Göppingen/Herrenberg/Singen / Alfred Wiedemann An Service-Stationen finden pannengeplagte Radler Pumpe und Werkzeug. Landkreise und Kommunen im Südwesten bauen das Angebot aus.  Von Alfred Wiedemann

Radler kennen das: Pannen passieren immer, wenn man gerade kein Werkzeug dabei hat. Glück im Pech, wenn man dann nur bis zu einer Radservice-Station schieben muss. Da lässt sich das Rad an eine Halterung hängen, Luftpumpe, Schraubendreher, Schlüssel sind diebstahlsicher angebracht und machen kleine Reparaturen möglich.

Die Radservice-Punkte für alle, rund 1200 Euro teuer, gibt es längst nicht flächendeckend, aber immer öfter im Südwesten. Zuwachs meldete zuletzt der Kreis Ravensburg mit 19 Service-Stationen. Der Rems-Murr-Kreis hat stolze 36 Stationen kreisweit, initiiert vom ADFC, finanziert von Kreis und Kommunen.

Heidelberg hat seit Januar immerhin eine Reparaturstation, geplant sind elf weitere im Stadtgebiet. Wegen der Corona-bedingten Haushaltssituation stehe die finanzielle Umsetzbarkeit aber auf dem Prüfstand, sagt eine Sprecherin. Für die erste Station habe es positive Rückmeldungen gegeben. Schäden an der Anlage bisher: keine.

In Herrenberg werden die zehn Service-Punkte „sehr gut angenommen“, so Birgit Hamm von der Stadt. „Nach vier Jahren im Freien müssen die Stationen nun ausgetauscht werden“, sie seien verrostet und nicht mehr funktionstüchtig. „Die neuen Radstationen weisen eine robustere Beschichtung auf und werden so Wind und Wetter besser standhalten.“

In Singen im Kreis Konstanz „werden die Stationen aktuell täglich genutzt“, sagt Lilian Gramlich von der Stadt. Eine Station musste komplett neu bestellt werden, weil sie zu stark beschädigt wurde. Der Bauhof kontrolliere regelmäßig alle zwölf Stationen. „Der Platzbedarf der Stationen ist gering. Die Kosten sind machbar. Der Gewinn für Radfahrer ist sehr hoch“, sagt Gramlich.

Für die Anschaffung gibt es über die Initiative „Radkultur Baden-Württemberg“ Geld vom Land. Seit 2016 wurden nach Angaben des Verkehrsministeriums 200 Stationen in 20 Kommunen bezuschusst. Mindestens sieben Kommunen kommen dieses Jahr hinzu. Seit 2018 werden auch Arbeitgeber gefördert, die Radstationen für Mitarbeiter einrichten.

Ein flächendeckendes Angebot von Radservice-Punkten sei wünschenswert, sagt ein Ministeriumssprecher. Das Land arbeite an einer Datenbank, in der alle Reparaturstationen aufgeführt werden. Einerseits habe ein „Vielzahl von Kommunen Interesse an Radservice-Punkten“, so der Sprecher. Deshalb werde eine Öffnung der Förderung über die Radkultur-Initiative hinaus für alle Kommunen geprüft. „Andererseits haben einige Kommunen aufgrund von möglichem Vandalismus und/oder der benötigten regelmäßigen Wartung Bedenken, Radservice-Punkte aufzustellen.“

Teilweise gebe es Befürchtungen wegen der Zerstörungswut, ja, weiß Thomas Gotthardt vom ADFC Kreisverband Göppingen. „Teilweise können Kommunen auch nicht einschätzen, ob die Stationen tatsächlich genutzt werden.“ Immer dann, wenn im näheren Umfeld noch keine Station vorhanden sei, gebe es diese Befürchtungen. „Deswegen hat die Realisierung der ersten Reparaturstation im Kreis Göppingen am längsten gedauert.“

2016 wurde die in Süßen installiert. Der Göppinger ADFC-Kreisverband war Pionier in Sachen Servicestationen. Seit 2014 war er dran am Thema.Vorbild waren Servicestationen in anderen europäischen Ländern. Zur Finanzierung wurden Firmen vor Ort gewonnen. „Nachdem auf diese Weise die ersten fünf Exemplare realisiert waren und sich gut bewährt hatten, haben die ersten Kommunen beschlossen, auch auf eigene Kosten eine Station aufzustellen“, sagt Gotthardt. 16 Stationen sind es inzwischen kreisweit. Drei kommen wahrscheinlich bis August hinzu.

„Die Verwaltungen können sich bei Nachbarkommunen informieren, bekommen positives Feedback“, erklärt Gotthardt. „Die Stationen werden, wenn der Standort stimmt, rege genutzt und bleiben von Vandalismus weitgehend verschont.“ Damit wachse das Interesse – und das große Ziel rücke näher: ein flächendeckendes Netz von Reparaturstationen.

Zuschüsse helfen

Im Rems-Murr-Kreis hat der ADFC 2019 erfolgreich für das „Göppinger Modell“ geworben. Ergebnis heute: 36 Stationen im Kreis. „Das könnte ein Vorbild für jeden Landkreis sein“, so Gotthardt. Wichtig sei, dass nicht zu kleine Reparaturstationen aufgestellt werden, ein Meter Höhe sei zu wenig, die seien häufiger defekt und schlecht zu sehen.

Zuschüsse helfen, sagt Gotthardt, wichtiger sei aber eine treibende Kraft, die sich um den Ausbau kümmere: „Engmaschig in einer begrenzten Region beginnen, in einer Stadt oder einem Kreis, dann das Netz vergrößern“, das sei das Erfolgsrezept für mehr Reparaturstationen.

Unerwarteter Zusatznutzen

Die Radservice-Stationen werden nicht nur bei „Unterwegspannen“ genutzt: „Mit steigendem Bekanntheitsgrad bringen immer mehr Menschen ihre Räder direkt von Zuhause zu einer Station“, sagt Thomas Gotthardt vom ADFC Kreisverband Göppingen. Wegen der besseren Luftpumpe und der praktischen Aufhängevorrichtung.

In der Radverkehrsplanung seien die Reparaturstationen ein „überaus sinnvoller Mosaikstein“. „Wenn ein Erfolg daraus werden soll, muss man die Dinge mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Konsequenz betreiben“, so Gotthardt. Seit 2014 beschäftige sich der ADFC-Kreisverband schon mit dem Thema. 2016 wurde in der Stadt Süßen die erste Reparaturstation aufgestellt.