Stuttgart / Diana Prutzer Daniela Milz-Ramming ist Landespfarrerin für evangelische Gehörlosenseelsorge in Württemberg. Gebärdensprache ist schon seit ihrer Jugend ihre Leidenschaft. Von Diana Prutzer

Jeden Tag sitzt Daniela Milz-Ramming auf der blauen Bank ihres Balkons. Von dort aus wendet sich die Pfarrerin per Video an ihre Gemeinde. Ihre Mimik ist stark, ihr Mund bewegt sich und ihre Hände ­gestikulieren dynamisch. Über Whatsapp verschickt sie die Botschaften, in denen sie sich etwa zum Thema Impfen oder zur Bedeutung christlicher Feiertage äußert. Nur eines macht die 48-Jährige dabei nie: sprechen. Daniela Milz-Ramming ist Landespfarrerin für evangelische Gehörlosenseelsorge in Württemberg.

„Ich organisiere für die württembergische Landeskirche, dass Gehörlose zu ihrem Recht kommen“, beschreibt sie ihr Amt. Seit November 2019 leitet sie das Landes-Gehörlosenpfarramt, bereits ihr Vikariat hatte sie bei einem nebenamtlichen Gehörlosenseelsorger gemacht.

Zu ihrer Arbeit gehört nun „alles kirchliche Leben – von der Wiege bis zur Bahre“, und das an 16 Orten, die sie oder neben- und ehrenamtliche Kollegen betreuen. Gottesdienste, Treffen in Gruppen und Kreisen, Ausflüge mit Gemeindemitgliedern und die Begleitung von Familien gehören zu den Aufgaben in der Gehörlosenseelsorge.

Während der Corona-Pandemie gestaltet sich das bis auf Einzelgespräche schwierig: „Mein Tag besteht momentan aus struktureller Planung am Schreibtisch, Whatsapp und Videodrehs“, sagt Milz-Ramming. Rund 200 Menschen empfangen von ihr den Sonntagsgottesdienst digital. Angefangen hat das, seit sie auf dem Weg zu einem Gottesdienst wegen einer Sperrung auf der ­Autobahn keine Predigt halten konnte und das in einem Video nachholte.

Die Theologin, die mit ihrer Tochter in Lonsee-Urspring (Alb-Donau-Kreis) lebt, ist für die Gehörlosen-Gemeinden in Stuttgart und Ulm zuständig. Doch zu Trauungen oder Beerdigungen etwa fährt sie oft hundert Kilometer weit. Das nimmt die gebürtige Ochsenhausenerin gerne auf sich: „Ich liebe die Gebärdensprache, und es ist mir eine Ehre, dass die Gehörlosen mich als Hörende in ihren Reihen akzeptieren.“

In ihrer Familie und ihrem Freundeskreis hatte es niemand Gehörloses gegeben, als sie mit 15 Jahren anfing, sich für die Gebärdensprache zu begeistern. „Wenn man  eine Leidenschaft aus grundlosem Interesse hat an einer Sache, die einen überhaupt nicht kümmern braucht, und diese irgendwann dorthin führt, wage ich zu denken, dass das Berufung sein könnte“, sagt sie über ihren Weg in das jetzige Amt.

Schon als Kind hat sie Gläser über den Tisch geworfen, weil sie ihre Hände gebraucht hat, um zu erzählen. „Es ist so was Wunderbares, wenn der ganze Körper beim Sprechen mit darf“, sagt Milz-Ramming zu ihrer Leidenschaft und setzt auch dafür die Hände ein.

Die Herausforderung an ihrer Arbeit ist, dass sie sich auf eine Subkultur einlässt. „Die Gehör­losen haben eigene, typische ­Verhaltensweisen, sie sind ge­radliniger, manchmal auch zögerlich, wem oder was sie vertrauen können“, sagt sie. Doch vor allem sind sie „irrsinnig gesellige ­Menschen“. Gottesdienste finden nie ohne anschließendes Kaffeetrinken und Beisammensein statt. Zuvor begrüßen sich alle mit Küsschen und Umarmung und „die Abschiedsrituale sind endlos“.

Die Gottesdienste für Gehörlose sind kürzer und visuell ­gehalten. Das Orgelspiel zum ­Beispiel wird durch Bilder ersetzt, denn ohnehin werde alles unter Einsatz einer Powerpoint-Präsentation visualisiert. Zwei Lieder kann man sogar mit der hörenden Gemeinde zusammen singen. „Es ist sehr beeindruckend, wenn alle zusammen gebärden“, schwärmt sie.

Bei den Gehörlosen hat Kirche einen guten Ruf, weil sie vor dem Staat und vor den Schulen auf Gebärdensprache umgeschwenkt ist, erzählt sie. „Alle Welt denkt, Gehörlose können ja alles Geschriebene oder von den Lippen lesen.“ Doch das sei falsch, und für die meisten Gehörlosen sei Deutsch eine Fremdsprache. „Ihre erste Sprache ist das Sehen.“

Ihre Chancen, vor allem in Bezug auf eine qualifizierte Ausbildung, sind nach Meinung von Milz-Ramming begrenzter, der Zugang zur Bildung mühsam. Gerade deshalb würde sie sich wünschen, dass einmal ein Gehörloser ihren Job machen würde, doch weiß sie, dass die wenigsten ein so wortlastiges Studium wie Theologie beginnen.

Dass ausgerechnet der Gebärden-Ausdruck für „Langweilig“ mit der Geste gebärdet wird wie bei der Formel  „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, weckt die Leidenschaft der Pfarrerin. Dagegen möchte sie angehen. „Kirche braucht nicht langweilig sein – nicht für Hörende, nicht für Kinder und nicht für Gehörlose.“

Erst seit 2002 anerkannt

Bei der Gehörlosenseelsorge handelt es sich um eine Pfarrstelle der Evangelischen Landeskirche, die sich über ganz Württemberg verteilt. Es gibt insgesamt 16 Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone und eine Diplom-Theologin, die in verschiedenen Gemeinden neben- und ehrenamtlich mithelfen.

Das Landesgehörlosenpfarramt mit Sitz in Stuttgart koordiniert die Aufgaben und die Fortbildung. Von dort aus werden Gottesdienste, Kasualien, Konfirmationen, Seelsorge und Freizeiten angeboten. Bei den Gehörlosengottesdiensten kommen häufig bis zu 80 Menschen zusammen.

In Deutschland gibt es ungefähr 80 000 Menschen, die gehörlos sind. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist als vollwertige Sprache erst seit dem Jahr 2002 anerkannt. Sie verfügt über ein eigenständiges Sprachsystem. Die Grammatik unterscheidet sich grundlegend von der Laut- und Schriftsprache.