Stuttgart / Roland Muschel Johannes Kretschmann, Stefan Teufel, Julia Goll: Drei Kandidaten für Bundes- und Landtag mit einem bekannten Nachnamen. Ist das Chance, Risiko - oder beides zugleich? Von Roland Muschel

Johannes Kretschmann mahlt die Bohnen von Hand, kocht dann für den Gast einen Fair-Trade-Kaffee, für sich einen Bio-Tee. Auf dem Holztisch der heimischen Küche in Sigmaringen-Laiz steht eine Vase mit drei Sonnenblumen. Es ist der Strauß, den er wenige Tage zuvor anlässlich seiner Nominierung erhalten hat: Johannes Kretschmann, 42, Religionswissenschaftler, ledig, tritt 2021 für die Grünen im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen  für den Bundestag an. Das wäre erst mal keine Nachricht, die bundesweit Beachtung fände – wäre sein Vater nicht Winfried Kretschmann, 73, seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ein grüner Erfolgsgarant.

Wie also ist das, wenn man mit einem großen Namen ausgestattet in die politische Arena tritt? Ist das eher Vor- oder Nachteil, beides zugleich? Die medialen Zuschreibungen jedenfalls sind oft negativ geprägt. Bei berühmten politischen Familien wie den Kennedys in den USA etwa klingen sie feudal, bisweilen auch halbseiden: Dynastie, Erbhof, Clan. Das lässt völlig außer Acht, dass jeder Kennedy, jeder Kretschmann, sich einer demokratischen Wahl stellen muss. Bei der, andererseits, Bekanntheit ein Wert an sich ist. Und sei sie, zumindest fürs Erste, nur geliehen.

Hohe Erwartungen

„Die Erwartungen an mich sind wahrscheinlich höher als an andere“, sagt Johannes Kretschmann.  2014 hat der freie Journalist und Autor erstmals für den Kreistag in Sigmaringen kandidiert. Um die Liste zu füllen, nicht um reinzukommen. Gewählt wurde er trotzdem. „Das war der Name, ohne Zweifel.“ Er hat ihm die Tür geöffnet. Nicht weniger, auch nicht mehr. „Wenn man Kommunalpolitik macht, ist das keine Show. Das ist harte Arbeit. Da ist der Name kein Vorteil. Im Gegenteil, er polarisiert oft.“ Einmal hatte er als Dialekt­experte einen Auftritt im Staatsministerium. Die SPD vermutete, dass Geld geflossen sei, rief: Vetternwirtschaft! Johannes Kretschmann nennt es einen „Möchtegernskandal“, seine Expertise war kostenlos. Ziel des Angriffs war der Vater, getroffen hat es ihn.

Spannendes Duell

Die Politik reizt ihn trotzdem. „Die Arbeit im Kreistag hat mich angefixt, weil ich gemerkt habe, wie relevant es ist, dass wir selbst als 10,7-Prozent-Partei für mehr Biodiversität auf öffentlichen Grünflächen sorgen können.“  2016 trug ihm der Kreisvorstand die Kandidatur für den Landtag an, er lehnte ab. Zu nah am Vater, die Abnabelung hatte er hinter sich. Dabei sind sie sich durchaus ähnlich: im Werben für den Klimaschutz; im Blick darauf, was mehrheitsfähig ist; in der Fähigkeit zu zweifeln. Winfried Kretschmann gilt als Superrealo. Johannes Kretschmann ist bei den Realos organisiert, sucht aber auch das Gespräch mit den Parteilinken. „Es gibt linke Grüne wie Winne Hermann, die bewundere ich. Der bringt den Regio-Bus in den Landkreis, das ist grüne Politik! Und es gibt Realos, bei denen ich denke: Wieso seid ihr nicht in der FDP?“ Bei den Kommunalwahlen 2019 legte er sich ins Zeug, warb selbst Kandidaten, die Grünen holten im Kreis 18 Prozent – und wählten Johannes Kretschmann zu ihrem Fraktionschef im Kreistag. Als ihm die Kandidatur für den Bundestag angetragen wurde, sagte er ja. Es ist ein anderes Spielfeld, keines, das der Vater schon besetzt hat. Bis dato war die Kandidatur eine reine Pflichtveranstaltung, die Niederlage eingeplant. Diesmal gibt es, dank des Höhenflugs der Grünen,  leise Hoffnung. Erstmals kam es zu einer Kampfkandidatur. „Durch den Vorwahlkampf habe ich gemerkt: Politik heißt Spannung, Druck, Konflikt.“

Es ist ein Unterschied, ob es der Vater beim Familienfrühstück erzählt – oder man es selbst erlebt. Aber als Marathonläufer hat er eine hohe Frustrationstoleranz. Mit CDU-Platzhirsch Thomas Bareiß, Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung, hat er einen schweren Gegner. Kretschmann versus Bareiß, das klingt nach einem Duell, das selbst im bislang tiefschwarzen Bundestagswahlkreis Spannung und hohe Aufmerksamkeit verspricht.

