Stuttgart / Dominique Leibbrand Die gebürtige Stuttgarterin Nadia Asiamah hat die bundesweite Welle von „Silent Demos“ angestoßen. Dass sie jetzt als Vorbild betrachtet wird, macht der jungen Frau auch Angst. Von Dominique Leibbrand

Schaut man sich Nadia Asiamahs Social-Media-Kanäle an, sieht man eine junge Frau, die gern mit Mode und Frisuren experimentiert. Die ihre Follower in Videos ermutigt, „zu sich selbst zu stehen“ und „zu tun, was einen glücklich macht“. Die 22-Jährige, die in Stuttgart aufgewachsen ist, sagt, was sie denkt. Ungefiltert, authentisch. Sprache ist ihre Ausdrucksform. Zumindest war sie das bislang.

Vor einigen Tagen sieht Nadia Asiamah jenes Video, auf dem der US-Amerikaner George Floyd in knapp neun Minuten qualvoll stirbt, während ein weißer Polizist auf seinem Nacken kniet. Die junge Frau leidet knapp neun Minuten mit. Danach hat sie keine Antworten parat, sondern erst mal viele Fragen.

Wie kann es sein, dass es einen derartigen Rassismus in den USA immer noch gibt? Und wie kann es sein, dass wir hier in Deutschland denken, dass uns das nicht betrifft? Nadia Asiamah beschließt: „Ich will nicht mehr nur reden, sondern auch was machen.“

Im Internet findet die 22-Jährige in der gleichaltrigen Perla Londole eine Gleichgesinnte. Die beiden Frauen wollen in ihren Heimatstädten Stuttgart und Mainz kleine Protestaktionen mit 20 Teilnehmern organisieren. Sie sind online bestens vernetzt, erhalten für die Idee schnell viel Zuspruch. Immer mehr Menschen melden sich, die mitmachen und in ihren Städten ebenfalls „Silent Demos“ starten wollen.

Aus dem Nichts wird unter dem Leitmotto „Black Lives Matter“ eine rasant wachsende Bewegung geboren. Am Ende gehen in mehr als 20 deutschen Städten Zehntausende auf die Straße.

Dass es so weit kommt, ahnt Nadia Asiamah nicht, als sie am vergangenen Samstag zum Platz vor der Stuttgarter Oper aufbricht. 700 Teilnehmer hat sie für ihre erste Demo angemeldet. Als sie gegen 14 Uhr auf die Bühne steigt, schaut sie in geschätzt gut zehntausend Gesichter. Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft.

Sie ist aufgeregt, aber auch ein bisschen schockiert. „Ganz ehrlich – ich hatte gemischte Gefühle. Ich habe mich natürlich gefreut, weil mir das Thema so wichtig ist. Wegen des Infektionsschutzes und dem Abstandhalten habe ich mir aber auch Sorgen gemacht – die ganze Veranstaltung war ja auf viel weniger Menschen ausgelegt“, erzählt sie ein paar Tage später am Telefon.

Nadia Asiamahs Stimme klingt müde. In den vergangenen Tagen habe sie quasi ununterbrochen Interviews gegeben, sagt sie. Zuvor hatte sie über ihre Social-Media-Kanäle einige tausend Follower erreicht, jetzt sieht sie ihr Gesicht plötzlich überall. „Das ist schon ein komisches Gefühlt, wenn man sein Bild an der U-Bahn-Station kleben sieht.“ Perla und sie hätten jetzt eine Vorbildfunktion. „Plötzlich wird alles, was wir posten, von viel mehr Leuten gesehen und bewertet. Das erzeugt schon Druck.“

Aufhören kommt dennoch nicht infrage. „Wir planen weitere Aktionen, möchten das aber in Ruhe vorbereiten.“ 16 Leute gehören mittlerweile zum Stuttgarter Team. Man überlege, einen Verein oder eine Organisation zu gründen.

Ihr Engagement hat Nadia Asiamah nicht nur positives Feedback beschwert. „Tatsächlich haben sich einige weiße Freunde von mir abgewandt. Das ist schade, aber ich kann damit leben. Wer sich in diesen Zeiten nicht aktiv gegen Rassismus stellt, ist für mich nicht besser als die Rassisten selbst.“

Asiamah hat sich im Lauf der Jahre ein dickes Fell zulegt, mit Ausgrenzung kennt sie sich aus. „In der fünften und sechsten Klasse wurde ich wegen meiner Hautfarbe gemobbt, hatte die ganze Klasse gegen mich. Als ich Hilfe bei den Lehrern gesucht habe, haben die mir nicht geholfen.“ In der siebten Klasse habe sie dann angefangen, sich mit Worten zu wehren. Da sei auch nicht besonders gut angekommen.

Ignoranz im Alltag

Und dann gebe es da eben die vielen kleinen Begebenheiten im Alltag, die scheinbar harmlos wirkten, hinter denen aber viel Ignoranz stecke. „Wenn im Büro Negerküsschen verteilt werden oder es in einem Lied Nigger heißt und die Leute mitsingen, als wäre das kein Schimpfwort. Sage ich dann was, heißt es, ich soll mich nicht so anstellen“, erzählt die junge Frau, deren Eltern vor ihrer Geburt von Ghana nach Deutschland gekommen waren.

Sie werde dauernd gefragt, woher sie komme. „Sage ich dann ,Stuttgart’, wird nachgebohrt. Seit so viele Flüchtlinge kommen, werde ich auf der Straße auch gern mal auf Englisch angesprochen, als müsste eine Schwarze zwangsläufig eingewandert sein.“

Seit einem Jahr lebt Nadia Asiamah hauptsächlich in der Schweiz. Dort sei sie für die Arbeit hingezogen. Was sie genau macht, möchte sie für sich behalten. Die Schweizer empfindet sie als offener als die Deutschen. „Ich habe hier noch keinen Rassismus erlebt“, sagt sie. Für ihr Heimatland wünscht sie sich, dass mehr über Rassismus aufgeklärt werde. „Der Schlüssel heißt für mich Bildung.“ Niemand komme als Rassist auf die Welt. „Unser aller Blut hat dieselbe Farbe. Darauf kommt es an.“

„Solidarität mit George Floyd“ auf dem Wasen

Am Samstag wird unter anderem in Stuttgart erneut gegen Rassismus demonstriert. Die Gruppe Black Lives Matter Stuttgart hat laut Stadt unter dem Motto „Solidarität mit George Floyd“ eine Demonstration auf dem Cannstatter Wasen mit 4000 Teilnehmern angemeldet. In Ulm ist eine kleinere Demo (15.30 Uhr) mit mehreren hundert Teilnehmern angekündigt. dl