«Ich vermisse dich sehr», schreibt Ida unter einen Brief an ihren Papa. Auf dem Esstisch vor der Zehnjährigen herrscht ein buntes Durcheinander aus Stiften, Glitzersteinen und Papier. Auch ihre drei Brüder und ihre Mutter basteln an Botschaften. Es sind Briefe, die nicht in einer Box am Straßenrand landen, sondern am Grab des Familienvaters – in einem Grabstein mit Briefkasten. Die Familie aus dem Schwarzwald geht mit ihrer Trauer kreativ um.
Vor rund drei Jahren war Familienvater Klaus Schmid an Krebs gestorben. Seitdem spreche die Familie oft über den Tod und nehme vieles mit Humor, erzählt Mutter Christina Schmid. Mit Ida, Ben (13) und den sechsjährigen Zwillingen redet sie immer wieder über den «Löwenpapa», wie ihn die Familie nennt.
Picknick auf dem Friedhof
Das Grab in Bad Wildbad im Schwarzwald ist für die Fünf von Anfang an ein wichtiger Ort. Dort, so erzählt Christina Schmid, fühlen sie sich verbunden und dem Familienvater nahe. Gemeinsam picknicken sie auf einer Bank, essen die Lieblingskekse des Vaters oder lassen für ihn Bier über das Grab fließen.
Lange fehlt der Grabstein. Christina Schmid findet kein Design, das ihren Mann widerspiegelt, kein Konzept, das ihre Kinder einbezieht. Das ist ihr wichtig, denn: «Es ist unser Ort und es sollte zu uns passen», sagt sie.
Mutter: Jedes Grab erzählt eigene Geschichte
Über eine Online-Plattform stößt sie auf eine Firma aus dem nahen Freudenstadt, die Grabsteine mit Briefschlitz baut. Das Design gestaltet die Familie mit. So ist an der Seite des Grabsteins ein Fingerabdruck des Vaters eingearbeitet, den sie zur Begrüßung berühren. Vorn auf dem Stein ist ein Löwenkopf nach einer Zeichnung von Sohn Ben und ein Herz aus Steinen platziert, die die Familie im Urlaub gesammelt hat.
«Das ist das Schöne, dass auch die Kinder das Gefühl haben, wir haben den Grabstein entworfen», sagt Christina Schmid. Jedes Grab erzähle eine andere Geschichte, findet die 43-Jährige. «Jede Trauerfamilie hat eine eigene Geschichte und es passt zu jedem individuell.»
Trauerexpertin: Gräber werden kreativer
Trauernde Personen und Familien hätten schon immer nach Wegen gesucht, etwas individuell zu machen, sagt die langjährige Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul. Mittlerweile sei von Jahr zu Jahr mehr möglich, auch bei Bestattungen und Trauerfeiern. «Wir haben eine unglaublich kreative Szene und auch Industrie», so Paul. Und auch die Gräber seien insgesamt kreativer geworden.
Briefe zu schreiben, sei ein Klassiker in der Trauerbegleitung - aber auch von trauernden Menschen selbst, sagt Paul. Mal würden sie Briefe ins Tagebuch schreiben oder die Botschaften verbrennen und die Asche auf die Gräber streuen. «Und ich glaube, diese Briefkastenidee ist da einzuordnen, dass Menschen einen Ort haben, wo sie hingehen können, um mit dem Brief ihre Gedanken mit Verstorbenen zu teilen.» Solche Regelmäßigkeiten könnten in der Trauer helfen, den Alltag zu strukturieren.
Botschaften werden biologisch abgebaut
Wenn die Familie neue Kraft braucht, besucht sie das Grab und wirft Briefe ein: Liebesbriefe, kleine Geschichten oder Dinge, die nur der Papa wissen soll. Der Stein ist nach unten hin zur Erde offen, so dass sich die Botschaften natürlich zersetzen können.
«Da kann ich dann einfach einen Brief nehmen und alles reinschreiben, was mich gerade bedrückt und was ich ihm gerade sagen möchte», sagt der 13-jährige Ben. Dieses Mal lädt er seinen Vater zu seiner Konfirmation ein und erzählt, wie er ihn auch an dem besonderen Tag bei sich trägt - mit einem Foto in einer Brosche. Auch Ida erzählt in ihren Briefen von allem, was bei ihr gerade im Leben passiert. «Ich hab auch das Gefühl, dass Papa das hört und auch versteht», sagt sie.
Friedhof als «lebendiger Ort»
Die Grabsteine mit Briefschlitz seien vor allem ein Trauerhelfer, sagt Tim Busam, einer der Gründer der Firma Allivestone, die die Grabsteine mit Briefschlitz anbietet. «Am Ende des Tages ist es ein Seelsorger, der auf psychologische Art und Weise den Menschen Halt gibt, Orientierung gibt, mit Trauer umzugehen.» Der Stein sei ein geschützter Raum. «In dem Moment, in dem man das Eingeworfene loslässt, hat man es tatsächlich auch losgelassen», sagt er. Niemand komme an den Inhalt.
Früher sei der Friedhof ein Begegnungsort gewesen. Statt über Handy oder Telefon zu sprechen, saß man dort gemeinsam auf der Parkbank, so der 28-Jährige. Da setze der Briefkasten im Grabstein an. Der Friedhof dürfe ein «lebendiger Ort» sein, ein Austauschraum. «Trauer und Tod ist alles andere als leblos», sagt er.
«Es gibt keine Trauerpolizei»
Austausch und Offenheit sind auch für die Familie der Schlüssel beim Trauern. Ob an den Wänden, auf den Fensterbänken oder am Kühlschrank - überall in der Wohnung erinnern Fotos und Botschaften an den Vater. «Jedes Kind darf seine eigene Vorstellung haben. Es gibt keine blöde Frage, kein zu viel, kein falsch», sagt Christina Schmid. «Ich sage immer: Es gibt keine Trauerpolizei.»