„Natürlich spielt der Name eine Rolle“, sagt Julia Goll bei einer Tasse Kaffee im Stuttgarter Justizviertel. Goll, 55, Richterin am Landgericht, verheiratet, fünf Kinder,  kandidiert 2021 für die FDP im Wahlkreis Waiblingen für den Landtag. Sie kämpft damit um die Nachfolge ihres Mannes, Ulrich Goll, 70, bis 2011 Vize-Ministerpräsident und Justizminister des Landes – und bis heute Abgeordneter. Gleicher Name, gleiche Partei, gleicher Wahlkreis. Sie ist ganz froh, dass sie bei der Nominierung einen Gegenkandidaten hatte, so kann niemand von einem Erbhof reden. Seit 1999 ist sie in der Kommunalpolitik aktiv, erst in Leonberg, dann in Waiblingen. Am Anfang, sagt sie, habe sie vielleicht ein paar Vorschusslorbeeren erhalten. Bei den jüngsten Kommunalwahlen hat sie in Waiblingen das zweitbeste Wahlergebnis eingefahren, nur ein CDU-Bäckermeister war besser. „Das muss auch mit mir zu tun haben.“ Sie ist Frau genug, sich nicht auf ihren Gatten reduzieren zu lassen.

Bildung ist ihr zentrales Anliegen. „Die Absenkung des Klassenteilers halte ich für das A und O guter Bildungspolitik.“ Da hofft sie, auf Landesebene mehr bewegen zu können als in der Kommunalpolitik. Dass die größere Bühne ihren Tribut fordern kann, ist ihr bewusst. Ihr Mann war zweimal FDP-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, die Kinder mussten auf dem Weg zur Schule an verunstalteten Wahlplakaten vorbei.  Aber sie will etwas bewegen. Und Abendtermine schrecken sie nicht, die hat sie auch als Gemeinderätin. „Ich kenne es gar nicht anders.“

Bei der ersten Vereidigung seines Onkels  Erwin Teufel zum Ministerpräsidenten 1991 saß Stefan Teufel, gerade volljährig, auf der Zuschauertribüne des Landtags. Er war stolz auf den heute 80-jährigen Onkel, ist es noch. „Er war der richtige Ministerpräsident zu seiner Zeit.“  Jetzt sitzt Stefan Teufel, 48, Betriebswirt, verheiratet, drei Kinder, in der Pause eines langen Sitzungstages auf der Terrasse der Landtagsgaststätte. Er hat selbst Karriere gemacht, ist mit Mitte 20 jüngstes Mitglied im Kreistag von Rottweil, seit 2006 direkt gewählter CDU-Abgeordneter in Stuttgart, seit 2016 Vize-Fraktionschef im Landtag. Auf Delegationsreisen wird er schon mal gefragt: Haben Sie etwas mit dem Erwin Teufel zu tun? Und er hat erfahren, dass schnell Schubladen aufgehen können. Dass er etwa auf die Familienpolitik seines Onkels reduziert wird, die wenig Bedarf für staatliche Betreuungsangebote sah. Stefan Teufel, ausgleichendes Wesen, mehr besonnener Sachpolitiker als polternder Festzeltredner, nippt an seinem Cappuccino, sagt dann: „Betreuungsangebote für Familien sind wichtig. Jede Zeit braucht ihre eigenen Antworten.“

Wenn ihn jemand politisch geprägt habe, dann sein verstorbener Vater, ein Landwirt, im Ehrenamt Vorsitzender des Kreisbauernverbands. Wertgleiche Lebensverhältnisse in Stadt und Land, das sei das Motto des Vaters gewesen. Es ist auch das von Stefan Teufel. Beim berühmten Onkel, der den Nachbarwahlkreis im Landtag vertreten hat, konnte er studieren, dass Politik auch Schattenseiten hat. Dass das Mandat ein Dauerzustand ist, kein Beruf mit festem Feierabend, freiem Wochenende. Geschreckt hat es ihn nicht. Der Gestaltungswille ist größer. Bei Stefan Teufel, Julia Goll, Johannes Kretschmann.

Zollernalb mit Frühstart

Für die Bundestagswahl kann erst seit dem 25. Juni nominiert werden, die Grünen im Wahlkreis Zollernalb-­Sigmaringen waren damit bei der Nominierung von Johannes Kretschmann früh dran. Spätestens können die Parteien ihre Kandidaten bis zum 69. Tag vor der Bundestagswahl im Herbst 2021 aufstellen.

Für die Landtagswahl kann bereits seit dem 1. Februar nominiert werden, viele Versammlungen mussten wegen Corona aber verschoben werden.  Zeit bleibt maximal bis zum 59. Tag vor der Landtagswahl Mitte März 2021.