fanden. In ihnen waren Reste von Ölen – und sie sind auch beschriftet.

In dem Raum befinden sich zwei große Wannen und eine Rinne, die ringsum läuft. Es handelt sich um einen Mumifizierungsraum. Einige Meter über dem Gebäude verläuft ein Tunnel, der dafür sorgte, das dieses Gebäude ständig mit kühler Luft versorgt wurde – unabdingbar für den Prozess der Mumifizierung.

Archäologie sei etwas anderes als ein Indiana-Jones-Abenteuer, sagt Hussein. „Wir arbeiten eher wie Detektive.“ Aber er habe es genossen, dass alles gefilmt wurde. „Das ist Original, da ist nichts gestellt.“

Auf Deutsch und Englisch

Gesendet werden die vier Teile von „Königreich der Mumien“ von Sonntag, 28. Juni, 21.50 Uhr an, immer sonntags auf National Geographic, wahlweise im englischen Original oder in der deutschen Synchronfassung.