Tübingen / Ulla Steuernagel Ein Dreijähriger stirbt nach einem Eingriff in der Tübinger HNO-Klinik. Ein Gutachter im Prozess sieht schwere Versäumnisse. Von Ulla Steuernagel

Der kleine Jonas wurde nur dreieinhalb Jahre alt. Er starb drei Tage nach einer Mandel-Operation. Der Eingriff war im Juni 2018 am Tübinger Klinikum (UKT). Am Dienstag wurde am Tübinger Landgericht die Schadensersatzklage der Eltern gegen die überweisende HNO-Ärztin, das UKT und den operierenden Arzt verhandelt.

Als er zwei Jahre alt war, wunderten sich die Eltern des Jungen, dass ihr im Oktober 2014 geborener Sohn nicht altersgemäß sprechen wollte. Er hörte schlecht. Grund waren Flüssigkeitsansammlungen im Mittelohr, ein Paukenerguss. Die Hörstörungen hatten zur Verzögerung in der Sprachentwicklung geführt.

Im Januar 2017 wurde der Junge zunächst in der Tübinger Lorettoklinik operiert. Bei der OP wurde eine Drainage mit Paukenröhren gelegt und eine Adenotomie gemacht. Umgangssprachlich wird letztere auch Polypen-Entfernung genannt, es handelt sich aber um Rachenmandeln. Im Lauf der Operation war es zu starken Blutungen gekommen.

Der Eingriff brachte nur vorübergehend Besserung, so die Eltern. Das Wachstum des Kindes machte den OP-Erfolg bald zunichte, der kleine Jonas hörte wieder schlecht. Drei Monate später wurde er in die Tübinger HNO-Klinik operiert, es wurde erneut eine Adenotomie mitsamt Trommelfellschnitt und Paukenröhrchen-Einlage vorgenommen.

Jonas war wegen der starken Blutungen während der ersten OP stationär aufgenommen worden. Laut Unterlagen hatte die Mutter von Jonas auch im Fragebogen der Klinik die Frage nach einer Gerinnungsanamnese für den Jungen und familiär bejaht. Trotz der Vorgeschichte wurde Jonas ein Jahr später im UKT wieder ambulant operiert.

Es kam hier zur dritten Adenotomie, einer Paukenröhrchen-Erneuerung und einer operativen Teilentfernung der Gaumenmandeln. Mandelentzündungen im eigentlichen Sinne hatte der Junge nie, so die Eltern, auch der Kinderarzt hatte keine diagnostiziert.

Der medizinische Sachverständige bezeichnete vor Gericht die komplette Entfernung von Gaumenmandeln (Tonsillektomie) als ein veraltetes Verfahren. Mandeleingriffe sehe man international längst sehr kritisch, auch in Deutschland setze sich das allmählich durch. Die 2018 publizierte Leitlinie der Fachgesellschaft der HNO-Ärzte empfehle mittlerweile alternative Verfahren. Die in Tübingen durchgeführte Operation sei zwar kein Verstoß gegen den Standard. Der Sachverständige kritisierte aber die Behandlungsmethode im speziellen Fall: „Ich kann es nicht nachvollziehen.“ Eine Dilatation, die Ausdehnung der Ohrtrompete im minimalinvasiven Katheterverfahren, wäre besser gewesen.

Der Beklagtenvertreter des UKT und des Operateurs zeigte sich darüber „bass erstaunt“. Alle von ihm befragten HNO-Ärzte betrachteten das Dilatations-Verfahren als noch „wenig etabliert“ – jedenfalls zum fraglichen Zeitpunkt und schon gar bei kleinen Kindern. „Aber wir sprechen von einer Uniklinik“, warf die Klagevertreterin ein. Prinzipiell hält der Gutachter ambulante Tonsillotomien für riskant, stationäre Eingriffe seien aber der höheren Kosten wegen „politisch nicht gewollt“. Im Fall des kleinen Jonas, der am dritten Tag nach der OP plötzlich starke Nachblutungen hatte und trotz Notarzt-Einsatz in der Klinik starb, kritisierte der Gutachter aber vor allem anderen als besonderes Versäumnis der behandelnden UKT-Ärzte, dass sie trotz der Warnsignale in der Patientenakte keine präoperative Blutgerinnungsdiagnostik gemacht hatten.

Der Gutachter hielt es für höchst wahrscheinlich, dass Jonas an einer genetisch bedingten Blutgerinnungsstörung, dem Willebrand-Jürgens-Syndrom, litt. Da es sich bei dem Jungen um keinen Notfall gehandelt hatte, hätte man mit dieser Diagnostik nicht operiert.

Der Operateur am UKT hielt dagegen, er habe in der Literatur keinen einzigen Beleg dafür gefunden, dass eine gestörte Blutgerinnung auch eine erhöhte Blutungsneigung bei operativen Eingriffen mit sich bringe. Damit überzeugte er die Zivilkammer nicht. Im Wissen, dass Geld das Leid der Angehörigen nicht kompensieren kann, schlug sie statt des in der Klage geforderten Schadensersatzes in Höhe von 100 000 Euro einen Vergleich in Höhe von 62 500 Euro vor. Die Entscheidung ist für 18. September vorgesehen.

Leitlinien als Richtschnur für die Ärzte

Die Leitlinien der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften sollen Ärzten helfen, wenn sie Entscheidungen in spezifischen Situationen treffen müssen. Sie beruhen auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und bewährten Verfahren. Rechtlich seien die Leitlinien nicht bindend, so das AWMF-Institut für Medizinisches Qualitätsmanagement an der Uni Marburg auf seiner Internetseite.